Robert Koestler klebt Tüten: große, mit Aluminium beschichtete Kunststoffhüllen, in denen sich das Gesicht des Zellbiologen mit dem leicht ergrauten Vollbart und der großen Brille als breite Fratze spiegelt. Er drückt Sekundenkleber aus einer Tube, um ein letztes Loch zu stopfen. Die Verpackung, die einen Art-déco-Stuhl umhüllt, scheint nun luftdicht zu sein. Noch ein Handgriff, dann dreht Koestler den Hahn einer Gasflasche auf, die Argon in die Umhüllung pustet. Auf einem Messgerät beobachtet er, wie die Sauerstoffkonzentration unter 0,04 Prozent fällt. "Spätestens in ein paar Wochen", sagt Koestler zuversichtlich, "geht den amerikanischen Splintholzkäfern die Luft aus."

Der Forscher dreht den Hahn zu, klemmt den Schlauch ab und stellt den Stuhl in eine Ecke. Dort stehen weitere Objekte aus der Sammlung des New Yorker Metropolitan Museum of Art – eine aus Hanf gedrehte Skulptur aus den sechziger Jahren, bunter Federschmuck aus Ozeanien und ein mittelalterliches Tafelbild. Die Kunstwerke verbindet alle ein ähnliches Schicksal: Sie sind Tummelplätze schädlicher Organismen, die sich darangemacht haben, die Preziosen zu verzehren.

Als biologischer Kunstschützer gehört Robert Koestler zu einer raren Spezies. Die meisten Häuser verfügen zwar über Restaurierungswerkstätten, wo sie dem kulturellen Erbe mit Bürsten, Bohrern, Spachteln und Röntgenapparaten zu Leibe rücken. Nur hin und wieder findet sich in einem Museumslabor ein Chemiker, der den Steinverfall erforscht oder Farbproben im Gaschromatografen verdampft, um organische Bestandteile wie Öle und Proteine zu analysieren. Oder ein Physiker, der Gemälde mit Infrarotstrahlen traktiert, damit er verborgenen Vorzeichnungen oder Farbschichten auf die Schliche kommt. Ganze naturwissenschaftliche Abteilungen – wie etwa das Doerner-Institut an der Münchner Pinakothek oder das Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen in Berlin – sind indes selten. Doch selbst dort gibt es keinen Biologen. In Nordamerika ist Koestler der einzige festangestellte Kunst-Biologe.

Er ist Experte für Verfall. Hunderte Pilze nisten sich gern auf Zeichenkartons ein, wo sie von ein wenig Sauerstoff, Licht und Zelluloseschnipseln leben – bis grüne, rosafarbene oder schwarze Maserflecken die Kostbarkeiten verunzieren. Koestler kennt sich aus mit den Lebensgewohnheiten des Splintholzkäfers, etlicher Termitenarten, des gemeinen Holzwurms oder auch mit den Cyano-Bakterien, die selbst scheinbar ewigem Marmor zusetzen. Seine Hauptaufgabe ist es, Wege zu finden, diesen "Bioattacken", wie er den Befall nennt, Paroli zu bieten, ohne die Kunstwerke selbst zu schädigen.

Vor zwei Jahren richtete er in New York eine der ersten Konferenzen zu diesem Thema aus. Dabei hat er die organische Seite der Kunst keineswegs an der Universität studiert. Promoviert hat Koestler über symbiotische Lebensgemeinschaften unter Algen. "Man kommt ans Museum und passt seine Kenntnisse und Fertigkeiten den Anforderungen an", beschreibt er seinen Wandel. Seit über zwanzig Jahren arbeitet er als einer von sieben Naturwissenschaftlern am Metropolitan Museum, dem Kunsttempel am Rande des New Yorker Central Park. Zuvor kümmerte er sich am American Museum of Natural History, auf der anderen Seite des Parks, um das dortige Elektronenmikroskop. Als er die Met beim Kauf eines Elektronenmikroskops beriet, heuerte man ihn gleich mit an. Bald begann er, sich für mikroskopische Aufnahmen der Kunst zu interessieren – Bilder, die auf den Oberflächen von Plastiken oder Malereien ganze Biotope zeigen.

"Es war erschreckend", erzählt Koestler in seinem Kellerlabor, an dessen Wänden Poster mit den Atmungsgewohnheiten von Insekten und dem Periodensystem der Elemente hängen. Erschreckend fand der Biologe allerdings nicht nur die Kunstfresser, sondern auch die etablierten Methoden, den Schädlingen den Garaus zu machen. "Es gab kaum Studien über die Folgen der üblichen Maßnahmen gegen Biokorrosion."

Konservatoren können kaum erraten, welche Auswirkung eine Standardbehandlung auf Farben hat, die ein zeitgenössischer Künstler aus Silbernitrat, Jodid und Chlorkautschuk gemischt hat. Dem Unwissen setzt Koestler wissenschaftliche Forschung entgegen. In einer Alterungskammer, in der sich Umwelteinflüsse wie Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen oder Licht auf ein Objekt testen lassen, untersuchte er Farbproben, die mit dem Gas Vikane (Sulfurylfluorid) behandelt wurden. Dieses ist weltweit gebräuchlich, um den Holzuntergrund von Bildern gegen Insektenbefall zu behandeln. Doch Koestlers Resultat hatte es in sich: "Zehn von elf Farben änderten sich; ein Bild, das so behandelt wurde, hätte sich in ein neues Gemälde verwandelt." Als er seine Studie gerade abgeschlossen hatte, wollte ein Konservator ein Tafelbild des Florentiners Andrea del Sarto von 1530 einer Behandlung mit Vikane unterziehen. Dazu kam es glücklicherweise nicht.

Dass er die Tortur verhindert hatte, löste das Problem indes nicht. Die Trockenholztermiten futterten sich weiter durch den Untergrund des Bildes. Aber Koestler fand einen Weg, den Insekten Einhalt zu gebieten, ohne den optischen Eindruck zu ändern: Er setzte das Edelgas Argon ein, das normalerweise Glühbirnen füllt. Es hat den Vorteil, rasch zu Boden zu sinken und den Sauerstoff nach oben zu drängen. Auf diesem Wege macht es Insekten, Bakterien und selbst manchen Pilzen den Garaus – länger als vier Wochen kann der stärkste Käfer die Luft nicht anhalten.