Kommentar Lehrer sollen Schüler unterrichten, nicht Fächer

Über den Erfolg alternativer Bildungskonzepte

Die Ergebnisse der PISA-Studie haben in Deutschland viel Wirbel verursacht. Eines zumindest ist klar: Es besteht Handlungsbedarf - und zwar äußerst rasch. Während sich Politiker aber nach wie vor den Kopf zerbrechen und Reformpläne hin und her wälzen, freut sich eine kleine Elite über ihren ganz persönlichen Erfolg: So etwa die viel zitierte Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, beste deutsche Schule nach der internationalen Studie. Seit dem PISA-Schock hat sich Wiesbaden zum neuen Pilgerort für Pädagogen etabliert. In die hessische Stadt kommt man nun, um vom Beispiel abzuschauen. Und weil das mittlerweile so viele tun, hat die ehemalige Direktorin der Erfolgsschule, Enja Riegel, ihre Weisheiten zu Papier gebracht. Ein kompakter Ratgeber für Pädagogen und Eltern? Eine Einladung zum Nachmachen? Oder etwa der Versuch, ein deutsches Bildungssystem nach Helene-Lange-Vorbild zu schaffen?

Sollte das Buch zum Bestseller avancieren, so sei vor falscher Interpretation gewarnt. Auf den ersten Blick scheint ja so mancher Ratgeber Probleme im Handumdrehen zu lösen. Aber ein Schulerfolgs-Patentrezept wäre nur allzu komisch. Das kann auch nicht die Absicht der Autorin sein, obwohl sie mit einem nicht unschlauen Titel wirbt. Was aber verbirgt sich hinter der Aussage "Schule kann gelingen"?

Anzeige

Voraussetzung für entspanntes Lernen sind laut Riegel entsprechende Rahmenbedingungen. Solche, die es Lehrern ermöglichen, in kleinen Gruppengrößen Schüler über Jahre hinweg zu begleiten, sie dadurch in ihrer Gesamtpersönlichkeit besser kennen zu lernen und individuell zu fördern. Realität ist aber, dass Kinder meist nicht unter der Obhut eines vertrauten Pädagogen lernen, sondern einem ständigen Lehrerwechsel ausgeliefert sind. Tatsache ist auch, dass Lehrer nicht zehn sondern bis hin zu dreißig Schüler in der Klasse haben. Individuelle Förderung? Ein Wunschgedanke. So beliebt Lehr- und Stundenpläne während der letzten Jahrzehnte waren, so skeptisch machen dieselben plötzlich. Denn die PISA-Spitze zeigt, dass es anders besser geht. Projektarbeit anstelle von Auswendigbüffeln, flexible Stundengestaltung anstatt strikt befolgter Stundenpläne. Und das, obwohl sich noch kürzlich Lehrer selbstzufrieden auf die Schulter klopften, wenn sie vor Ende eines Schuljahres den gesamten Lehrstoff durchgeboxt hatten. Der Marathon schien gewonnen, doch am Ende waren alle erschöpft - Schüler, Lehrer und Eltern.

Die Rolle der Eltern wird im Bildungsprozess gerne unterschätzt. Ein Elternsprechtag im Halbjahr sollte reichen, um über die Leistungen des Sprösslings zu informieren. In manchen Fällen werden Mama und Papa gesondert benachrichtigt, meist dann, wenn es um die Noten des Nachwuchses nicht so rosig steht. Noten als Urteil über einen jungen Menschen, als Urteil über seine Zukunft. Dass an diesem Vorgehen was falsch sein muss, zeigen wiederum die PISA-Sieger. Die Nordeuropäer etwa zelebrieren das, was sich hier zu Lande erst langsam durchsetzt: eine enge Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus. Seit man auch in Deutschland eingesehen hat, dass es bildungspolitisch nicht nur am Geld sondern an der Struktur mangelt, ist das Modell der Gesamtschule zum Schlagwort geworden. Um dabei dem Klischee einer Aufbewahrungsstätte für Kinder ganztätig arbeitender Eltern zu entgehen, zieht man erfolgreiche Beispiele - etwa aus dem nordischen Raum - heran. Und fügt brav hinzu, dass eine "Schule als Lebensort" der Zusammenarbeit aller bedarf: Schüler, Lehrer und Eltern. Da gibt es aber in Deutschland mittlerweile Stimmen, die eine weiter gehende Öffnung fordern. Denn die Schule sollte auf das Leben vorbereiten und somit ihren Unterricht praxisnah gestalten. Diese Stimmen fordern die zusätzliche Einbindung von Experten. Regisseure, die ein Theaterprojekt betreuen, Journalisten, die einen Schreibworkshop anbieten, Wissenschaftler, die Forschungsprojekte im Freien leiten. Dass dies nicht hinter verschlossen Türen geschehen sollte sondern zu Erkundungen in der Umgebung einlädt, liegt auf der Hand.

Wichtig ist den Gesamtschul-Anhängern, dass gemeinsames Lernen im Vordergrund steht. Wohl eines der Erfolgsrezepte des Wiesbadener PISA-Siegers. Denn dort - so die ehemalige Schulleiterin Riegel - werde nicht wie in üblichen deutschen Gesamtschulen nach Leistung selektiert, sondern individuell gefordert und gefördert. Das Festlegen zehnjähriger Kinder auf ihren weiteren Lebensweg gehört auch zu den wesentlichen Kritikpunkten von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Sie fordert, "jedem Menschen Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten für die individuelle Platzfindung in der Gesellschaft". Denn jeder Mensch ist anders und hat das Recht, als Individuum wahrgenommen zu werden. Das gilt auch für die Lehrer. Jene unter der Leitung Enja Riegels hatten die Freiheit, ihre ganz persönlichen Interessen in den Unterricht einzubringen, seien diese nun künstlerischer, naturwissenschaftlicher oder sonstiger Ausrichtung.

Illusion oder Wirklichkeit? Auf jeden Fall mögliche Alternativen, sofern diese nicht durch "Auflagen von oben" eingedämmt werden. Zu sehr geht es noch um die Genehmigung kreativer Bildungsinhalte, um das Gutheißen abweichender Vorgangsweisen. Eine Skepsis, die blockiert. Darüber sind sich viele Pädagogen einig. Denn sie existieren, die Ideen und Träume, die Unmögliches möglich machen. Auch in der Schule. 

 
Service