Zweimal schon ist es Franz Müntefering gelungen, seine Partei daran zu hindern, verrückt zu werden. Einmal nach der Wahl in Hamburg, als die SPD trotz Wechsel im Parteivorsitz schwer geschlagen wurde. Zum zweiten Mal jetzt, nach der Europa- und der Thüringenwahl. Spätestens dies, Ruhe zu bewahren nach einer solch vernichtenden Niederlage, kann als palliative Meisterleistung des neuen Chefarztes der SPD gelten. Und doch: Ein drittes Mal – bei neuen Niederlagen im September – wird es selbst Müntefering kaum schaffen, Panikausbrüche zu verhindern. Droht dann die Wiederkehr des Oskar Lafontaine?

Auf den ersten Blick spricht manches dafür. Der saarländische Sozialpopulist ist in aller Munde oder zumindest auf allen Kanälen zu finden, nicht zuletzt in den Spalten des Zentralorgans für den deutschen Sozialpopulismus, der Bild- Zeitung. Und er verspricht der SPD die Befreiung aus äußerst schmerzhaften Widersprüchen.

Zum einen flüstert er ihr zu, die ganze Sparerei sei unnötig, wenn die SPD nur mehr Sozialismus wagen würde und sich das Geld von irgendwelchen Reichen und Kapitalisten hole. Zum anderen verwischt Lafontaine geschickt das moralische Hauptproblem, wenn er formuliert, die SPD müsse wieder für Arme, Rentner, Angestellte kämpfen. Die Demagogie liegt hier im Komma. Die meisten Rentner und Angestellten sind nicht arm, und man kann ihre Privilegien nur bewahren, wenn das auf Kosten der wirklich Armen geht.

Wenn sich die SPD in ihrer Angst von Lafontaines doppelter Demagogie verführen ließe, so würde sie damit nicht nur den Kontakt zur Realität verlieren, sie würde auch die Schmerzen der letzten anderthalb Jahre für sinnlos erklären. Es wäre der Weg in die Regression. Müntefering hofft, dass die Partei dazu in ihrem Ernst und in ihrem Realismus schon zu weit ist. Mag sein. Doch hält dieser Ethos, wenn sonst nichts mehr hält? Wahrscheinlich schon, denn die sozialdemokratische Intuition reicht noch tiefer als ihre Angst.

Als der Saarländer und der Sauerländer einander kürzlich die Hand gaben, war leicht erkennbar, wer von diesen beiden der Arbeiter ist und wer der Agitator. Der eine war bleich vom Kämpfen, der andere braun von der Sonne. Sozis sehen so was. Sie werden sich nicht gegen den Arbeiter und für den Agitator entscheiden.