Im kollektiven Gedächtnis von Franzosen und Briten hat der Erste Weltkrieg – "La Grande Guerre" oder "The Great War", wie sie ihn nennen – seit jeher eine größere Rolle gespielt als der Zweite Weltkrieg. Anders in Deutschland: Hier war die Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust, der in seinem Schatten exekutiert wurde, so dominant, dass die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg darüber eher verblasst ist. Deshalb überrascht es ein wenig, dass nun, 90 Jahre nach dem unheilschwangeren Traumsommer von 1914, mit vielen Büchern (siehe Aktuelle Bibliografie ) und einer Ausstellung in Berlin auch hierzulande wieder an die "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" (George F. Kennan) erinnert wird.

Freilich, heftige Debatten löst das Gedenken nicht mehr aus. Die "Kriegsschuldfrage", die noch in der "Fischer-Kontroverse" der frühen sechziger Jahre die Gemüter erhitzte, bleibt weitgehend entschärft. Dass das wilhelminische Deutschland die Hauptverantwortung für die Eskalation der Julikrise 1914 trug, ist kaum noch umstritten. Nicht mehr die politische oder militärische Geschichte des Krieges, sondern seine kulturelle Dimension übt seit einiger Zeit einen unwiderstehlichen Reiz auf die Historiker aus. "Erfahrung" und "Erinnerung" sind die neuen Leitbegriffe; nach Mentalitäten und Mythen wird insistierend gefragt, und zwar über alle nationalen Grenzen hinweg.

Als "transnationale Kulturgeschichte" versteht sich auch das Buch von John Horne und Alan Kramer – zweifellos eine der wichtigsten historischen Publikationen der vergangenen Jahre. Die in Dublin lehrenden Historiker gehen einer der letzten offenen Fragen der Weltkriegsforschung nach: Was hat es mit den Kriegsverbrechen auf sich, die deutsche Truppen in den ersten Wochen nach dem völkerrechtswidrigen Einfall ins neutrale Belgien am 4.August 1914 verübt haben sollen? Darüber hinaus untersuchen sie, wie die damaligen Ereignisse sich in den Erfahrungen von Besatzern und Besetzten spiegelten und welche Deutungen ihnen in Propaganda und Erinnerungspolitik beider Seiten noch während des Krieges und im Anschluss daran unterlegt wurden.

Eine kollektive Wahnvorstellung

Im ersten Teil bieten Horne und Kramer eine lückenlose Rekonstruktion dessen, was geschah. Tag für Tag, Ort für Ort verfolgen sie die Spuren der Gewalt und Vernichtung, welche die deutschen Armeen bei ihrem Vormarsch in Belgien und Nordfrankreich hinterließen. Zur weltweit traurigen Berühmtheit gelangte damals schon der Fall der Stadt Löwen, wo zwischen dem 25. und 28.August 248 Zivilisten getötet und ein Sechstel aller Gebäude, darunter auch die Universitätsbibliothek mit ihren wertvollen Beständen, niedergebrannt wurden. Doch diese Untat war, wie nachgewiesen wird, nur eine unter vielen. Weit überboten wurde sie noch durch das Massaker in Dinant, das 674 Menschen (ein Sechstel der Einwohner) das Leben kostete. Insgesamt wurden zwischen August und Oktober 1914 nach den akribischen Berechnungen der Autoren 6.427 Zivilisten, darunter auch Frauen und Kinder, umgebracht und an die 20.000 Häuser zerstört.

Wie konnte es zu diesen Gewaltexzessen kommen? Die Erklärung, die Horne und Kramer anbieten, ist ebenso einfach wie einleuchtend: Die deutschen Soldaten waren, als sie in Belgien einmarschierten, von der Vorstellung beherrscht, überall auf Freischärler zu stoßen, die heimtückisch aus dem Hinterhalt agierten. Eine wesentliche Rolle spielte dabei die Erinnerung an den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, in dem so genannte Franctireurs tatsächlich in großer Zahl gegen die Invasionstruppen gekämpft hatten.

In Belgien kam es zwar ganz vereinzelt auch zu Attacken auf die Eindringlinge, doch von einem breiten Widerstand der Zivilbevölkerung konnte gar keine Rede sein. Unter den Deutschen indes war die Einbildung stärker als die Wirklichkeit. Es handelte sich nach dem Urteil der Dubliner Historiker um einen "außerordentlichen Fall von kollektiver Autosuggestion, wie er in einem modernen Heer seinesgleichen suchen dürfte". Die Furcht vor einer Wiederholung des "Franctireurkrieges" setzte sich, nicht selten unter dem Einfluss von Alkohol, in Gewaltbereitschaft um. Häufig passierte, was man heute als friendly fire bezeichnet: Deutsche Soldaten schossen in ihrer Panik aufeinander, was dann aber auf das Konto angeblicher Heckenschützen gebucht und zur Rechtfertigung von Repressalien gegen die Zivilbevölkerung benutzt wurde.

Horne und Kramer schildern die Schrecknisse der ersten Kriegswochen in Belgien bemerkenswert nüchtern, ohne jemals in den anklägerischen Gestus des Staatsanwalts zu verfallen. Kein Bericht über ein Massaker wird einfach übernommen, sondern sorgfältig unter Heranziehung aller verfügbaren Quellen aus zahlreichen europäischen Archiven auf seine Stimmigkeit überprüft. Und vor allem: Es werden die Wahrnehmungen und Erfahrungen, die Aktionen und Reaktionen aller beteiligten Parteien in den Blick genommen. So können die Autoren zeigen, dass der "Franctireurwahn" auf der einen seine Entsprechung in der "Invasionsangst" auf der anderen Seite fand. Sie vergleichen das Phänomen mit der "großen Furcht" ("La grande peur"), wie sie nach Beginn der Französischen Revolution 1789 auf die ländlichen Regionen übergriff.