Sie gelten als Retterinnen in der Not: Während die öffentliche Hand überall spart, preist sie gleichzeitig Stiftungen als bestes Modell, um Theater, Museen, Bibliotheken und Universitäten finanziell zu unterhalten. Denn Stiftungen, so das immer wiederkehrende Argument von Bundes- und Landespolitikern, könnten ihr Geld kontinuierlich und unabhängig einsetzen, ihre Strukturen seien flexibel und bürgernah.

Die Bundesrepublik erlebt seit dem Ende der Neunziger daher einen Gründungsboom, nicht nur privater, sondern auch öffentlicher Stiftungen: Die Bundeskulturstiftung und die Berliner Opernstiftung sind Beispiele. Das Stiftungswesen aber gleicht inzwischen einem Goldenen Kalb, um das die Kulturpolitiker immer hektischer tanzen. Es existieren jede Menge Strukturfehler und Kinderkrankheiten, über die niemand gern spricht, die aber korrigiert werden müssen: Mangel an Transparenz in den Entscheidungsprozessen, eine teilweise fragwürdige Legitimation der Entscheidungsträger, versteckte politische Abhängigkeiten, marode finanzielle Grundlagen. Als Beispiele lassen sich zahlreiche öffentliche Stiftungen in Bayern, Schleswig-Holstein, Thüringen und Sachsen nennen; die Stiftung Kulturfonds für die Neuen Länder, der Berliner Hauptstadtkulturfonds und die Bundeskulturstiftung. Überall gibt es handfeste Probleme.

Ein halbes Jahr nach ihrer Gründung sucht die hastig entstandene Berliner Opernstiftung immer noch nach einem Generaldirektor. Der Grund für die schwierige Kandidatensuche hat mit der, wie ein Senatssprecher zugibt, "nicht so attraktiven Aufgabe" zu tun: die drei Musiktheater unter einem Dach zu erhalten, sie effektiver und privatwirtschaftlich kostendeckender arbeiten zu lassen – und das alles ohne künstlerischen Qualitätsverlust, bei jährlich sinkendem Etat und einer anhaltenden Abhängigkeit von der Politik. Denn die Opernstiftung ist, wie viele Neugründungen, keine klassische Stiftung mit einem eigenen, unabhängigen Vermögensstock. Ihre Ausgründung sollte zuallererst den Landeshaushalt entlasten, der die Konstruktion weiterhin jährlich bezuschusst, allerdings mit immer weniger Geld.

In seinen Grundzügen ähnelt diese Konstruktion einer so genannten Zuwendungsstiftung nicht zufällig dem Modell, das der Hamburger Senat 1999 für seine Museen beschloss. Beide wurden von der damaligen Hamburger Kultursenatorin und heutigen Kulturstaatsministerin Christina Weiss geprägt. Doch die als vorbildlich geltende Lösung zeigt nach der Erfahrung der ersten Jahre ihre Tücken. "Wir sind die verselbstständigten Sparschweine des Staates, aber man hat die finanziellen Grundlagen falsch eingeschätzt", sagt der Geschäftsführer des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, Helmut Sander. Sein Kollege von der Kunsthalle, Tim Kistenmacher, sieht es ähnlich: "Der handwerkliche Fehler ist, dass man uns kein Stiftungskapital gegeben hat. Man kann das Modell nicht generell schlecht machen, aber in der jetzigen Form gibt es einen doppelten Negativ-Effekt." Der besteht darin, dass man den unmittelbaren Spareffekt der Stiftung überschätzt, die neuen Selbstkosten für die Betriebe – steigende Personaltarife, Kosten für Gebäudeunterhalt, Transport und Versicherungen – aber unterschätzt. Das Museum für Kunst und Gewerbe verfügt Sander zufolge wegen der hohen Ausgaben praktisch über keinen Ausstellungsetat mehr. Die Hamburger Kulturverwaltung bewilligte zwar angesichts der drückenden Probleme zusätzliche 2,5 Millionen Euro, doch dieses Geld sollen sich alle sieben Museen bis 2006 teilen. Für das Kunstgewerbemuseum deckt die Finanzspritze nur ein Drittel der entstandenen Verluste.

Etikettenschwindel in Weimar

Mit einer ähnlichen strukturellen Unterfinanzierung kämpft auch die Stiftung Weimarer Klassik; sie muss 2004 einen Fehlbetrag von 1,3 Millionen Euro ausgleichen. Das Nietzsche-Archiv, das Liszt-Haus und die Schlösser sollen künftig im Winter geschlossen bleiben. Auch die Arbeit des Goethe- und Schiller-Archivs ist wegen des Geldmangels gefährdet und benötigt nach eigenen Angaben 100000 Euro Zusatzspenden. In Weimar handelt es sich ebenfalls um eine Zuwendungsstiftung. Das Budget bestimmen das Land Thüringen, der Bund und die Stadt Weimar; sie segnen aber auch alle inhaltlichen Entscheidungen ab. "Im Grunde arbeiten wir wie eine nachgeordnete Behörde, nur dass es schlimmer ist, weil drei Seiten mitreden wollen. Ich sehe überhaupt nicht, dass wir unabhängiger und flexibler wären", sagt Stiftungspräsident Hellmut Seemann. Die ganze Konstruktion sei "eigentlich Etikettenschwindel".

Die Beispiele zeigen: Stiftungen können die hohen Erwartungen nicht erfüllen, wenn sie, und das ist die Tendenz, unsolide ausgestattet und unselbstständig konstruiert werden. Die neuerdings so beliebten Instant-Modelle sind von politischer Einflussnahme doppelt bedroht. Betroffen von dieser Gefahr ist auch die (ausnahmsweise mit üppigen Geldmitteln bedachte) Bundeskulturstiftung. "Wie nah kann man an den Geldgeber heranrücken, wenn im Stiftungsrat ein Vertreter des Finanzministeriums sitzt?", fragt der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann. Tatsächlich zählt das oberste Gremium der Bundeskulturstiftung nicht nur die Finanzstaatssekretärin Barbara Hendricks zu ihren Mitgliedern, sondern auch sonst überwiegend Politiker wie Christina Weiss, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), die Bundestagsvizepräsidenten Antje Vollmer (Bündnis 90/Grüne) und Norbert Lammert (CDU). Dagegen fehle es an Vertretern von gesellschaftlichen Gruppen und unabhängigen Organisationen, kritisiert Zimmermann. Die drei Prominenten aus dem Kulturbetrieb, die ebenfalls im Stiftungsrat sitzen – Nele Hertling, Monika Maron und Hilmar Hoffmann – könnten allein das Übergewicht politischer Interessenvertretung nicht aufwiegen. "Das sind Einzelkämpfer, sie haben keine Macht", so Zimmermann, der im Namen der bundesweit tätigen Künstlerverbände und der Kulturwirtschaft die Bundeskulturstiftung immer wieder kritisiert hat.

Das politische Tauziehen um Förderentscheidungen ließ sich jüngst gut beobachten im Fall des Berliner Hauptstadtkulturfonds. In den Streit um eine Ausstellung zur RAF, die der aus Bundesmitteln gespeiste Fonds unterstützen sollte, intervenierte auch Staatsministerin Weiss. Der Fonds musste seine Mittelzusage zurückziehen, schließlich wurde die Kuratorin Adrienne Goehler entmachtet. Ironischerweise fordert Weiss aber plötzlich selbst ein "transparentes Verfahren" und eine "klare Trennung zwischen Fachjury und politischer Ebene" für den Fonds. "Die Konstruktion war einfach nicht sauber", sagte die Ministerin dem Tagesspiegel.