Wieder beginnt eine Summer Exhibition, es ist alles wie immer, und wie immer ist alles anders. Sogar Gott kehrt zurück in die Kunst. Nicht als Künstlerspaß oder höhnende Performance, nein, er kommt selbdritt, in Person des Erzbischofs von Westminster und seiner zwei Assistenten. Scheel beäugt von den Touristen, stehen sie im Foyer der Royal Academy in London, richten kurz ihre roten Gewänder, heben die Stäbe mit dem Goldkreuz und durchschreiten das stolze Portal. Draußen im Hof beginnt sodann die Prozession, ein Künstlerfestzug von weihevoller Skurrilität. Vorneweg zwei Bobbys mit glasigen Augen, die den Autostrom am Picadilly teilen wie Moses das Rote Meer. Dann folgen Musiker mit Strohhut und ganz weltlich scheppernden Steeldrums, dahinter die Priester gravitätischen Schritts und schließlich Maler, Bildhauer, Installationskünstler, schweigend, plappernd, manche mit einer Kerze in der Hand, die im Juni-Regen flackert. Das ist sie, die englische Art des Kunstgenusses, ein wenig traditionssteif vielleicht, kauzig auch, doch so selbstbewusst, dass alle ihr Vergnügen haben.

Schon seit 236 Jahren beginnt der allsommerliche Einzug ins Museum mit einem Auszug ins Geistliche, in die kleine Kirche St. James gleich in der Nähe. Doch lange dauert die Andacht nicht, nach knapp einer Stunde sind sie alle wieder bei ihren Werken in der Royal Academy, und auch der Bischof Cormac Murphy-O’Connor schaut vorbei, steht etwas hilflos vor einer wild zusammengeklatschten Skulptur aus Herzmuscheln, Draht und Plastikröhren. Sie will so gar nicht zu ihrem Urheber passen, einem Herrn im Frack, würdig ergraut, mit Orden geschmückt, prallrund an Bedeutung und Bauch. Es ist der Präsident der Akademie, Philip King, der weit mit den Armen ausholt, um seinem Werk einen Sinn beizubringen. "Yes, interesting, indeed", murmelt Murphy-O’Connor, vorsichtig nickend, eine leichte Benommenheit aber bleibt.

Dabei ist die Summer Exhibition ganz frei von den Schocks, die uns die englische Kunst sonst gern serviert. Keine klein geschnittenen Rinder in Formaldehyd, keine tiefgekühlten Echtblutskulpturen, keine Bilder der Gottesmutter Maria aus Elefantendung. Das einzig Schockierende dieser Ausstellung ist die ungewohnte Vielfalt, ein Schock des Egalitären.

Michael Jackson muss raus

Kunst ist hier nicht allein die Kunst der Anerkannten, sie sprengt den üblichen Museumskanon. Neben, unter und über den Bildern der 80 ehrwürdigen Akademiemitglieder, Herren meist und meist in gesetztem Alter, dürfen viele namenlose Künstler ihre Werke zeigen. Die meisten von ihnen haben keine Galerie, kein Forum, sie werden vom Kunstmarkt verachtet, weil sie nicht nach dem Neuen streben, nicht jung sind, nicht konzeptbeladen sein wollen. Auch die Akademien und Museen dulden diese Künstler in der Regel nicht, auch sie geben nur wenig auf Bilder, die das Schöne im Alltäglichen zeigen, die erzählen und schwärmen und die eher in die Wohn- und Arbeitszimmer passen als in die white cubes oder die Chefetagen der Konzerne. Hier aber, in der Summer Exhibition, fallen die Vorurteile flach, für ein paar Wochen zumindest. Die Enge des Üblichen weicht einem weit geöffneten Kunstbegriff, in dem schlafende Katzen und wonnige Ferkel auf die geometrischen Unerbittlichkeiten von Sol Le Witt treffen und die Schwarz-auf-Schwarz-Bilder Richard Serras ebenso ihr Plätzchen haben wie die Aquarelle von Prince Charles, der gleich zwei seiner Bilder entsenden durfte, beides Bergrücken in Lila vor dramatisch bewölktem Himmel.

"Heute schwingen längst mehr Menschen den Pinsel als Golfschläger oder Angelruten", sagt King, der Akademiepräsident. Und all diesen, die oft im Verborgenen und manchmal auch verloren vor sich hin malen, wird hier die Möglichkeit eröffnet, sich aus- und darzustellen. "Eine nötige Erinnerung daran, dass die Kunst nie monolithisch war", heißt es im Katalog.

Natürlich erhitzt so viel Offenheit die Gemüter, jeder fühlt sich in dieser Ausstellung aufgefordert zum Bekenntnis, muss seinen eigenen Weg durch die Gegensätze finden. So stürzen sich auch die englischen Zeitungen jedes Jahr entzückt auf dieses oder jenes und schüren die Kontroverse. "Wie wohltuend, dass wirkliche Kunst doch noch gestattet wird", schwärmt der Scotsman. Von einer "großen Freude" spricht die Financial Times. Der Independent On Sunday hingegen wütet gegen den "Riesenhaufen alten Mists". Und viele Kritiker klagen, dass hier jeder Künstler aufhängen und abstellen dürfe, was immer er wolle – das Museum verkomme zum Ort der Beliebigkeit.

In Wahrheit allerdings wird das, was wie zufällig zusammengeschaufelt wirkt, mühsam bedacht und ausgewählt. Vier, fünf Tage lang sitzt die Jury aus zwölf Akademiemitgliedern zusammen, aufgereiht an einer langen Tafel, und vor ihr zieht eine endlose Karawane aus Landschaften, Akten, Porträts und Stillleben vorüber. Beteiligen kann sich jeder, der will; darf maximal drei Kunstwerken einreichen, muss pro Stück 18 Pfund zahlen und es persönlich an der Hinterpforte der Royal Academy abgeben. Über 9000 Bilder und Skulpturen, Zeichnungen und Architekturmodelle kamen in diesem Jahr zusammen, der Rekord, aufgestellt vor einigen Jahren, liegt sogar bei 12000.