Am Morgen des 7. März 1981 nahm der Dirigent Kyrill Kondraschin ein Taxi von seinem Amsterdamer Hotel zum nahen Concertgebouw, wo das NDR-Sinfonieorchester wartete. Der Exilrusse sprang in seiner holländischen Wahlheimat kurzfristig für Klaus Tennstedt ein, es gab Mahlers 1. Symphonie D-Dur, genannt Der Titan. Es wurde eine glühende, von ländlicher Traurigkeit und musikantischem Biss getriebene Aufführung. Kondraschin knebelte den Titan nicht, er ließ ihn gewähren. Abends kehrte er in sein Hotel zurück. Dort erlag er einem Herzinfarkt.

Der Mitschnitt der Aufführung lag 23 Jahre lang im Hamburger Schallarchiv des NDR. Jetzt ist er als bewegendes Dokument (EMI 5 62856) einer wunderbaren Veröffentlichungsserie mit dem NDR-Sinfonieorchester wieder greifbar. Es sind Aufnahmen aus der Frühzeit stereofoner Aufzeichnung, vornehmlich aus den sechziger Jahren, mitunter drückt noch die Enge des Klangs, doch wird man nicht unfroh dabei, denn man spürt beim Musizieren eine ungewöhnliche Sorgfalt. Das NDR-Orchester war damals um Genauigkeit nicht verlegen, denn es besaß einen Chef, dem alles Äußerliche abging: Hans Schmidt-Isserstedt. Der war als Bewahrer hanseatischer Orchesterkultur weithin geachtet, denn er hatte das NDR-Orchester 1945 gegründet und 26 Jahre lang keine Notwendigkeit gesehen, anderswo feste Engagements einzugehen. Nur in Hamburg wusste er, was sorgenfrei ging und wo er kapellmeisterlich die Feile ansetzen musste.

Bisweilen packte Schmidt-Isserstedt bei Unvertrautem energisch zu, etwa bei Strawinskys Sacre du Printemps (EMI 5 62853), bei Hindemiths Mathis-Sinfonie (EMI 5 62854) oder bei Bartóks Konzert für Orchester (EMI 5 68522) - bisweilen konnte er sich aber auch der Schwerelosigkeit überlassen, dann entstanden kostbare, gänzlich uneitle Momente mit drei späten Mozart-Sinfonien (EMI 5 62851), in deren letzter Jupiter selber die Musik zu herrlicher olympischer Ordnung führen durfte. Dass Schmidt-Isserstedt zudem ein warmherziger, zugleich strukturell denkender Brahms-Dirigent war, kann man bei den Sinfonien (EMI 5 62844) wie bei den Klavierkonzerten mit Claudio Arrau (EMI 5 62848) mit erhebender Freude hören. Die erinnern an die späteren NDR-Erlebnisse mit Günter Wand. Der wollte auch nichts anderes sein als ein dienender Meister seiner Kapelle.