Wenn in der Kunst die Helden träumen, dann folgen die Träume meist denselben Mustern. Muster eins: Der Traum ist schlimmer als die Wirklichkeit, eine Scheinhinrichtung, aus der gnädige Reflexe den Schläfer reißen. Dankbar nimmt er sein Leben wieder auf. Das Erwachen bedeutet Rettung.

Muster zwei: Der Traum ist schöner als die Wirklichkeit. Das Erwachen bedeutet Untergang. Exemplarisch ist Ambrose Bierces Erzählung An Occurrence at Owl Creek Bridge. Ein Mann soll gehenkt werden, da reißt das Seil, und der Mann kann entkommen. Am Ende ist er doch tot, seine Flucht war bloß der Erstickungstraum des Gehenkten.

Muster drei: Der Traum ist ein Betrug der Dramaturgie, eine schaumige Schummelei zur Camouflage künstlerischer Katastrophen. Schönstes Beispiel: die amerikanische Schurkenserie Dallas. Da ließ man Bobby Ewing sterben, weil sein Darsteller aus der Produktion ausstieg. Viele Folgen später kehrte Bobby (und sein Darsteller) in die Serie zurück, sein Tod wurde annulliert mit dem Hinweis, Bobbys Liebste habe diesen Tod und alles Weitere nur geträumt.

Rettung, Vernichtung oder Spielerei – welche Traumvariante erlebt in Wien der Mann, der nun, am Schluss der Vorstellung, auf seinem Designerstuhl erwacht?

Thomas Ostermeier, Intendant der Berliner Schaubühne, hat fürs Wiener Burgtheater ein ganzes Stück, Ibsens Baumeister Solness, in den Traummodus versetzt. Solness stürzt am Ende des Dramas von einem selbst gebauten Turm in den Tod. In Wien träumt er seinen Tod (und alles vorige) nur. Tatsächlich stößt er im Schlaf gegen die Sessellehne und erwacht mit blutender Nase. Traummuster 1: Solness ist gerettet.

Allerdings hat er auch geträumt, dass eine schöne junge Frau, Hilde Wangel, der er vor zehn Jahren viele Küsse und ein Liebesversprechen gegeben hat, nun zurückgekommen ist, um sich seine Liebe zu holen. Als er erwacht, stellt er fest, dass Hilde Wangel nicht da ist und vielleicht nie existiert hat. Das Erwachen hat ihm alles geraubt. Traummuster 2: Solness ist vernichtet.

Und das Publikum? Es erlebt Variante 3: die Schummelei schlauer Betrüger, die ein ganzes Stück zum Schaum erklären und alles auf die Pointe des Erwachens setzen, auf den Kippmoment.

Damit ist das Ibsen-Muster außer Kraft gesetzt oder, wohlwollend gesagt, transzendiert. Ibsens Spiele leben von der Verdrängung, von all dem, was Tagwesen in ihr Unterbewusstsein hinuntertreten, bis es traumgleich wieder emporschnellt. In Wien ist "alles" Traum, das Wechselspiel von Kontrolle und Kontrollverlust hat, streng genommen, seinen Sinn verloren. Der Wiener Baumeister Solness liefert den Traum in allen Varianten, als Rettung, als Vernichtung und als Seifenblase. Wir sehen einem Mann zu, wie er sich selbst träumt. Das ist eine Schummelei, aber eine grandiose.