Wir müssen wieder über Falludscha reden, leider. Diese Stadt ist weder schön, noch hatte sie in der jüngeren Zeit viel mehr zu bieten als eine Kette von Grausamkeiten. Da gab es geschändete Leichen, erbitterte Straßenkämpfe, heftige Bombardements und alles, was ein Krieg noch so mit sich bringt. Und nun wieder Falludscha. Am Sonntag feuerte ein US-Kampfjet eine Rakete auf ein Wohngebiet und tötete mehr als 20 Menschen. Der Sprecher der US-Armee, General Mark Kimmit, begründete den Angriff damit, dass sich in der Gegend Abu Mussab Zarkawi befunden habe, einer der meistgesuchten Terroristen. Die Iraker vor Ort bestreiten das.

So weit ist das eine ganz normale Geschichte, eine aus dem Irak im Krieg. Doch ist diesmal vieles anders. Am 30. Juni endet die Besatzungszeit. Das besagt die Resolution des UN-Sicherheitsrates 1546 vom 8. Juni 2004. Es gab viel Applaus an diesem Tag, denn die internationale Gemeinschaft hatte nach mehr als einem Jahr der Uneinigkeit endlich wieder zu einer gemeinsamen Linie gefunden. Die Resolution war einstimmig verabschiedet worden. US-Präsident George W. Bush feierte die Resolution 1546 als den Beginn einer neuen Zeitrechnung für den Irak.

Zu Recht, denn diese Resolution stellt in der Tat eine Wende dar. Einem weit verbreiteten Missverständnis zufolge erhält der Irak am 30. Juni seine Souveränität zurück, aber die hatte er formal nie verloren. Jetzt soll sie allerdings in eine faktische Souveränität umgewandelt werden. Das heißt: Die Besatzung geht zu Ende. Die Provisorische Zivilverwaltung wird demnach aufgelöst, ihr oberster Herr, Paul Bremer, wird in die USA zurückkehren. Die Besatzungstruppen bleiben auf ausdrückliche Bitte der irakischen Regierung, werden aber in Multinationale Truppen (MNF) umbenannt. Mitte Juli wird eine Nationale Konferenz stattfinden, um Wahlen vorzubereiten, die nicht später als am 31. Januar 2005 abgehalten werden sollen. Dann wird auch das Mandat der MNF auslaufen. Bis dahin soll eine Übergangsregierung unter Ministerpräsident Ijad Allawi alleinverantwortlich die Geschäfte führen.

Nach dem 31. Januar 2005 also wäre der Irak endlich so, wie ihn sich die USA, und nicht nur sie, vorstellen: Er hätte eine demokratisch gewählte Regierung, die erste und einzige im arabischen Nahen Osten. Ein Traum wird zur Wirklichkeit, auf dem geduldigen Papier einer UN-Resolution. Der Weg ist vorgezeichnet. Nun stellt sich die Frage: Wie kommt man dahin? Wird die beschlossene Wende zur realen Wende im Irak? Falludscha kann auf diese Fragen exemplarisch ein paar Antworten liefern.

Die Stadt war de facto so gut wie nie besetzt. Mit einem Schuss bitterer Ironie könnte man sagen, dass sie seit dem Fall von Saddam Hussein immer schon souverän war. Diese "Souveränität" hatte zur Folge, dass rund um die Stadt Dutzende amerikanische Soldaten ihr Leben ließen, dass die US-Armee versuchte, das Widerstandsnest zu zerstören, und sich nach Wochen der Belagerung schließlich zurückziehen musste. Sie überließ die Überwachung von Sicherheit und Ordnung der so genannten Falludscha-Brigade, die aus ehemaligen irakischen Soldaten besteht und von einem Oberst kommandiert wird, der bei Saddam Hussein in Ungnade gefallen war. Im Grunde ist das eine Miliz, von der nicht ganz klar ist, wem sie untersteht. Die Parabel von Macht und Ohnmacht der Supermacht entfaltete sich also in Falludscha vor den Augen der gesamten Welt.

Nun wird die Welt Zeuge eines neuen Kapitels. Als die US-Armee sich am Sonntag zu dem Raketenangriff entschloss, warf das genau jene Frage auf, die bei der Abfassung der UN-Resolution am schwierigsten zu beantworten war. Was geschieht, wenn die US-Armee eine Militäroperation beschließt? Darf die souveräne irakische Regierung ein Veto einlegen? Darf sie mitreden, und wenn ja, wie viel Gewicht hatte ihre Stimme?

Der UN-Sicherheitsrat umschiffte dieses Problem, indem er der Resolution 1546 zwei Briefe hinzufügte, einen vom irakischen Ministerpräsidenten Ijad Allawi und einen von US-Außenminister Colin Powell. Allawi schreibt darin, dass ein "Komitee der Regierung und der MNF gegründet wird, um in Sicherheitsfragen zu kooperieren". Powell verspricht, dass der "Kommandeur der MNF partnerschaftlich mit der souveränen irakischen Regierung zusammenarbeiten wird. Dieser wird dabei die Souveränität des Iraks anerkennen und respektieren." Wichtige Worte, deren Wert schnell vor Ort überprüft werden kann.

Es steht außer Frage, dass der von der Resolution 1546 vorgesehene Zeitplan nur in die Tat umgesetzt werden kann, wenn die Gewalt im Irak auf ein erträgliches Maß gebracht wird. Das wissen auch Terroristen. Deshalb haben sie in den Tagen vor dem 30. Juni ihre Aktivitäten verstärkt. Täglich gehen Bomben hoch, die zahlreiche Menschen töten. Ziel sind dabei vor allem Iraker, die bereit sind, für den neuen Irak zu arbeiten – Polizisten, Armeerekruten, Dolmetscher, Politiker. Systematisch soll "herausgeschossen" werden, wer mit den USA kooperiert. Vor allem aber wollen die Terroristen den Eindruck erwecken, dass auch die neue irakische Übergangsregierung nicht in der Lage ist, das Land in den Griff zu bekommen. Willkürlich herausgegriffene ausländische Geiseln werden geköpft. Heute schon geht nach Angaben von Unicef nur mehr jeder dritte Schüler zur Schule, weil die Eltern um das Leben ihrer Kinder fürchten. Bleibt die Lage so, kommt dies einem Todesstoß für diese Regierung gleich. Die Fähigkeit, Sicherheit zu bieten, ist die einzige Säule, auf die sie sich stützen kann. An Legitimität fehlt es ihr, weil sie nicht gewählt worden ist. Sie muss sich durch Stärke beweisen. Nur daraus erwächst ihr Popularität.