esoterik Schrei nach Stille
Vom "spirituellen Erwachen" erhoffen sich Hunderttausende erschöpfter Zeitgenossen Hilfe im Alltagskampf. Begegnung mit den Lehrern einer neuen Innerlichkeit
Die Erleuchteten waren da. Sie sind durchs Land gefahren und haben Seelen geheilt. Sie haben Identitäten erforscht und Akademiker zum Weinen gebracht. Sie haben Bewusstseinsströme in Schwingung gesetzt und Energien befreit. Sie haben Erfahrung gelehrt und Verehrung erfahren. Sie haben Inspiration vermittelt und geweckt. Und sie haben geschwiegen. Egal, wo sie waren - ihr Raum war die Stille. Der Raum ist das Eine. Das Eine ist immer schon da. Die Erleuchteten nennen das Eine ES, was für Quelle steht, für Energie. Von einem Gott sprechen sie nicht. Tausende pilgern zu den neuen Lehrern, denn die Erleuchteten spüren einen universellen Bewusstseinswandel, sie wollen, dass Veränderung beginne, bei jedem selbst, jetzt, hier und ohne großen Aufwand. Das weltweite spirituelle Erwachen ist eine neue Religion ohne Gott.
Mit großer Wucht schießen die Erleuchteten aus dem frisch bestellten Boden einer neuen Innerlichkeit. Sie gehen auf Tourneen durch Provinzen und Metropolen und predigen die Kunst der spirituellen Stille. Sie sind ungeheuer gewöhnlich. Sie bieten Meditationsabende, Fragestunden, Gruppen- und Einzelsitzungen an. Sie sind Lebenslehrer, die den chronisch Überforderten, den unter Leistungsdruck Leidenden, den von Kollegen Gemobbten, den Verzweifelten und Einsamen zu einem höheren Bewusstein verhelfen wollen. Es soll das große Erwachen aus dem Tiefschlaf der spätkapitalistischen Selbstentfremdung sein. Bei manchen hat ES gedämmert, bei manchen Klick! gemacht, Klick!, jener Begriff, mit dem die Erwachten das Verschwinden der Worte umschreiben, die Formlosigkeit. Erwacht sind bisher nur wenige. Erwachen ist kein Privileg. Es erfordert kein Credo und kein Ritual. Jeder kann erwachen. Man braucht nur ein bisschen Hilfe. Und wenn nicht alles täuscht, hat sich an einem ganz gewöhnlichen Sonntagabend in der Halle des Veranstaltungsforums von Fürstenfeldbruck in dieser Hinsicht ein kleines Wunder ereignet.
HIER
Eckhart Tolle ist noch nicht da. Aber er ist, man kann es spüren, irgendwie
hier. Gleich wird er die große Bühne betreten, auf der ein kleiner Tisch
steht, eine Flasche Wasser, ein Glas, ein Plastikstuhl, links und rechts eine
Vase mit Blumen, ein Standmikrofon, eine Leinwand. 850 Menschen sind
gekommen, junge, alte, alle Schichten. Eine Frau betritt die Bühne. "Guten
Abend", sagt sie, "Eckhart bittet um ein paar Minuten Stille, bevor er
kommt." Sodann ist die Magie eines Massenschweigens zu erleben. Nicht einer
räuspert sich. Die Stille steigert sich zu einer prämeditativen Andacht.
Plötzlich schleicht ein mittelgroß gewachsener Mann auf die Bühne, von rechts
hinten, kaum sichtbar im Halbdunkel, die Hände vor dem Mund gefaltet, leicht
gebeugt, als bezeuge er Demut vor etwas Höherem, in umbrafarbener Cordhose,
braunen Schuhen, einem rosaroten, bis an die Kehle zugeknöpften Hemd und
einem grauen, ärmellosen Pullover darüber. Er hat einen Kinnbart, nach rechts
gescheiteltes, volles Haar, kleine blaue Augen, ausgeprägte Tränensäcke; und
als er vor seinem Stuhl zum Stehen kommt, verbeugt er sich in buddhistischer
Manier. Dann sitzt er. Die Augen geschlossen. Er schweigt. Auf der
Videoleinwand sieht man, wie seine leicht geröteten Lider flackern. Zwei,
drei Minuten dauert dieses Schweigen. Dann spricht er in das an den Mund
gerückte Mikrofon, langsam, leise, seine Stimme füllt die Halle. "Es ist fast
schade, die Stille zu unterbrechen mit Worten."
Eckhart Tolle ist da. Ein unscheinbarer Mann von 56 Jahren. Sparsame Gestik. Lakonische Mimik. Er wirkt in sich ruhend, unaufgeregt, von einer fast verstörenden Gelassenheit. "Vergewissert euch, dass ihr hier seid", sagt dieser Antiguru, Antimotivator, Antientertainer, der auf den ersten Blick wirkt wie ein verschüchterter, durch einen nicht zu erklärenden Irrsinn des Schicksals auf die große Bühne gestoßener Theologiestudent im 20. Semester. Dass dieser Mann von nun an 850 Menschen drei Stunden lang mit einer Reflexion über Stille und Raum bannen wird, ist mit den Mitteln des herkömmlich geschulten Verstandes nicht zu erklären. Eckhart Tolle wird nichts anderes tun als reden. Unaufgeregt, gelegentlich redundant, ohne Konzept, ohne Clipboard, ohne Versprecher. Er wird in einer Position verharren und immer gleich schauen. Er wird sich kaum bewegen, und jede auf die Leinwand projizierte kleinste Veränderung seines Gesichtsausdrucks wird einen erhebenden Effekt beim Publikum haben. Am Ende des Abends wird es Ovationen geben, der Saal wird beben, Lehrer und Anwälte, Ärzte und Unternehmer, Techniker und Studenten werden nach Hause gehen, seine CDs hören und sich immer weiter auf das Abenteuer des spirituellen Erwachens einlassen.
GÖTTLICHE ENERGIEN
Zu gleicher Zeit wird in Münchens Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz ein
traditionelles Hochamt des Übersinnlichen gefeiert. Zum 38. Mal findet dort
die größte Esoterikmesse Deutschlands statt - 151 Aussteller sind gekommen,
aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Polen, 100 Vorträge sind
angekündigt, 4.000 Besucher werden erwartet. Die Veranstalter sind überaus
zufrieden, der Esoterik-Markt hat sich von Rezession und Selbstzerfleischung
nicht kleinkriegen lassen, obwohl die Sinnsuche marktwirtschaftlicher
Gesetzmäßigkeit unterliegt und Aura-Fotografie oder Regenbogenlichtseminare
durchaus Luxus sind.
20 Prozent aller gedruckten Neuerscheinungen, das legt der Blick in die Regale deutscher Buchläden und Verlagsprospekte nahe, handeln mit Esoterika. Die Sehnsucht nach der "Anderen Realität" nimmt proportional zur geistigen Entleerung im technisch verwalteten Leben zu. Esoterik-Messen bieten Zuflucht. Der Gang durch die rustikalen Räume des Löwenbräukellers, durch den Kosmos gesteigerter Lebensintensität, ist ein Ausflug in die spirituelle Veräußerung zwischen Hellsehen und Hexenritual, Wiedergeburt und Spezialpendeln. Esoprogrammatisch fungiert, womöglich wider Willen, Vortrag 5 in Raum 2: ICH BIN - Der Sieg des Geistes über die Materie, was die Masse nicht sonderlich zu begeistern scheint, da in Raum 3 seit einer Stunde Kontakt mit dem Jenseits aufgenommen wird.
Es ist warm und stickig. Das Medium, Hellseherin und Heilerin Frau L., eine korpulente, sonnenbebrillte Mittfünfzigerin, schließt für zwei Sekunden die Augen und nimmt denkbar schnell Kontakt mit einer Verstorbenen auf. "Ihre Großmutter sagt, Sie sollen das Haus nicht verkaufen. Können Sie damit etwas anfangen?" - "Ja", sagt die Zuhörerin begeistert. "Gut, nächste Frage." In Raum 4 schüttelt sich derweil der an die Grenzen zum Wahnsinn gehende Rutengänger im Leinensakko, sieht, das Energiefeld erspürend, zur Decke, weicht schlechten Strömungen überzeugend aus und schlägt vor: "Spüren's mal nach innen herein, da san so unglaubliche Dinge, dass ma net mitm Verstand dabei sein sollt."
- Datum 24.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.06.2004 Nr.27
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