Mohammad Houshieh, 22, aus Palästina, studiert Medizin

Ein kahles Zimmer: Bett, Schreibtisch, Schrank, Bücherregal. Kein Bild an der Wand, einziger Farbklecks ist der Gebetsteppich im Regal. Seit April ist das Mohammads Zuhause. Hier sitzt er, das Deutschbuch vor sich, und paukt Vokabeln. Wenn er eine Pause braucht, guckt er aus dem Fenster in den Garten des Studentendorfs im Süden Berlins. Er denkt oft an seine Familie zu Hause in Ostjerusalem. Er weiß: Sein Leben ist jetzt hier. Seine Eltern haben ihn hergeschickt, damit er Arzt wird. "Wir haben zu wenig gute Doktoren zu Hause", sagt der bedächtige junge Mann und schwärmt vom deutschen Medizinstudium. Anspruchsvoll sei es und elitär. "Viele schaffen das nicht und werden aussortiert." Mohammad findet das gut, ein Anreiz. Doch bis es endlich losgeht, muss er erst mal die Sprachprüfung schaffen. Vor zwei Monaten sprach er noch kein Wort Deutsch. Jeden Morgen steigt er in die U-Bahn und fährt zur Sprachschule am Nollendorfplatz. Hin und zurück sind das zwei Stunden Bahnfahrt. Aber das macht nichts. Er hat ja sonst nichts zu tun. Manchmal setzt er sich mit ein paar Freunden in den Bus, der um die Ecke hält, und sie fahren die ganze Linie ab. Unterwegs reden sie darüber, wie es wohl sein wird, das Studium. Natürlich wird er es schaffen, sagt Mohammad. Seine Eltern schicken ihm jeden Monat ein paar hundert Euro; so viel sie eben können.

Ana Bátia Ferreira, 20, aus Brasilien studiert Jura

Es ist Donnerstagabend, schon ziemlich spät, doch endlich ist Ana da. Sie steht in der siffigen Kneipe in Kreuzberg, wo sich der Internationale Club der Freien Universität zu seinem monatlichen Stammtisch trifft. "Ana!", ruft ihr jemand zu, "Schön, dass du kommst." Ana lächelt. Sie ist zwar erst ein paar Monate in Berlin, doch irgendwie kommt ihr das länger vor. Was sicher auch mit dem Club zusammenhängt. Vor kurzem sind sie zusammen nach Danzig gefahren, und Anfang Mai haben sie auf einer Party die EU-Erweiterung gefeiert. Mit seinen Veranstaltungen erreicht der Internationale Club im Jahr bis zu 1000 Studenten, Deutsche und Ausländer, und ist damit einer der erfolgreichsten seiner Art in Deutschland. Für viele Austauschstudenten wie Ana ist er ein zentraler Bestandteil ihres sozialen Lebens: Hier finden sie immer jemanden, der zuhört. "Die Sprache ist ein Problem für uns alle", sagt Ana, die VWL und Jura studiert. Sie sagt es auf Deutsch. Trotzdem versteht sie in den Vorlesungen nicht alles. Aber eigentlich ist das nicht so wichtig, schließlich möchte sie in ihrem Jahr vor allem Deutschland kennen lernen. Ein paar Klischees haben sich übrigens schon bestätigt: "All diese Dokumente", sagt sie und schüttelt ihre dunklen Locken. "Die Deutschen nehmen wirklich alles ganz genau." Doch das Akademische Auslandsamt hat ihr bei allem geholfen, Anträge für sie geschrieben und ihr sogar ein Apartment besorgt. Der Service stimmt also, auch wenn das Apartment ziemlich weit draußen ist, in Alt-Mariendorf. Doch das ist in Ordnung so, sagt Ana. "Verglichen mit São Paulo ist Berlin ja eher eine kleine Stadt."

Israel Moreno Mejia, 30, aus Mexiko, studiert Mathematik

Wenn Israel von seinen Forschungen erzählt, wird der kleine, stille Mann plötzlich lebhaft und beschreibt eine lange Linie durch die Luft. Partikulare Vektorenbündel sind es, die den Mathematiker beschäftigen. "Mein Professor ist eine weltbekannte Kapazität, da war es klar, dass ich nach Berlin kommen musste", sagt Israel, der seine Doktorarbeit noch in diesem Jahr abschließen möchte. "Das akademische Umfeld an der Humboldt-Universität ist hervorragend." Der Mexikaner ist so etwas wie der Idealtypus des mobilen Studenten, vor seinem Wechsel nach Deutschland hat er bereits in England Algebraische Geometrie studiert. Die Humboldt-Universität hat sich denn auch Mühe gegeben, Israel nach Berlin zu holen: Ein Zimmer zur Untermiete hat sie ihm besorgt, ganz in der Nähe seines Instituts in Adlershof. Und Deutsch lernen muss er auch nicht, alle sprechen hier Englisch. Von der Stadt selbst sieht er wenig, er arbeitet zu viel. "Unter den Linden war ich mal. Sehr schön", sagt er höflich. Ein deutsches Wort hat sich allerdings auch Israel gemerkt: Ausländerbehörde. "Da vernichten sie deine Zeit", sagt er. "In England war das irgendwie einfacher." Jan-Martin Wiarda