Der 30. Juni, die Machtübergabe im Irak: Horror, Hype oder Hoffnung? "Es ändert sich nichts", nörgeln die einen, weil die Herrschaft in den Händen der Amerikaner bliebe. "Es ändert sich alles, und zwar zum Schlimmsten", granteln die anderen, weil die USA angeblich genau das Gegenteil vorhaben, also die Macht tatsächlich abgeben und die Iraker ihrem Schicksal überlassen wollen: Bürgerkrieg, Chaos, Kollaps. Fragen wir also einen, der nicht vom Talk-Tisch aus kommentiert, sondern direkt von der Front.

Er heißt Abu Mussab Zarkawi; er ist nach Bin Laden der zweite Mann der al-Qaida und der Chefterrorist im Irak. Ihn hat der 30. Juni schon im Januar nervös gemacht; deshalb warnte er die Genossen vor dem "Würgegriff" der kommenden Machthaber. Wie das? Wenn Armee und Polizei unter dem Befehl von Irakern stünden, also "den Leuten durch Sippschaft, Blut und Ehre verbunden sind, wird sich eine Kluft zwischen uns und ihnen auftun. Wie können wir ihre Vettern und Söhne bekämpfen – und unter welchem Vorwand, wenn die Amerikaner sich erst einmal zurückgezogen haben?"

Dies ist die entscheidende Frage – und nicht das Über-Nacht-Erblühen einer Westminster-Demokratie im Lande des ewigen Despotismus. Können die Zarkawis und mit ihnen alle, die dem Irak einen Theo-Totalitarismus überstülpen wollen, die gleiche Mordwut entfachen, wenn im Visier nicht Amerikaner, sondern Iraker stehen? Fragen wir hierzu den gemeinen Iraker.

Neunzig Prozent der Befragten sehen die Koalitionstruppen nicht als Befreier, sondern als Besatzer. So weit, so voraussagbar. Wem vertrauen sie? Rund 80 Prozent nennen die "neue irakische Polizei", zwei Drittel die "neue Armee" – eine beachtliche Akzeptanz. Wie wird es nach dem 30. Juni unter der Interims-Regierung sein? "Besser", sagen fast zwei Drittel, "schlechter" nur 15 Prozent. Letzte Frage: Wie lange sollen die Koalitionstruppen im Land bleiben? Hier tut sich Ambivalenz gepaart mit hohem Realismus auf. 40 Prozent wollen den sofortigen Abzug der Fremden, genauso viele wollen, dass sie bis zur Einsetzung einer permanenten Regierung bleiben.

Wiegen solche Umfragen die Terrorattacken auf, die fast täglich zweistellige Opferzahlen fordern? Nein, aber sie zeigen an, wohin die Nachkriegsreise gehen muss: den Irakern so viel Macht wie möglich, den Koalitionstruppen so viel wie nötig. Je "flacher" die Besatzungsmacht ist, desto weniger wird sie die Iraker in jener gemeinsamen Wut vereinen, die den Terroristen Schutz und Vorwand bietet. Je selbstständiger die Übergangsregierung hervortritt, desto legitimer wird sie in den Augen des Volkes sein. Immerhin, so der Economist aus Bagdad, loben just jene Zeitungen plötzlich die neue Regierung, die bislang nur vom "nationalen Widerstand" gefaselt haben.

Freilich warnen die Umfragen auch vor einem überhasteten Abzug. Die Amerikaner und Briten bleiben der alles entscheidende Hintergrundfaktor – die ständige Mahnung an Kurden, Sunniten und Schiiten, ihre Arrondierungsgelüste nicht zu weit zu treiben. Positiver ausgedrückt: Je mehr die Koalitionstruppen im Sicherheitsgeschäft bleiben, desto weniger Angst müssen die Gruppen und Grüppchen voreinander haben.

Und die internationale Gemeinschaft? Hören wir auf, von Soldaten aus Deutschland oder Frankreich zu reden; reden wir lieber vom Geld. Die Hälfte der Iraker ist arbeitslos und somit potenzielles Kanonenfutter für die Zarkawis. Gefragt ist Keynesianismus pur: Gebt Hunderttausenden Geld in die Hand für Straßenreinigung und -reparatur, für Strom- und Wasserleitungen. Nichts kann die Terroristen schneller aus dem Land vertreiben als die Koppelung von Einkommen, Sicherheit und einer halbwegs repräsentativen Demokratie.