Im Jahr 1929 folgte Peter Lorre einer Einladung Bertold Brechts nach Berlin und spielte in Marieluise Fleißers Pioniere von Ingolstadt die Rolle des Fabian. Vier Jahre später emigrierte Lorre nach Amerika und schaffte es als einer der wenigen deutschen Schauspieler, dort ein echter Star zu werden. 1950 schreibt Brecht, aus dem Exil zurückgekehrt, ein bewegendes Gedicht, einen Aufruf, ein dringliches "Wanted" im positiven Sinn: "Höre, wir rufen dich zurück. Verjagter / Jetzt sollst du wieder kommen. Aus dem Land / Da einst Milch und Honig geflossen ist / Bist du verjagt worden. Zurückgerufen / Wirst du in das Land, das zerstört ist. Und nichts anderes mehr / können wir dir bieten, als dass du gebraucht wirst // Arm oder reich / gesund oder krank/ Vergiß alles / Und komm."

Für keinen anderen Schauspieler hat sich Brecht je derart vehement engagiert. Er wollte ihn aus dem "Sumpf" befreien, aus einem drogenverseuchten Hollywood, in dem Lorre zwar Ruhm ernten, aber seiner wirklichen schauspielerischen Qualitäten verlustig gehen würde.

In den gut dreißig Jahren, die zwischen den beiden Berührungen liegen, ist Peter Lorres seltsamer Ruhm kometengleich aufgegangen – 1931 mit M von Fritz Lang – und unversehrt in der Galerie des Kinos erhalten geblieben. Der begehrte Schauspieler wollte Brechts sehnsüchtigen Forderungen jedoch nicht folgen – zu sehr war er in den Film und auch in das Leben im geliebten Hollywood-"Sumpf" vernarrt, trotz oder gerade wegen der Trivialitäten, die diese Welt dem omnivoren und immer rundlicher werdenden Lorre bot.

Peter Lorre, der mit seinem richtigen Namen László Löwenstein hieß, wurde am 26. Juni 1904 im mährischen Rosenberg geboren. 1917 übersiedelt die Familie nach Wien, der junge Schulabgänger soll Bankbeamter werden, doch die Wünschelrute seiner Talente schlägt in eine ganz andere Richtung aus. Unwiderstehlich ist er vom Kabarett und vom Stegreiftheater angezogen – und noch nicht einmal zwanzigjährig befindet er, dass er nunmehr Schriftsteller und Schauspieler sei. Bald darauf nennt er sich Lorre, ein Anagramm, mutmaßlich aus einer Verballhornung von Rolle gebildet.

Mit dem Schattenmann Beckert in M schuf Lorre einen Typus, ja er selbst war, was man in der Biologie das Typusexemplar nennt: der Erste – und, wie sich herausstellen sollte, auch der Einzige – seiner Art, und so trat er auch in unverwechselbarer Manier und mit unversiegbarer Ausstrahlung auf. Seine Dämonie war melancholisch. Die Stimme, diese fließend modulierende, ungarisch angereicherte Stimme – nur noch Oskar Werners seelenvolles Timbre hat später eine ähnliche Skulptur in unserem Ohr entstehen lassen – hat schon Walter Benjamin ergriffen, und Herbert Ihering beobachtet, fassungslos, möchte man hinzufügen, einen "Ausdruck, immer auf der Grenze zwischen Tragik und Komik, hysterisch und doch gestaltet, ungewöhnlich, mit den einfachsten Mitteln arbeitend. Wunderbar." Bewundert wurde dies, noch bevor Lorre mit M neue Maßstäbe setzen sollte.

Peter Lorre scheint den äußerst seltenen Fall einer wirklichen Doppelbegabung verkörpert zu haben. Sein Spiel auf dem Theater – also immer in der Raum-Totalen – war offenbar ähnlich suggestiv wie das des wesentlich robusteren und "direkteren" Fritz Kortner. Beide waren in erster Linie eminente Techniker. Und weil diese vollkommene Sprechtechnik in nicht nachlassender Frische immer wieder hervorbrach, konnte sie auch im Film, also in der Welt nach der (Theater-)Totalen zur Geltung kommen. Hinzu kam in Lorres Fall eine bemerkenswerte historische und biografische Konjunktion: Er wurde zum Filmstar mit Anbruch des Tonfilms, und er rettete aus dem stummen Film und dem Theater ein ungeheures mimetisches Reservoir. Graham Greene konstatiert neidlos: "Lorre – und das ist vielleicht sein Unglück – kann fast alles."

Michael Omasta, der Mitherausgeber eines jüngst erschienenen, sehr lesenswerten Sammelbandes über Lorre (Peter Lorre – Ein Fremder im Paradies; hg. v. Michael Omasta, Brigitte Mayr, Elisabeth Streit, Paul Zsolnay Verlag – in Kooperation mit dem Österreichischen Filmmuseum Wien, 2004) schreibt über Lores Glanzzeit in den vierziger Jahren, bei Warner Brothers: "Ironischerweise lassen sich Lorres Rollen in Hollywood mit denselben Adjektiven beschreiben, mit denen die Nazis jüdische Künstler demütigten: wurzellos, widernatürlich, grotesk, pervers, pathologisch. Lorres pointiertes Spiel, seine Rollen und die Interpretationen dieser Rollen erlauben den Studiobossen, sich zu hundertzehn Prozent amerikanisch zu fühlen."

Es gehört zu den sorgsam gepflegten Legenden, dass Schauspieler nur ungern auf Trivia und Trash sich einlassen würden. Das Gegenteil kommt der Wahrheit wesentlich näher. Gerade die banalen Vorlagen können zu unerwarteten Leistungen stimulieren. Lorre ist ein lebendiger Beweis dafür. Nachdem er 1950 in Deutschland mit seinem eigenen wehmütigen Film Der Verlorene kaum Zuspruch fand, kehrte er, durchaus nicht reumütig, nach Hollywood zurück. Melancholischer Horror durchweht sein Spiel in den eher abschätzig beurteilten Filmen The Raven von Roger Corman und The Comedy of Terrors von Jacques Tourneur.