Es ist nicht ganz einfach, sich vorzustellen, dass ein derart blutiger Film von so großer Leichtigkeit und Schönheit sein kann. In Takeshi Kitanos Schwertfilm Zatoichi spritzt das Blut nicht einfach. Zischend schießt es aus zerschnittenen Hälsen und Bäuchen, es bildet sprudelnde Fontänen, armdicke Sturzbäche und feine Rinnsale. Ohnehin kennt die grafische Qualität des Blutes keine Grenzen. In schwungvollen Strichen landet es auf Wänden, Tüchern und Türen. Es sprenkelt Schwerter, platscht in schweren Tropfen auf dunkles Holz und überzieht die Gesichter der Kämpfenden mit einem hauchfeinen roten Netz. Das Blut ist hier nicht Lebenssaft, der durch Körper und Arterien strömt, sondern überschäumendes Pigment auf einer Leinwand, die sich von jedem Sterbenden zu neuen purpurnen Blumen und Mus-tern inspirieren lässt.

Man könnte diese Ästhetisierung des Kämpfens, Stöhnens, Sterbens zynisch nennen, aber bei Takeshi Kitano ist sie das genaue Gegenteil. Der japanische Regisseur ist auf der Suche nach einer neuen Action-Sprache, in der die Körper nicht mehr der Müll sind, der nach dem Stunt zurückbleibt. Hier werden Kampf und Tod zur ornamentalen Bewegung. Die Gewalt wird selbst zur Schrift. Immer wieder wirkt Kitanos Säbel wie ein Pinsel, der den Akt des Tötens augenblicklich in eine reine Zeichenhaftigkeit überführt. Indem er die Kunstfertigkeit des asiatischen Kampfkinos zum Exzess treibt, lotet Kitano auch dessen Grenzen aus. Der Tod wird zum ausbalancierten Spektakel der Symbole, das sich nicht weiter reduzieren und erst recht nicht überbieten lässt.

In Zatoichi sehen wir Kitano dabei zu, wie er einen Mythos der japanischen Populärkultur in sein eigenes, von Spiel und Tod geprägtes Universum überführt. Er selbst übernimmt die Rolle des Zatoichi, jenes blinden Schwertkämpfers und Masseurs, der über Jahrzehnte hinweg durch japanische Filme und Fernsehserien wanderte. War die Figur in den alten Filmen jedoch ein Rächer der Enterbten, ein warmherziger Robin Hood der japanischen Provinz, bekommt sie bei Kitano etwas unnahbar Aristokratisches. Platinblond gebleichtes Haar verleiht dem schweigsamen Helden die Aureole des Außenseiters. In Zatoichi verschlägt es die Titelfigur in ein abgelegenes Bergdorf, das von einer erpresserischen Gangsterbande terrorisiert wird. Im Kampf gegen die Schurken ist das Reaktionsvermögen des Blinden übermenschlich, sein Säbel präzise wie ein Skalpell. Aus der absoluten Konzentration der Sinne muss er seine Gegner fühlen, spüren, riechen – der Körper wird zum allzeit alerten Wahrnehmungsapparat.

In den Kampfszenen gelingt Takeshi Kitano eine seltsame Synthese aus Materialität und Abstraktion, Körpergefühl und Überhöhung. Schon in der Eröffnungssequenz erledigt der vermeintlich überrumpelte Blinde einen Gegner, indem er ihm blitzschnell mit dem Säbel in den Knöchel stößt. Für einen winzigen Augenblick glaubt man Sehnen reißen und Knochen splittern zu hören, dann wüten die fürchterlichen Hiebe weiter, hinterlassen auf Brust und Rücken der Gegner jene hellroten Linien, die sich im Verlauf des Films zum kalligrafischen Kunstwerk verdichten.

Mit einem gewissen Trotz verzichtet Kitano bei den Kämpfen auf digitale Tricksereien. In Zatoichi krachen die Schädel tatsächlich, werden echte Gegner durch die Luft geschleudert und zu choreografisch verrenkten Haufen arrangiert. Digital platzt hier nur das Blut ins Bild, als grellrot verstärkter Effekt, der die eben noch ächzenden Körper irritierend unwirklich erscheinen lässt. Mag sein, dass die Kampfszenen immer noch von den Grenzen des menschlichen Körpers künden, doch das Rot nimmt auf solche Realismen keine Rücksicht.

Inmitten seiner recht klassisch drauflosstürmenden und brüllenden Feinde erzeugen vor allem Kitanos merkwürdig abgehackte Bewegungen den Eindruck einer von der Game-Konsole gesteuerten Künstlichkeit. Zwischen den einzelnen Gegnern fällt der blinde Zatoichi immer wieder in meditative Unbeweglichkeit zurück, ganz so, als ob ein gottgleicher Spieler mal kurz den Finger vom Ballerknopf gehoben habe. In solchen Momenten liegt die Meisterschaft von Zatoichi: Kitano verbindet die klassische Kampfkunst des asiatischen Martial-Arts-Genres mit Elementen der modernen Clip- und Spieleästhetik. So gelingt es ihm, das Kino in einen anderen Wirklichkeitsmodus zu schalten, zwischen ernstem Gemetzel und Lara Croft, jungenhaften Allmachtfantasien und der Abrechnung mit einer Welt, in der jeder jeden und Zatoichi alle zusammen bekämpft.

Und schließlich hat sein Innehalten, das fortwährende Beharren auf den Pausen, einen weiteren nachhaltigen Effekt. Die kurze Stille nach dem Sterben gibt jedem niedergestreckten Gegner seine eigene Schweigesekunde. Zatoichis Metzelei, so schnell sie auch abläuft, wird zu einem formbewusst pietätvollen Akt.

Trotz allem nimmt dieser Film seine Welt der gnadenlosen Bandenkriege nicht sonderlich ernst. Wie schon in früheren Arbeiten zelebriert Kitano die eigene Schelmenhaftigkeit, zeigt seine Vorliebe für absurde Streiche, beiläufige Witzchen. Einmal malt sich der Blinde ein paar groteske Knopfaugen auf die ewig geschlossenen Lider. Dann wieder sorgt sein durch Wände und Türbalken stechender Säbel für gemein kalkulierte Überraschungen.