Leute wie Akram Baker sind überall und nirgends zu Hause. Amerikanischer Geburtsort und Pass, palästinensische Eltern, eine erste politische Karriere in Jerusalem, eine zweite als Unternehmens- und Kommunikationsberater in Deutschland. Das Englisch des 37-Jährigen ist besser als sein Arabisch, sein Deutsch ist hervorragend. Zu seinem Wohnort heißt es in seiner Kurzbiografie: Lebt in Berlin und teilt seine Zeit auf zwischen Europa, dem Nahen Osten und den Vereinigten Staaten. Leute wie er, davon ist Baker überzeugt, müssten sich in der arabischen Welt stärker engagieren, damit diese endlich den entscheidenden Sprung nach vorn schaffe. "Wenn wir Erfolg haben wollen, müssen wir unsere Länder reformieren", sagt Baker. Dass Bush das auch immer behaupte, fügt er an, dürfe niemanden stören. "Wir Araber müssen tun, was für uns gut ist."

Reformen im Nahen Osten? Sie sind das Top-Thema auf internationalen Konferenzen. Auch der jordanische König Abdallah sprach auf dem jüngsten Gipfel des World Economic Forum in Amman von Veränderungen, doch müsse der Anstoß von innen kommen. Mit Blick auf die Entwicklungen im Irak forderte er "neuen Wege", um der arabischen Jugend eine Zukunft zu bieten.

Die Aussichten im Nahen Osten sind düster. Das Bruttosozialprodukt aller arabischen Staaten zusammen beträgt weniger als das Italiens. Die neun führenden Länder haben in den Vereinigten Staaten zwischen 1980 und 1999 gerade mal 370 Patente angemeldet. Zum Vergleich: Südkorea brachte es im selben Zeitraum auf 16328 Patente.

Kaum Patente und fremde Bücher

Auf die Ursachen verweisen mittlerweile schon zwei einflussreiche Berichte, die seit 2002 im Auftrag des UN-Entwicklungsprogramms von arabischen Wissenschaftlern und Politikern verfasst wurden. Demnach ist nicht der Mangel an natürlichen Ressourcen für die wirtschaftlichen Probleme verantwortlich. Es mangelt vielmehr an Freiheit – es gibt keine wirklich freien und regulären Wahlen. Es fehlt an Wissen – die gesamte arabische Welt übersetzt im Jahr lediglich 330 Bücher. Und es hapert an Frauenpower – das Potenzial einer Hälfte der Bevölkerung bleibt ungenutzt. Dass arabische Autoren die Berichte verfasst haben, macht die Aussagen glaubwürdig.

Die talentierten Köpfe haben Nahost längst in Richtung Westen verlassen. "Die arabischen und muslimischen Emigranten in Amerika und Europa repräsentieren unsere Mittelklasse. Viele von denen würden gern zurückkehren, wenn sie das Gefühl hätten, in eine Gesellschaft zu kommen, die auf individuelle Leistung gegründet ist", berichtet der jordanische Prinz Hassan. Die arabischen Länder könnten, so heißt es in einem der UN-Berichte, "von der Expertise von einer Million hoch qualifizierten Arabern profitieren, die in industrialisierten Ländern tätig sind". Diese Kräfte will Baker mobilisieren. Im Januar dieses Jahres organisierte er in Berlin das erste Gipfeltreffen unter dem Namen Arab Western Summit of Skills (AWS). Dort trafen sich hochkarätige arabische Experten aus Europa, den Vereinigten Staaten und dem Nahen Osten mit Vertretern internationaler Organisationen und westlichen Entscheidungsträgern, um gemeinsam über Entwicklungsmöglichkeiten zu debattieren. Baker glaubt an Netzwerke und Brücken – und an Selbsthilfe.

"Um den Zustand der arabischen Welt zu verbessern, müssen wir unser Schicksal in die eigene Hand nehmen", sagt er. "Die Politik wird oft als Ausrede benutzt, um nichts zu tun. Doch weder die amerikanische Regierung noch Israel sind verantwortlich dafür, dass es in unseren Firmen, Institutionen und Organisationen keine internationalen Standards und kein gutes Personalmanagement gibt." Baker will die erfolgreichen Manager, Juristen, Ökonomen oder TV-Produzenten auch gar nicht unbedingt in ihre Heimat zurücklotsen, sondern das Wissen beider Welten nutzen.

Viele der Diaspora-Araber, glaubt Baker, seien heute mehr bereit als früher, sich zu engagieren. Eine Rolle spielt dabei sicherlich der 11. September, der die arabische Welt plötzlich in den Fokus des allgemeinen Interesses rückte. Umgekehrt aber hat man sich in der arabischen Welt schon viel länger für den Westen interessiert, wenn auch in Form einer Art Hass-Liebe. So konnte der Zorn auf die amerikanische Politik die Nachfrage nach amerikanischen Pässen nie drosseln.