Washington

Für eine Organisation, der bereits mehrmals das Totenglöcklein geläutet wurde, weil Amerika seit dem 11. September seine Bündnisse je nach aktueller Lage zu schmieden scheint, ist die Nato erstaunlich aktiv. Sie hat gerade sieben neue Mitglieder aufgenommen und sich selbst eine umfassende Reform verschrieben. Sie steht mit Zehntausenden Soldaten weltweit in einem halben Dutzend Einsätzen. Auf dem Istanbuler Gipfeltreffen zu Beginn der kommenden Woche soll – wenn es nach Washington geht – sogar eine erweiterte Rolle der Nato im Irak diskutiert werden. Nicht nur das, Amerika sähe die Nato am liebsten als Stabilitätsfaktor im gesamten Nahen und Mittleren Osten.

Die Diagnose kann also mit der Feststellung beginnen: Der Patient atmet.

Und wie geht’s sonst?

Zu neuen Kräften ist das Bündnis gekommen, genauer gesagt: zu Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, Slowakei und Slowenien. Für eine Allianz, die sich auf Einsätze jenseits ihrer Grenzen umorientiert hat (und vor allem auf die arabisch-muslimische Welt blickt), haben die Neuen viel zu bieten: Lage, Stützpunkte und Luftraum. Dafür erhalten die Sieben, die in angespannter Nachbarschaft mit ihren ehemaligen "Bruderstaaten" leben und deren Kurs mit Argwohn verfolgen, im Gegenzug den ersehnten Wechsel ins Lager des Westens, samt Nothilfegarantie.

Fünf der Sieben sind seit dem 1. Mai zugleich Mitglieder der Europäischen Union. Sie wollen eine starke EU und eine starke Nato – und sich nicht zur Entscheidung zwischen beiden nötigen lassen; entsprechende Versuche von Europäern und Amerikanern während des Irak-Krieges kamen in diesen Ländern nicht gut an. So fest auch die Loyalitäten der Neuen zu Amerika verankert sind, so wenig geheuer ist ihnen der weltweit geltend gemachte, interventionistische Anspruch der Regierung Bush. Ohnehin ist ihre Prioritätenliste eher östlich als westlich: Ihre Sorgen haben Namen wie Lukaschenko oder Putin.

Das militärische Gewicht der Neuen ist nicht wirklich beeindruckend. Die Reformvorgaben der Nato haben die meisten Neulinge dazu bewogen, sich zu spezialisieren, etwa mit ABC-Abwehrverbänden und Minenspürtrupps. Das passt zum US-Modell, für jeden Krieg nach dem Baukastenprinzip eine neue Koalition zusammenzustellen. Dabei kommt es auch nicht so sehr darauf an, dass ein Land viele Soldaten entsendet, sondern vielmehr darauf, dass es mit von der Partie ist: Breite Bündnisse schaffen Legitimation, und die ist aus amerikanischer Sicht ein knapperes Gut als militärische Kapazitäten. Die Spezialisierung ist für die Nato-Neulinge freilich kein müheloses Unterfangen; sie fangen ja nicht bei null an, sondern füttern immer noch riesige Armeen aus den Zeiten des Kalten Krieges durch, die einer grundlegenden Reform harren.