Im Gruselkabinett deutscher „Helden“
Cui bono? Das fragt man sich zu Beginn und am Ende der Lektüre einer Essaysammlung, in der uns ein erfahrener Publizist wie Jürgen Busche dringend nahe legt, das bisher „verweigerte Erbe“ militärischer Großtaten im Ersten Weltkrieg endlich anzunehmen, zu enttabuisieren, seinen Vorbildcharakter anzuerkennen. Warum sollen seine Leser das 90 Jahre nach dem Beginn des Krieges tun? Offenbar hauptsächlich deshalb, weil das Land jetzt „wieder den Einsatz deutscher Soldaten unter Kriegsbedingungen zu verzeichnen“ hat. Die Orientierung an illustren Leitfiguren des Kriegshandwerks sei da ganz unvermeidbar, glaubt der Autor, und während andere Völker ein unverkrampftes Verhältnis zu ihren Militärs besäßen, bedürften die Deutschen nach der Schockwirkung zweier verlorener Weltkriege einer „Heldenprüfung“, um sich nach positivem Ausgang ihrer großen Soldaten, hier derjenigen des Ersten Weltkriegs zu vergewissern, „ohne Hochmut, aber auch ohne Verlegenheit“.
Präsentiert werden sechs Porträts: An erster Stelle rangiert der inzwischen vergessene Admiral Franz von Hipper, gefolgt von Ernst Jünger, Erwin Rommel, Paul von Lettow-Vorbeck, Felix Graf Luckner und Ernst Udet. Eigentlich aber sind es acht Essays, denn in der Einleitung wird der U-Boot-Kapitän Otto Weddigen, im Epilog dann Paul von Hindenburg in das neue Pantheon aufgenommen. Hipper spielte zu Beginn der Skagerrak-Schlacht zwischen der englischen und der deutschen Hochseeflotte (Mai/Juni 1916) eine wichtige Rolle, konnte aber am Debakel des Ausgangs, der die Verfehltheit des deutschen Schlachtflottenbaus unwiderruflich bewies, nichts ändern. Hier aber wird die Schlacht zu einem Fast-Erfolg, die politisch blinde maritime deutsche Rüstungspolitik in unerschrockener Apologie zur Notwendigkeit des Küstenschutzes erklärt. Die überzeugende, ja vernichtende Kritik, etwa in Volker Berghahns Tirpitz-Plan, hat der Autor nicht wahrgenommen.
Jünger, eine der Unheilsfiguren der neueren deutschen Geschichte, war im üblichen Sinn fraglos ein tapferer Stoßtruppführer. Aber kann man den Jünger des extremen Nationalismus, des Republikhasses, des unverhüllten Imperialismus, der „totalen Mobilmachung“ und des totalen Krieges bei dieser „Heldenprüfung“ stillschweigend übergehen? Rommels Bravourstück in der Isonzo-Schlacht wird gebührend gewürdigt, sein Aufstieg als Protegé Hitlers allerdings nicht verschwiegen. Der Kommandeur der deutschen Schutztruppe in Ostafrika, Paul von Lettow-Vorbeck, nötigt wegen seines erfolgreichen Guerilla-Krieges dem Verfasser Respekt ab. Doch der radikale Antisemitismus des Mannes in der Folgezeit wird übergangen. Von dem Kaperschiffkapitän Graf Luckner bleiben Schnurren übrig, die man früher als „Abenteuergeschichten für die reifere Jugend“ empfahl. Das Fliegerass Udet erscheint als altertümlich ritterlicher Kämpfer, ungeschminkt auch als Playboy und als verhängnisvoll ausgebeutete Aushängefigur Görings. Und schließlich wird Hindenburg wegen der Tannenberg-Schlacht erneut verklärt, obwohl seine Stabschefs Ludendorff und Hoffmann den strategischen Entwurf geliefert hatten. Vergessen aber wird, wie Hindenburg mit seinem Nimbus die tückische „Dolchstoßlegende“ legitimierte, 1925 die republikfeindliche Mehrheit hinter sich versammelte, das Präsidialamt zum Machtzentrum gegen die Republik ausbauen ließ, der Kamarilla um den perfiden Franz von Papen folgend, Hitler ins Reichskanzleramt hievte und ihn mit dem „Tag von Potsdam“ aufwertete.
Kann man die frühe Lebensphase soldatischer Tapferkeit und Umsicht von den – sieht man etwa von den nur als Seeleute interessierenden Hipper und Weddigen ab – fatalen politischen Bekenntnissen, Optionen, Entscheidungen fein säuberlich trennen? Soll man deutschen Soldaten im Kosovo und in Afghanistan wirklich diese, um es ganz vorsichtig auszudrücken, schillernden „Helden“ als Vorbild empfehlen? Darf man die politischen Fehlleistungen gnädig herunterspielen? Braucht die Bundeswehr diese Art der Traditionspflege, die doch eher – da es wohlweislich nur um „Heroen“ des Ersten, nicht aber um die unvermeidbar kontaminierten Figuren des Zweiten Weltkriegs geht – in den bis 1918 gepflegten „vaterländischen Unterricht“ passt als zum Selbstverständnis der Berufssoldaten des modernen, technifizierten Krieges? Fragen über Fragen. Ist da die Bundesrepublik mit ihrer wohltuend nüchternen Skepsis gegenüber militärischem „Heldentum“ bisher nicht besser gefahren? Hans-Ulrich Wehler
Jürgen Busche: HeldenprüfungDas verweigerte Erbe des Ersten Weltkriegs; Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004; 196 S., 17,90 ¤HeldenprüfungGeschichte | Erster WeltkriegSachbuchDas verweigerte Erbe des Ersten WeltkriegsJürgen BuscheBuchDVA2004München17,90196- Datum 24.06.2004 - 14:00 Uhr
- Serie politisches buch
- Quelle (c) DIE ZEIT 24.06.2004 Nr.27
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