Islamische Terroristen lieben Symbolik. Die Enthauptung des Amerikaners Paul Johnson in Saudi-Arabien gehört in eine Serie gewollt spektakulärer Hinrichtungen von US-Geiseln. Im Jahre 2002 schon traf es den Journalisten Daniel Pearl in Pakistan, vor einem Monat den Amerikaner Nicholas Berg im Irak und nun einen Mitarbeiter der Rüstungsfirma Lockheed Martin in Riad. Die drei Orte sind nicht zufällig gewählt. Sie markieren die wichtigsten Fronten des Al-Qaida-Krieges in der islamischen Welt: Afghanistan/Pakistan, Irak und die dritte Front – Saudi-Arabien.

Auf allen drei Schauplätzen kämpft al-Qaida gegen prowestliche, von den USA gehegte Regime oder solche, die es werden sollen wie der Irak. Längst aber ist die arabische Halbinsel zum interessantesten Schlachtfeld geworden: In Saudi-Arabien steht nicht nur ein ausschweifendes Ancien Régime zum Abschuss frei. Dort liegen die heiligen Stätten des Islam ebenso wie die Schatztruhe der Weltwirtschaft: ein Viertel der globalen Erdölreserven. Der Kampf mit dem Königshaus hat für den Exil-Saudi Osama bin Laden obendrein den bittersüßen Charme einer Familienfehde bis in den Tod.

Dabei ist die "Al-Qaida-Sektion Arabische Halbinsel" nicht so naiv, die Königsfamilie direkt anzugreifen. Sie wollen die "korrupten Prinzen" nicht in Märtyrer verwandeln. Auch sind die Ölanlagen am Golf viel zu gut geschützt, als dass ein Anschlag wirklich Erfolg versprechen könnte. Die Taktik heißt: Schlag die Ausländer, und triff das Haus Saud. Deshalb der Angriff auf eine Wohnanlage in der Ölstadt Chobar Ende Mai, deshalb die Ermordung eines BBC-Kameramannes Anfang Juni, deshalb die Enthauptung von Paul Johnson.

Mit jedem toten Ausländer will al-Qaida die Abhängigkeit des Hauses Saud vom Westen demonstrieren. Je mehr von ihnen freiwillig von der arabischen Halbinsel fliehen, desto isolierter bleiben die Prinzen im eigenen Land. Die Arbeitsplätze der Ausländer in der Energieindustrie könnten Saudis einnehmen, die von al-Qaida gedungen sind. Bombe für Bombe soll das Königshaus die Legitimation verlieren, sein Ruf als rühriges Wohlfahrtsregime soll demontiert, seine Rolle als Wächter der heiligen Stätten diffamiert werden. So weit der Schlachtplan.

Doch gehorcht die Wirklichkeit nicht immer der Blaupause. Am Wochenende glückte den saudischen Sicherheitsbehörden ein wichtiger Schlag gegen die Terroristen. Truppen des Innenministeriums töteten Abdulasis al-Muqrin, den Führer der Al-Qaida-Bodentruppen auf der arabischen Halbinsel. Obwohl erst 32 Jahre alt, war al-Muqrin längst ein erfahrener Islamistenlegionär – er hatte in Bosnien, Afghanistan und Algerien gekämpft.

Die Inszenierung der Enthauptung deutet darauf hin, dass al-Muqrin eng mit dem Ägypter Aiman al-Sawahiri zusammenarbeitete, al-Qaidas Nummer zwei nach bin Laden und Befehlshaber auf dem irakischen Kriegsschauplatz. Für Saudi-Arabien ist bereits ein neuer Anführer aus dem Schatten nach vorn geschoben worden: Saleh al-Aloufi.

Die saudischen Sicherheitsbehörden genießen die Stunde ihres Triumphes. Al-Aloufi, sagen sie, sei ein eher klägliches Abbild seines getöteten Chefs, mehr Symbol der Schwäche als Leuchtfeuer der Rache. Ob sie sich zu früh freuen, wird die zweite Hälfte des Jahres 2004 zeigen, das Osama bin Laden zum "Blutjahr Saudi-Arabiens" erklärt hat. Das Innenministerium brauchte diesen Erfolg dringend, denn es grassieren Zweifel an seiner Effektivität.

Die Terroristen behaupten, sie hätten für die Entführung von Johnson Helfer bei den Sicherheitsbehörden gehabt. Auch sollen einige Kämpfer in ihrem ersten Leben bei der Polizei gearbeitet haben. Obendrein verstrickte sich der erzkonservative Innenminister Prinz Najif unlängst in eine verworrene Definition des Feindes. Hinter den Anschlägen im Land steckten "Zionisten". Auf die Frage, ob er damit nicht von al-Qaida ablenke, gab er zurück: Das seien doch Zionisten. Alles klar?