Kino Die Stille vor dem SterbenSeite 2/2
Jenseits der Kämpfe, deren Opfer man sehr schnell zu zählen aufgibt, entspinnen sich possenhafte Freundschaften, entfaltet sich die liebevolle Chronik eines Dörfchens und seiner Bewohner. Eine resolute Witwe, ein schreiend durchs Bild laufender Verrückter im Samurai-Kostüm, Travestie, Trinkerei und Glücksspiel – parallel zum unerbittlichen Takt der Kämpfe entwickelt sich ein Hang zum Burlesken, eine übergreifende und zutiefst humane Musikalität des Alltags. Es ist diese heitere Melodie des Lebens, die Zatoichi bei aller Grausamkeit eine unwiderstehliche Leichtigkeit verleiht.
Unaufhaltsam beginnt sich der Film zu beschleunigen, finden die Bilder einen gemeinsamen Slapstick-Takt. Wir sehen den Blinden, der das Holzhacken zum perkussiven Soloauftritt macht, tumbe Dorfjungen, die den Schädel ihres Kampftrainers wie eine Trommel bearbeiten, und Bauern, die ihre Felder im ultracoolen Groove beharken. Irgendwann sind Natur, Menschen und Rhythmus nicht mehr zu unterscheiden, verbinden sich die diszipliniert plätschernden Regentropfen mit den Hammerschlägen der Zimmerleute und den Schritten des Blinden in der Nacht.
Im großen Finale lässt Kitano seinen Film noch einmal den Takt wechseln, vom Action-Epos zur Musical-Nummer, von der Schwerterchoreografie zum furiosen anglojapanischen Stepptanzspektakel. Nichts bleibt, wie es ist. Erlaubt ist alles, was gefällt. Genres, kulturell verwurzelte Erzähltraditionen, die klassischen Kinoformen scheinen für Kitano nur zu existieren, um sie zu zerdeppern und neu zusammenzulöten. Seine Hybris ist auch seine Freiheit. Der Mann kann sich einfach alles erlauben.
- Datum 24.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.06.2004 Nr.27
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