PaläopathologieMordsache Medici

Anfang Juli werden in Italien 49 Mitglieder der berühmten Florentiner Familie exhumiert. Mit Hilfe ihrer Gebeine wollen Paläopathologen die Gewohnheiten und Krankheiten der Medici erforschen – und einige mysteriöse Todesfälle klären von Bettina Gartner

Giovanni delle Bande Nere

galt als Haudegen der Medici. Er starb bei einer Beinamputation anno 1526. Was ging da schief?

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Abb.: Erich Lessing/akg-images; ZEFA

Die schöne Venezianerin

Bianca Cappello war in der Toskana nicht beliebt. Setzte Arsen ihr und ihrem Ehemann Francesco de Medici (rechts) ein jähes Ende? Abb.: Stefano Bianchettti/corbis; ZEFA

Abb.: Rabatti-Domingie/akg-images; ullstein

Auch wenn sein Tun frevelhaft wirkt: Göttlicher Beistand ist ihm gewiss. Die italienische Kurie hat Gino Fornaciari ihren Segen erteilt. In der kommenden Woche rückt der Professor für Paläopathologie berühmten Toten zu Leibe. Die Knochen der Medici, Toskanas Vorzeigefamilie der Renaissance, werden exhumiert. In der Florentiner Kirche San Lorenzo hat die Banker-Dynastie ihre letzte Ruhe gefunden. Aber nun werden Weihrauch und Pilger ausgesperrt, und die Wissenschaft hält Einzug in die heiligen Hallen. Die Medici-Kapellen werden zum Laboratorium: tragbare Röntgenapparate, Bohrer, Sägen, Pinzetten und Skalpelle werden herbeigeschafft. Das Team um Gino Fornaciari will erst die Gebeine analysieren – und dann der Familiengeschichte, die jetzt schon voller List und Intrigen, Verbannung und Mord ist, eventuell einige brisante Kapitel hinzufügen.

Die steile Karriere der ehemaligen Herrscher von Florenz beginnt gegen Ende des 14. Jahrhunderts, als Giovanni di Bicci aus dem Medici-Clan zum Bankier der städtischen Kurie aufsteigt. Er betreibt das Geldgeschäft mit viel Geschick, bald stehen Könige und Päpste in der Schuld der Familie. Außerdem scheffeln sie durch den Handel mit englischen Tüchern und Gemälden, Pferden und Olivenöl ein Vermögen, mit dem sie Kunst und Kultur fördern und das ihnen die Türen der europäischen Fürstenhäuser und des Vatikans öffnet. Doch Glanz und Glorie sorgen auch für Feinde, die mehrmals versuchen, die Familie aus der Stadt zu vertreiben. Es bricht eine Zeit der Verschwörungen an. Als erstes Opfer wird 1478 Guiliano I. während einer Messe im Florentiner Dom erstochen. Der Anschlag hat eigentlich seinem Bruder Lorenzo gegolten. Doch der kann verletzt entkommen.

Die 300 Jahre umspannende Familiensaga – die Medici regierten Florenz bis 1737 – ist reich an dunklen Flecken. Mit der Exhumierung der Gebeine sollen einige beseitigt werden. Unter welchen Krankheiten haben die Medici gelitten, wie haben sie gelebt, was haben sie gegessen, und woran sind sie gestorben? Solchen Fragen wollen die Wissenschaftler aus Pisa, Florenz, New York und Duluth in den kommenden zwei Jahren nachspüren. Die Florentiner Behörden haben ihre Zustimmung erteilt, das italienische Hochschulministerium stellt knapp 100000 Euro bereit.

Ein Mammut-Projekt, selbst für den 58-jährigen Fornaciari, den Pionier der Paläopathologie in Italien. Seit 25 Jahren hebt er Leichen aus Gräbern, inspiziert die knöchernen Überreste und schnippelt Gewebeproben aus ledrigen Hautfetzen. In seinem weißen Kittel würde er eine gute Figur als Chefarzt abgeben. Allerdings ist von seinen Patienten nicht viel übrig geblieben: Kartons voller Knochen stapeln sich in seinem Labor, einer kleinen Kammer im Pisaner Krankenhaus Santa Chiara. Totenköpfe lugen ihm beim Arbeiten über die Schulter. Die Szenerie seiner Wirkungsstätte ist für Fornaciari nichts Ungewöhnliches: „Was wir machen, ist weder makaber noch pietätlos, sondern eine wissenschaftliche Untersuchung, die Unmengen an Informationen liefert.“

Zu seinen prominenten Untersuchten zählen der Heilige Antonius (seine starken Sehnen zeigen, dass er viel gelaufen ist), der Musiker Luigi Boccherini (er litt unter Arthrose im rechten Daumen – verursacht durch das Cellospiel), der Veroneser Stadtherr Cangrande della Scala (er glänzte mit einem perfekten Gebiss ohne Karies) und die Heilige Zita (da sie oft Reste aus den Töpfen kratzte, litt sie an Bleivergiftung und war am Ende ihres Lebens klapperdürr).

Auch die Medici versprechen pikante Details. Denn das Klima in der Familiengruft ist sehr trocken und bietet ideale Bedingungen für eine natürliche Konservierung der Toten durch Mumifizierung. Für eine Woche wird jeder Leichnam seinen Marmorsarg verlassen. Ein erster Schnelltest erfolgt vor Ort in der San-Lorenzo-Kirche. Die Forscher entnehmen Gewebeproben und führen eine rasche Autopsie durch. Danach kommt der Rund-um-Check im städtischen Krankenhaus di Careggi. Dort warten Röntgenapparate und Computertomografen. Fornaciari und seine Mitarbeiter extrahieren aus Skelett und Haaren DNA-Proben und durchleuchten mit einer winzigen Kamera das Innenleben der Mumien. Schließlich müssen die obduzierten Medici auch ein bisschen inneres Gewebe lassen: Ein Stück der Luftröhre und ein Teil der Aorta werden für spätere Tests in Paraffin gelegt. Dann geht’s zurück ins Grab.

Turbulente Zeiten. Doch die Medici sind nicht verwöhnt, was ihre Totenruhe betrifft. Bereits 1791 wurden einige ihrer Särge aus Platzgründen beiseite geschafft und 1857 die sterblichen Überreste erstmals exhumiert. Knapp 100 Jahre später machte sich der Anthropologe Giuseppe Genna im Zuge von Restaurierungsarbeiten daran, 13 Mitglieder des Medici-Clans zu untersuchen. Unter ihnen Lorenzo der Prächtige, der als besonders klug galt. Dieser Musterknabe war eine imposante Erscheinung. Sein Gehirn wog wesentlich mehr als das des modernen Durchschnitts-Italieners.

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