Medienkonsum Sehen, was kommtSeite 3/3
In den sechziger Jahren wurde das Fernsehen zu unserem Lebensmittelpunkt. Selbst Arbeiterfamilien mit knappem Budget war die Anschaffung eines Fernsehgerätes meist wichtiger als die einer Waschmaschine. Damals wurden erst die Wohnzimmer komplett umgeräumt und dann unsere Leben. Seither steht der Flimmeraltar im Zentrum. Statt sonntags in den Gottesdienst zu gehen, huldigen wir am Tag des Herrn rituell der Tagesschau, dem Tatort und Sabine Christiansen.
Doch die Entzauberung des Mediums, das uns vor Jahrzehnten behext hat, hat längst begonnen. Die technische und die funktionelle Entwicklung entsprechen sich: Der magische Kasten wird zum Flachbildschirm, den man auch an die Wand hängen kann. Das Fernsehen macht sich dünn, es wird zur Fototapete, zum allgegenwärtigen Bewegtbild. Es läuft zwar die ganze Zeit – aber konzentriert sich noch jemand darauf? In Ländern wie den USA, die noch höhere Einschaltzeiten aufweisen als Deutschland, ist Fernsehen für viele längst Nebenbeimedium. Es läuft so selbstverständlich wie das Radio, das seine Karriere einst ebenfalls als Einschaltmedium begonnen hatte. Die Fernsehsender hängen diese Entwicklung lieber nicht an die große Glocke: Ihre Werbekunden wollen aufmerksame Zuschauer.
Doch längst werden Sendungen, vor allem für das meist flachsinnige Tages- oder Vorabendprogramm, auch hierzulande zum Nebenbeigucken hergestellt. Etwa die Vorabenddetektivserie Lenßen & Partner bei Sat.1. Ein Erzähler fasst das Geschehen ständig zusammen. So bleibt auf dem Laufenden, wer zwischendrin in der Küche das Essen vorbereitet oder im Kinderzimmer Hausaufgaben kontrolliert. Auch Talk- oder Quizshows wie Wer wird Millionär? sind ideales Nebenbeifernsehen.
Zugleich ist die virtuelle Trennschicht zwischen Zuschauer und Fernsehen, den so genannten Stars da drinnen und uns Normalos da draußen, längst schon zur beidseitig durchlässigen Membran geworden. Im TV-Spieglein an der Wand sehen wir immer häufiger und lieber uns selbst. Keine Informationssendung scheint noch ohne Straßenumfrage auszukommen – Erkenntnisgewinn gleich null. Ständig werden Reality-Shows, Doku-Soaps, Heimwerker- oder Styling-Sendungen bei Hempels auf und unterm Sofa gedreht. Frauen gebären öffentlich, und Kinder werden vor der TV-Kamera großgezogen. Selbst der einst erklärte »Reality«-Feind Thomas Gottschalk ist inzwischen so weit, dass er fürs ZDF bei einer Familie eingezogen ist und dort den Papa gibt. Zu sehen voraussichtlich im Herbst.
»Das Medium spielt nicht mehr für seine Zuschauer, es spielt mit seinen Zuschauern«, hat die Theologin Johanna Haberer den Bedeutungswandel des Fernsehens erkannt. Die einst so klaren Grenzen zwischen Fernsehen und »echtem Leben« sind verschwommen. »No more limits«, wirbt auch die Firma MGA Entertainment. Sie vertreibt in den USA ein 160 Dollar teures Gerät namens Star Video Synthetic Reality System, das seinen Benutzer ins laufende Fernsehprogramm projizieren kann. Es soll binnen weniger Wochen ausverkauft gewesen sein, schreibt die Zeitschrift Max, die das Gerät für ihre deutschen Leser auch gleich zum »Fetisch des Monats« April erklärte.
Es gibt zarte Anzeichen dafür, dass der Fetisch Fernsehen im Leben künftiger Generationen eine andere Rolle spielen könnte. Ein Schlagwort heißt Multitasking: Während der Fernseher läuft, wird im Internet Software heruntergeladen, im Kinoprogramm gestöbert und eine SMS getippt. Was Erwachsenen schon beim Zusehen Kopfschmerzen bereitet, ist für Jugendliche ganz normal. In absehbarer Zeit werden Festplattenrecorder erschwinglich sein, die nicht nur große Programmmengen nach individuellen Vorlieben (»Alle Filme mit Al Pacino«) aufzeichnen können, sondern auch zeitversetztes Sehen ohne Werbung ermöglichen.
Machen wir uns das TV dann endlich untertan? Das steht zu bezweifeln. Auch künftig wird keine Technik der Welt etwas daran ändern, dass der Mensch den Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit jeden Tag aufs Neue suchen muss. Selten ist er so deutlich markiert wie der Ausschaltknopf auf einer Fernbedienung. Viele finden ihn trotzdem nicht. Und so suchen sie immer noch und immer wieder nach höheren Instanzen, die sie für ihr Unglück haftbar machen können, und schlittern doch nur von einem Problem ins nächste. So wie ein gewisser Timothy Dumouchel aus Wisconsin, USA. Er drohte kurz vor Weihnachten, seinen TV-Kabelanbieter zu verklagen, weil der ihn mit seinen Programmen fernsehsüchtig, seine Frau fett und seine Kinder faul gemacht habe. Dumouchels Forderung: 5000 Dollar oder drei Computer – und lebenslang freien Internet-Zugang.
- Datum 24.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.06.2004 Nr.27
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