Geriete in Deutschland die Buchproduktion in die Hände von ein oder zwei Industriekonzernen, wäre die Aufregung gewaltig. Autoren und Kritiker gingen vollends auf die Barrikaden, würde die Regierung diese Konzentration als "Bewahrung des kulturellen Vermögens der Nation" verteidigen. Anders in Frankreich. Während das Land sich seiner exception culturelle rühmt, sind die größten Medienbetriebe längst im Besitz von Luftfahrt-, Rüstungs- und Industrieriesen. Daran ändert auch der Brüsseler Einspruch gegen eine jüngste Elefantenhochzeit nichts. Der Branchenführer Hachette durfte sich die Literatur-, Lexikon- und Schulbuchgruppe Editis nun doch nicht restlos einverleiben, sondern musste einen Großteil weiterverkaufen.

Doch was als Triumph der freien Kräfte über die Konzerne gefeiert wurde, entpuppt sich nur als weitere Konzentrationsetappe: denn die Editis-Verlage hat jetzt Wendel erworben, eine 300 Jahre alte französische Schwerindustriellen-Dynastie. Seit Wochen wartet man auf Aufschreie oder zumindest Stoßseufzer im Land. Stattdessen gibt es nichts als "Schweigen und Betretenheit" (Le Monde). Während Frankreichs Kopfarbeiter sonst wegen kleinster Eingriffe in ihre Schutzrechte auf die Straße gehen und die Intellektuellen für ihr politisches Reaktionstempo berühmt sind, sorgt derzeit nicht einmal die Personalie für Unruhe, dass die nunmehr zweitgrößte Buchgruppe des Landes von einer Art Klassenfeind der Kulturschaffenden repräsentiert wird: von Ernest-Antoine Seillière, der auch Frankreichs Arbeitgeberpräsident ist.

Wird dieser ultraliberale Gewerkschaftsfeind nun sein sozialkritisches Schulbuch-Sortiment oder die Erfolgstitel von Michael Moore oder José Bové rausschmeißen? Nutzt er gar den Miterwerb eines Großvertriebs zur Marktbeherrschung? Das befürchten nur Träumer, die immer noch glauben, Bücher würden nur aus Liebe, aber nicht mit Geld gemacht. Denn an die Medienmonopole hat sich das Mutterland der Globalisierungskritik rasch gewöhnt. So sind auch die Ambitionen der Bauunternehmer und Rüstungsmagnaten im Buch-, Presse- und Fernsehgewerbe Ausdruck eines altermondialisme, für den nur eines zählt: dass keine ausländischen Investoren zum Zuge kommen und das publizistische Kulturerbe in französischer Hand bleibt.

In diesem stillschweigenden Einverständnis zeigen sich die zwei Geschwindigkeiten Frankreichs. Es ist das Nebeneinander von hochmotorisierten Abwehrschlachten außen und handgestrickten Fusionsmanövern innen, von überzeugter geistiger Traditionspflege auf der Grundlage hypermoderner Kapitalstrukturen, von kultureller Selbstbehauptung um den Preis unternehmerischer Elefantiasis. Kein Land hat sich seit Kriegsende so radikal neu erfunden und dabei sein intellektuelles Erscheinungsbild so überzeugend konserviert, keine Nation beherrscht das Umschalten zwischen den zwei Geschwindigkeiten derart virtuos – bis hin zu dem Punkt, dass keinem mehr auffällt, wie sich das Land mit seinen Medientycoons eine exception française leistet, die das Kulturelle hinter sich lässt.

Michael Mönninger