Medienkonsum Sehen, was kommt

Zu viel Fernsehen macht dumm. Und wir Deutschen schauen mehr denn je

 

Fernsehen ist die wichtigste Freizeitbeschäftigung der Deutschen. 3 Stunden und 23 Minuten täglich sehen wir mittlerweile fern, so die neueste Untersuchung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK). Und 3 Stunden, 23 Minuten sind nur der Durchschnitt. Selbst die Bayern, Schlusslicht der Statistik, gucken täglich fast drei Stunden in die Röhre. In Sachsen-Anhalt meint man dagegen, erst vier Stunden und acht Minuten täglich seien genug.

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Vier Stunden, acht Minuten – das bedeutet beispielsweise: ein Stündchen Richterin Barbara Salesch auf Sat.1 zur Kaffeezeit, am Vorabend das Boulevard-Magazin Explosiv bei RTL, zur Information die Tagesschau, danach die Serie Girl Friends im ZDF. Danach reizt die zweite Hälfte der RTL-Sitcom Mein Leben & ich die Lachmuskeln. Und weil’s so unterhaltsam war, folgt gleich noch Ritas Welt. Beim Zappen wird schließlich eine Polizeiruf 110- Wiederholung im MDR entdeckt. Der Mörder ist noch unter uns, da nickt unser fiktiver Magdeburger ein. Ab ins Bett. Kraft tanken. Denn solche Flimmermarathons muten sich die menschlichen Hochleistungsfernseher aus Sachsen-Anhalt tagtäglich zu. Rund 1500 Stunden kommen so jährlich zusammen. Das entspricht 188 Arbeitstagen à acht Stunden. Oder auch zwei Monaten TV nonstop. Jahr für Jahr. Wahnsinn.

Seit Einführung des Privatfernsehens ist der tägliche Fernsehkonsum der Erwachsenen um 68Minuten gestiegen. Nicht die Kinder, sondern wir Erwachsenen sind die Gaffer der Nation: Der durchschnittliche Tageskonsum steigt stetig mit dem Alter – von 94 Minuten bei den Drei- bis 13-Jährigen auf 262 Minuten bei den über 50-Jährigen. Nach Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie sich selbst.

Das komische Gefühl, wieder mal zu viel geguckt zu haben, kennt jeder. Wer nur ab und zu mehr guckt, als ihm gut tut, kennt außerdem noch diese seltsame Unzufriedenheit, die so nur beim zu langen Fernsehen entsteht. Wer regelmäßig den größten Teil seiner Freizeit mit Fernsehen verbringt, denkt vermutlich, dass sich Leben so anfühlt. Irgendwie nicht gut. Und was hilft, wenn man sich mies und einsam fühlt? Fernsehen! Erst mal, jedenfalls. So kann das TV-Programm zum Dauerberuhigungsmittel werden und ein harmloses Elektrogerät zur Lebenszeitvernichtungsmaschine.

Zu viel Fernsehen kann eine soziale Abwärtsspirale in Gang setzen. Es ist unangenehm, eines Tages feststellen zu müssen, dass man seine Freunde vernachlässigt hat und gar nicht mehr weiß, wie man sich und seine Familie anders beschäftigen könnte. Sehr unangenehm. Doch unsere Lieblingsserie lenkt uns zuverlässig davon ab, dass bei uns selbst nicht viel passiert. Oder dass wir ganz allein sind.

Der typische Fernsehsüchtige ist weiblich, alt und arbeitslos

Was vom Tage übrig bleibt, ist dann oft nur das schlechte Gewissen. So kommt die Studie Wo bleibt die Zeit? des Statistischen Bundesamtes wundersamerweise auf nicht mal zwei Stunden durchschnittlichen TV-Konsums pro Tag. Michael Darkow, Chef der GfK-Fernsehforschung, die die Einschaltquoten im Auftrag der Fernsehsender in ausgewählten Haushalten per »Knopfdruckverfahren« erhebt, hält das für »Quatsch mit Soße«. Sobald man Leute befrage oder Tagebuch führen ließe, »schlagen Aspekte der sozialen Wünschbarkeit durch«. Die Leute lügen, weil ihnen peinlich ist, wie viel sie gucken.

Das Klischee des Dauerzuschauers ist der »beidarmig Tätowierte«, der jede Hoffnung auf einen Arbeitsplatz aufgegeben hat. Nun hockt er da im Jogginganzug und röhrt, mit der Bierdose in der Hand, mit Schumis Auspuff um die Wette. Ein wüstes Klischee, das es allerdings nicht gäbe, wäre nicht irgendetwas dran. Tatsächlich wird in der Unterschicht überdurchschnittlich viel ferngesehen. Und: Je höher die Arbeitslosigkeit in einem Bundesland, desto höher dort der Fernsehkonsum.

Die Arbeitslosigkeit ist aber nach Meinung von Darkow nur ein Indikator für die gesamte wirtschaftliche Lage. Es müsste also heißen: Je schlechter die Leute gestellt sind und je größer die allgemeine Verunsicherung ist, desto mehr wird ferngesehen. Zumal aktive Freizeitgestaltung heutzutage oft ein teurer Spaß ist. In einem Land, in dem die Familienkarte für Hagenbecks Tierpark 41 Euro kostet und drei Stunden Schwimmen mit Kind mal eben 7,10 Euro, entscheiden sich viele, zu Hause zu bleiben. Und dort lockt das Fernsehen.

Der typische TV-Junkie trägt ohnehin keine großen Tattoos, sondern eher kleines Karo, Faltenrock und Dauerwelle. Er ist tendenziell eine Sie und lebt in Ostdeutschland, wo man eine halbe Stunde länger fernsieht als im Westen. Vor allem aber ist er eines: alt. Es ist diese Lebensphase, in der die Menschen weder durch Erwerbsarbeit noch durch intensiven Familienkontakt eingebunden sind, in der am meisten ferngesehen wird. Über 65 Jahre alte Frauen sind mit fast fünf Stunden Fernsehen am Tag dabei. Doch bereits die Gesamtheit der über 50-Jährigen hebt den Durchschnittswert kräftig nach oben. Nicht mal eine Jugendsendung wie Bravo TV im ZDF schreckt sie ab – über die Hälfte der Zuschauer ist älter als 50.

Das Fernsehen hat die größten Probleme unserer Gesellschaft gleichsam absorbiert. Es ist womöglich das machtvollste Instrument der Ruhigstellung, das je erfunden wurde. Wer Sorgen hat, hat auch Likör. Oder einen Fernseher. In die Ferne zu schauen, statt das eigene Leben unter die Lupe zu nehmen, löst zwar kein Problem, lenkt aber vorübergehend ab, beruhigt und unterhält. Was wäre wohl, wenn bei all den Vereinzelten plötzlich die Geräte ausfielen?

Bildungsbürgerliche Attacken, die vor dem Medium an sich die Nase rümpfen, sind zu Recht aus der Mode geraten. Neil Postman muss man zugute halten, dass er sich über die Vergeblichkeit seines Lamentos schon vor 20 Jahren im Klaren war. Schön, dass wir darüber gesprochen haben. Weil vielen der hohe Fernsehkonsum dennoch unheimlich geblieben ist, gibt es immer wieder Initiativen wie www.tvturnoff.org in den USA. Hierzulande wiederholte unlängst Kulturstaatsministerin Christina Weiss die Forderung nach einem fernsehfreien Tag – eine Forderung, die vor einem Vierteljahrhundert schon Helmut Schmidt formuliert hatte.

Dabei rät man in anderen Lebensbereichen von Radikaldiäten inzwischen ab. Abwechselnd Hungern und Fressen führt nämlich zum Jo-Jo-Effekt, man wird immer dicker. Das einzig Wahre ist die bewusste Ernährung im Alltag. Auch beim Fernsehen: Die eigentliche Herausforderung ist, sämtliche Stärken des Bildmediums zu nutzen, uns mit Genuss und ohne schlechtes Gewissen zu informieren und zu unterhalten – und rechtzeitig auszuschalten.

Wer seinen Fernsehkonsum nicht in den Griff bekommt, beherrscht eine zentrale Kulturtechnik nicht und kann sie seine Kinder nicht lehren. Eine Kulturtechnik, die inzwischen so wichtig ist wie Lesen und Schreiben. Weil es vielen von uns so schlecht gelingt, auszuwählen und Maß zu halten, wird statt des Esels dauernd der Sack geschlagen: Böses Fernsehen! Mieses Programm! Früher war alles besser! Populäre Fernsehmythen. Denn schon immer war uns Eseln die platte Unterhaltung ganz besonders lieb. Mainz bleibt Mainz, wie es singt und lacht! Jede Menge Narren haben bereits vor 40 Jahren lieber mit ihrer Glotze als außer Haus gefeiert: 7,3 Millionen Geräte wurden zur Schunkelsendung damals eingeschaltet.

Heute gucken wir mehr denn je, weil uns das Fernsehen vielfältigere, verlockendere Angebote macht. Aber hat schon mal jemand seinen Konditor beschimpft, weil dessen Torten so reizvoll sind, dass man nicht widerstehen kann? Kaum. Doch während vor dem Kuchengenuss wenigstens der Gang zum Bäcker kommt, steht Fernsehen immer zur Verfügung. Finger anheben und auf die Fernbedienung fallen lassen genügt. Die Dosis macht das Gift. Auch das Fernsehen kann missbraucht und so zur Droge werden. Beim TV gibt es keine Prohibition, ja noch nicht mal Zugangsbarrieren über den Preis. Besitzt man ein Gerät, muss man Gebühren zahlen. Von da an ist Garnichtsehen so teuer wie Vielsehen.

In den sechziger Jahren wurde das Fernsehen zu unserem Lebensmittelpunkt. Selbst Arbeiterfamilien mit knappem Budget war die Anschaffung eines Fernsehgerätes meist wichtiger als die einer Waschmaschine. Damals wurden erst die Wohnzimmer komplett umgeräumt und dann unsere Leben. Seither steht der Flimmeraltar im Zentrum. Statt sonntags in den Gottesdienst zu gehen, huldigen wir am Tag des Herrn rituell der Tagesschau, dem Tatort und Sabine Christiansen.

Doch die Entzauberung des Mediums, das uns vor Jahrzehnten behext hat, hat längst begonnen. Die technische und die funktionelle Entwicklung entsprechen sich: Der magische Kasten wird zum Flachbildschirm, den man auch an die Wand hängen kann. Das Fernsehen macht sich dünn, es wird zur Fototapete, zum allgegenwärtigen Bewegtbild. Es läuft zwar die ganze Zeit – aber konzentriert sich noch jemand darauf? In Ländern wie den USA, die noch höhere Einschaltzeiten aufweisen als Deutschland, ist Fernsehen für viele längst Nebenbeimedium. Es läuft so selbstverständlich wie das Radio, das seine Karriere einst ebenfalls als Einschaltmedium begonnen hatte. Die Fernsehsender hängen diese Entwicklung lieber nicht an die große Glocke: Ihre Werbekunden wollen aufmerksame Zuschauer.

Doch längst werden Sendungen, vor allem für das meist flachsinnige Tages- oder Vorabendprogramm, auch hierzulande zum Nebenbeigucken hergestellt. Etwa die Vorabenddetektivserie Lenßen & Partner bei Sat.1. Ein Erzähler fasst das Geschehen ständig zusammen. So bleibt auf dem Laufenden, wer zwischendrin in der Küche das Essen vorbereitet oder im Kinderzimmer Hausaufgaben kontrolliert. Auch Talk- oder Quizshows wie Wer wird Millionär? sind ideales Nebenbeifernsehen.

Zugleich ist die virtuelle Trennschicht zwischen Zuschauer und Fernsehen, den so genannten Stars da drinnen und uns Normalos da draußen, längst schon zur beidseitig durchlässigen Membran geworden. Im TV-Spieglein an der Wand sehen wir immer häufiger und lieber uns selbst. Keine Informationssendung scheint noch ohne Straßenumfrage auszukommen – Erkenntnisgewinn gleich null. Ständig werden Reality-Shows, Doku-Soaps, Heimwerker- oder Styling-Sendungen bei Hempels auf und unterm Sofa gedreht. Frauen gebären öffentlich, und Kinder werden vor der TV-Kamera großgezogen. Selbst der einst erklärte »Reality«-Feind Thomas Gottschalk ist inzwischen so weit, dass er fürs ZDF bei einer Familie eingezogen ist und dort den Papa gibt. Zu sehen voraussichtlich im Herbst.

»Das Medium spielt nicht mehr für seine Zuschauer, es spielt mit seinen Zuschauern«, hat die Theologin Johanna Haberer den Bedeutungswandel des Fernsehens erkannt. Die einst so klaren Grenzen zwischen Fernsehen und »echtem Leben« sind verschwommen. »No more limits«, wirbt auch die Firma MGA Entertainment. Sie vertreibt in den USA ein 160 Dollar teures Gerät namens Star Video Synthetic Reality System, das seinen Benutzer ins laufende Fernsehprogramm projizieren kann. Es soll binnen weniger Wochen ausverkauft gewesen sein, schreibt die Zeitschrift Max, die das Gerät für ihre deutschen Leser auch gleich zum »Fetisch des Monats« April erklärte.

Es gibt zarte Anzeichen dafür, dass der Fetisch Fernsehen im Leben künftiger Generationen eine andere Rolle spielen könnte. Ein Schlagwort heißt Multitasking: Während der Fernseher läuft, wird im Internet Software heruntergeladen, im Kinoprogramm gestöbert und eine SMS getippt. Was Erwachsenen schon beim Zusehen Kopfschmerzen bereitet, ist für Jugendliche ganz normal. In absehbarer Zeit werden Festplattenrecorder erschwinglich sein, die nicht nur große Programmmengen nach individuellen Vorlieben (»Alle Filme mit Al Pacino«) aufzeichnen können, sondern auch zeitversetztes Sehen ohne Werbung ermöglichen.

Machen wir uns das TV dann endlich untertan? Das steht zu bezweifeln. Auch künftig wird keine Technik der Welt etwas daran ändern, dass der Mensch den Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit jeden Tag aufs Neue suchen muss. Selten ist er so deutlich markiert wie der Ausschaltknopf auf einer Fernbedienung. Viele finden ihn trotzdem nicht. Und so suchen sie immer noch und immer wieder nach höheren Instanzen, die sie für ihr Unglück haftbar machen können, und schlittern doch nur von einem Problem ins nächste. So wie ein gewisser Timothy Dumouchel aus Wisconsin, USA. Er drohte kurz vor Weihnachten, seinen TV-Kabelanbieter zu verklagen, weil der ihn mit seinen Programmen fernsehsüchtig, seine Frau fett und seine Kinder faul gemacht habe. Dumouchels Forderung: 5000 Dollar oder drei Computer – und lebenslang freien Internet-Zugang.

 
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