Es hat ihr Spaß gemacht, unverkennbar. Außenpolitik ist Kanzler-, Premier- und Präsidentensache, da sind sie noch souverän oder können wenigstens so tun, (scheinbar) entlastet von der Mühsal mit Partei und Opposition. Hier bin ich Chef, hier darf ich’s sein – besonders wichtig im Augenblick für Gerhard Schröder, der daheim nicht viel zu bestellen hat. Nun ist Angela Merkel auf dem EU-Gipfel in der vergangenen Woche auch in dieses letzte Machtrefugium eingedrungen. Wenn der Belgier Guy Verhofstadt, der Wunschkandidat von Schröder und Jacques Chirac, nicht Kommissionspräsident geworden ist, dann war das nicht zuletzt Merkels Werk.

Man reibt sich die Augen und fragt sich, ob man etwas verpasst hat. Die Europapolitikerin Angela Merkel – wer soll das sein, gibt es die überhaupt? Edmund Stoibers besondere Kennzeichen auf diesem Gebiet sind bekannt: die professionelle Vertretung bayerischer Spezialinteressen und je nach politischer Opportunität das an- oder abschwellende volkstümliche Gekoller gegen Bürokratie und Zentralismus. Die CDU-Chefin hat kein Brüsseler oder Anti-Brüsseler Image. Aber jetzt hat sie in Brüssel mitgespielt, ohne dazuzugehören, uneingeladen, als Zaun- und Überraschungsgast, und dass es zum Leidwesen des Bundeskanzlers geschah, wird das Vergnügen nicht verringert haben.

Die Verhofstadt-Verhinderung ist insofern ein europäisches Lehrstück, als sie das merkwürdige Zwitterwesen der EU zwischen Außen- und Innenpolitik zeigt, das Sichüberkreuzen und Ineinanderspielen von Staateninteressen und Partei- und Lagerlogik. Auf der Staats- und Regierungsebene wollten vor allem die Briten den Belgier nicht: zu integrationsversessen und zu antiamerikanisch; Verhofstadt war Gastgeber des Brüsseler "Pralinengipfels" gewesen, auf dem die Gegner des Irak-Kriegs eine demonstrative europäische Militärplanung in die Wege leiteten. Im politischen Richtungsstreit wollten die europäischen Konservativen ihren Sieg bei der Wahl zum EU-Parlament auskosten und nicht mit Verhofstadt einen (Links-)Liberalen als Kommissionspräsidenten akzeptieren.

Auf dem Treffen der konservativen Staats-, Regierungs- und Parteichefs am Vorabend des Gipfels hat Angela Merkel dann eine entscheidende Rolle gespielt. Sie wollte nicht bloß ein Nein zu Verhofstadt, sondern einen Gegenkandidaten – das würde besser aussehen, aber auch die Ablehnungsfront stabiler machen. Sie redete mit dem Tory-Chef Michael Howard, damit er seinen Parteifreund, den EU-Kommissar Chris Patten, für eine Bewerbung gewann. Nicht alle konservativ geführten Länder zogen mit – Frankreich natürlich nicht, das durch Chirac auf Verhofstadt festgelegt war, auch nicht die Niederlande und Luxemburg, die mit dem Belgier Benelux-Solidarität übten. Aber zusammen mit Blairs Widerstand war das Patten-Manöver effektiv genug, um Verhofstadt zu blockieren.

Das kann man nun verschieden deuten. Etwa so: ein Spielchen, ein Tritt gegen Schröders Schienbein, ein bloß destruktiver Akt, der im Veto- und Sperrminoritäten-Paradies EU allemal leichter ist, als etwas zustande zu bringen. Schon gibt Angela Merkel zu verstehen, dass sie sich nicht verheben wolle; die Lösung für die Personalie Kommissionspräsident soll von ihr und ihren europäischen Parteiverwandten nicht erwartet werden. Die Verhinderungsaktion lässt sich aber auch in ein edleres, gewissermaßen staats- und europapädagogisches Licht rücken, als Politisierung der EU-Prozesse: Die befremdliche Brüsseler Welt ordnet sich nach dem vertrauten Muster von links und rechts, da müsste sie den Bürgern doch etwas weniger blutleer und unzugänglich vorkommen.

Kanzlerquälerei und Politologie einmal beiseite, bleibt das erstaunliche Auftauchen der CDU-Chefin ohne Regierungsamt als eine zentrale Figur im Kreis der europäischen Konservativen. Das hängt mit den anderen in diesem Kreis zusammen, mit ihren Defiziten und Handicaps. Die Franzosen fallen durch Chiracs Dauerbündnis mit Schröder als Parteileute praktisch aus. Die britischen Tories stehen halb draußen vor der EU-Tür. Die Italiener sind seit Berlusconi etwas seltsam geworden. Der sperrige Spanier Aznar hat die Macht verloren und ist verschwunden. Angela Merkel dagegen kann von der Erinnerung an Helmut Kohl zehren, den jahrelang dominierenden Patriarchen der europäischen Christdemokratie. Und natürlich ist auch in den anderen Hauptstädten nicht verborgen geblieben, dass sie in Berlin als eine mögliche, als die wahrscheinliche nächste Bundeskanzlerin gehandelt wird.

Das Bild von der Außenpolitikerin Merkel, so man denn eins hat, ist in der Öffentlichkeit fast ganz von zwei Elementen beherrscht, ihrem Proamerikanismus in der Irak-Krise und ihrem Nein zur EU-Mitgliedschaft der Türkei. Punkt zwei ist populär, Punkt eins war es nicht, aber beide zusammen sind auf jeden Fall zu wenig außenpolitisches Profil für eine künftige Kanzlerin. Merkel-Helfer und -Mitstreiter sprühen geradezu vor Eifer, die Merkelsche Freude an Europa herauszustreichen: Besuche in der Slowakei bei Ministerpräsident Dzurinda und in den Niederlanden bei seinem Kollegen Balkenende, ein Auftritt bei der oppositionellen "Bürgerplattform" in Warschau, ein persönliches Sympathieverhältnis zu Blair und ein politisches mit den französischen Konservativen zumindest unterhalb der präsidialen Gipfelzone.

Für ein Treffen mit Chirac vor ein paar Monaten sei eine Stunde vorgesehen gewesen, es wurden anderthalb daraus, mit einigem Streit über den Irak und Amerika, aber das könne am Ende doch nur Achtung und Vertrauen schaffen. Ein etwas traditionellerer Verfechter des deutsch-französischen Einvernehmens in der Union findet es eher unklug und ungehörig, dem Präsidenten der Republik so nachdrücklich Widerworte zu geben. Angela Merkel, die Siegerin über so viele Männer in der Union und einem Triumph über den Macho-Kanzler näher denn je, scheint auch vor den europäischen Staatsmännern keine niederdrückende Ehrfurcht zu empfinden. Sind eben auch bloß Kerle.