Die Erleuchteten waren da. Sie sind durchs Land gefahren und haben Seelen geheilt. Sie haben Identitäten erforscht und Akademiker zum Weinen gebracht. Sie haben Bewusstseinsströme in Schwingung gesetzt und Energien befreit. Sie haben Erfahrung gelehrt und Verehrung erfahren. Sie haben Inspiration vermittelt und geweckt. Und sie haben geschwiegen. Egal, wo sie waren - ihr Raum war die Stille. Der Raum ist das Eine. Das Eine ist immer schon da. Die Erleuchteten nennen das Eine ES, was für Quelle steht, für Energie. Von einem Gott sprechen sie nicht. Tausende pilgern zu den neuen Lehrern, denn die Erleuchteten spüren einen universellen Bewusstseinswandel, sie wollen, dass Veränderung beginne, bei jedem selbst, jetzt, hier und ohne großen Aufwand. Das weltweite spirituelle Erwachen ist eine neue Religion ohne Gott.

Mit großer Wucht schießen die Erleuchteten aus dem frisch bestellten Boden einer neuen Innerlichkeit. Sie gehen auf Tourneen durch Provinzen und Metropolen und predigen die Kunst der spirituellen Stille. Sie sind ungeheuer gewöhnlich. Sie bieten Meditationsabende, Fragestunden, Gruppen- und Einzelsitzungen an. Sie sind Lebenslehrer, die den chronisch Überforderten, den unter Leistungsdruck Leidenden, den von Kollegen Gemobbten, den Verzweifelten und Einsamen zu einem höheren Bewusstein verhelfen wollen. Es soll das große Erwachen aus dem Tiefschlaf der spätkapitalistischen Selbstentfremdung sein. Bei manchen hat ES gedämmert, bei manchen Klick! gemacht, Klick!, jener Begriff, mit dem die Erwachten das Verschwinden der Worte umschreiben, die Formlosigkeit. Erwacht sind bisher nur wenige. Erwachen ist kein Privileg. Es erfordert kein Credo und kein Ritual. Jeder kann erwachen. Man braucht nur ein bisschen Hilfe. Und wenn nicht alles täuscht, hat sich an einem ganz gewöhnlichen Sonntagabend in der Halle des Veranstaltungsforums von Fürstenfeldbruck in dieser Hinsicht ein kleines Wunder ereignet.

HIER
Eckhart Tolle ist noch nicht da. Aber er ist, man kann es spüren, irgendwie hier. Gleich wird er die große Bühne betreten, auf der ein kleiner Tisch steht, eine Flasche Wasser, ein Glas, ein Plastikstuhl, links und rechts eine Vase mit Blumen, ein Standmikrofon, eine Leinwand. 850 Menschen sind gekommen, junge, alte, alle Schichten. Eine Frau betritt die Bühne. "Guten Abend", sagt sie, "Eckhart bittet um ein paar Minuten Stille, bevor er kommt." Sodann ist die Magie eines Massenschweigens zu erleben. Nicht einer räuspert sich. Die Stille steigert sich zu einer prämeditativen Andacht. Plötzlich schleicht ein mittelgroß gewachsener Mann auf die Bühne, von rechts hinten, kaum sichtbar im Halbdunkel, die Hände vor dem Mund gefaltet, leicht gebeugt, als bezeuge er Demut vor etwas Höherem, in umbrafarbener Cordhose, braunen Schuhen, einem rosaroten, bis an die Kehle zugeknöpften Hemd und einem grauen, ärmellosen Pullover darüber. Er hat einen Kinnbart, nach rechts gescheiteltes, volles Haar, kleine blaue Augen, ausgeprägte Tränensäcke; und als er vor seinem Stuhl zum Stehen kommt, verbeugt er sich in buddhistischer Manier. Dann sitzt er. Die Augen geschlossen. Er schweigt. Auf der Videoleinwand sieht man, wie seine leicht geröteten Lider flackern. Zwei, drei Minuten dauert dieses Schweigen. Dann spricht er in das an den Mund gerückte Mikrofon, langsam, leise, seine Stimme füllt die Halle. "Es ist fast schade, die Stille zu unterbrechen mit Worten."

Eckhart Tolle ist da. Ein unscheinbarer Mann von 56 Jahren. Sparsame Gestik. Lakonische Mimik. Er wirkt in sich ruhend, unaufgeregt, von einer fast verstörenden Gelassenheit. "Vergewissert euch, dass ihr hier seid", sagt dieser Antiguru, Antimotivator, Antientertainer, der auf den ersten Blick wirkt wie ein verschüchterter, durch einen nicht zu erklärenden Irrsinn des Schicksals auf die große Bühne gestoßener Theologiestudent im 20. Semester. Dass dieser Mann von nun an 850 Menschen drei Stunden lang mit einer Reflexion über Stille und Raum bannen wird, ist mit den Mitteln des herkömmlich geschulten Verstandes nicht zu erklären. Eckhart Tolle wird nichts anderes tun als reden. Unaufgeregt, gelegentlich redundant, ohne Konzept, ohne Clipboard, ohne Versprecher. Er wird in einer Position verharren und immer gleich schauen. Er wird sich kaum bewegen, und jede auf die Leinwand projizierte kleinste Veränderung seines Gesichtsausdrucks wird einen erhebenden Effekt beim Publikum haben. Am Ende des Abends wird es Ovationen geben, der Saal wird beben, Lehrer und Anwälte, Ärzte und Unternehmer, Techniker und Studenten werden nach Hause gehen, seine CDs hören und sich immer weiter auf das Abenteuer des spirituellen Erwachens einlassen.

GÖTTLICHE ENERGIEN
Zu gleicher Zeit wird in Münchens Löwenbräukeller am Stiglmaierplatz ein traditionelles Hochamt des Übersinnlichen gefeiert. Zum 38. Mal findet dort die größte Esoterikmesse Deutschlands statt - 151 Aussteller sind gekommen, aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Polen, 100 Vorträge sind angekündigt, 4.000 Besucher werden erwartet. Die Veranstalter sind überaus zufrieden, der Esoterik-Markt hat sich von Rezession und Selbstzerfleischung nicht kleinkriegen lassen, obwohl die Sinnsuche marktwirtschaftlicher Gesetzmäßigkeit unterliegt und Aura-Fotografie oder Regenbogenlichtseminare durchaus Luxus sind.

20 Prozent aller gedruckten Neuerscheinungen, das legt der Blick in die Regale deutscher Buchläden und Verlagsprospekte nahe, handeln mit Esoterika. Die Sehnsucht nach der "Anderen Realität" nimmt proportional zur geistigen Entleerung im technisch verwalteten Leben zu. Esoterik-Messen bieten Zuflucht. Der Gang durch die rustikalen Räume des Löwenbräukellers, durch den Kosmos gesteigerter Lebensintensität, ist ein Ausflug in die spirituelle Veräußerung zwischen Hellsehen und Hexenritual, Wiedergeburt und Spezialpendeln. Esoprogrammatisch fungiert, womöglich wider Willen, Vortrag 5 in Raum 2: ICH BIN - Der Sieg des Geistes über die Materie, was die Masse nicht sonderlich zu begeistern scheint, da in Raum 3 seit einer Stunde Kontakt mit dem Jenseits aufgenommen wird.

Es ist warm und stickig. Das Medium, Hellseherin und Heilerin Frau L., eine korpulente, sonnenbebrillte Mittfünfzigerin, schließt für zwei Sekunden die Augen und nimmt denkbar schnell Kontakt mit einer Verstorbenen auf. "Ihre Großmutter sagt, Sie sollen das Haus nicht verkaufen. Können Sie damit etwas anfangen?" - "Ja", sagt die Zuhörerin begeistert. "Gut, nächste Frage." In Raum 4 schüttelt sich derweil der an die Grenzen zum Wahnsinn gehende Rutengänger im Leinensakko, sieht, das Energiefeld erspürend, zur Decke, weicht schlechten Strömungen überzeugend aus und schlägt vor: "Spüren's mal nach innen herein, da san so unglaubliche Dinge, dass ma net mitm Verstand dabei sein sollt."

Ein herzlicher Appell an die innere Stimme, an das Verändern und Loslassen, und der "geprüfte Rutengänger" (zudem Numerologe, Feng-Shui-Experte, Geomantiker und Kinesiologe), lehrt mit der ausgezogenen Rute, wie man, so sagt er es, "in Energie kommt". Krankheit sei Unordnung, und Unordnung bekämpfe man mit Energie, und wer Krebs habe, der habe keine Energie, und irgendwie klingt das nach "Selbst schuld!", weswegen der mit der Kraft der Gedanken heilende Radiästhet ("Zurück zur Gesundheit!") all den im Gefolge von Erdmagnetkreuzungen und geopathologischen Störungen erkrankten Menschen sein neu entworfenes Kartenset Die energetischen Sieben zu 25 Euro je Packung empfiehlt: für die Revitalisierung und Energetisierung von Trinkwasser, zur Stärkung des Immunsystems und zur Neutralisierung von Elektrosmog.

In Raum 5 referiert wenig später die von eigenen seelischen Wunden durch Handauflegen genesene Rednerin in zerbrechlichem, aber überartikuliertem Rheinländisch den Weg von der Disharmonie zur Harmonie, führt die Irrungen und Wirrungen der Zeitgenossen relativ eindeutig auf deren trübe Aura und verschmutzte Chakren zurück und beschwört die Kraft der Gedanken: Wer positiv denkt, der lebt stabil! In den anderen Räumen geht es um karmische Verstrickungen, Optimierung von Lebensenergie und Stressbewältigung durch Gedankenhygiene, um Energieübertragung durch Handauflegen, Astrologie als Selbsterkenntnis, systemische Familienaufstellung und Geistheilung, tibetische Irisdiagnose, parapsychologische Persönlichkeitsanalyse ("Die Zukunft kennen heißt, sie zu meistern").

Wer damit werben kann, einen Auftritt in der Fernsehsendung Fliege gehabt zu haben, hat entweder besonders viele Zuhörer oder einen prominent platzierten Stand wie "Eso-Star" Hildegard Matheika aus Mönchengladbach-Wickrath, ihres Zeichens Spirituelle Meisterin aus Deutschland, "Expertin für mediale Beratungen, Lebensberatung und Jenseitskontakte", die Karten, Hände und Zukünfte liest, Partner zusammenführt, Kontakt zu Engeln aufnimmt und Hilfe bei magischen Angriffen leistet. Den Höhepunkt der Verstörung jedoch erlebt der esoterisch Unbeleckte, von Weihrauch- und Bratwurstdämpfen umfangen, an einem kleinen Stand, an dem vier Frauen das Karma des Besuchers auflösen wollen, indem sie die auf CD und DVD gespeicherte göttliche Energie, welche sie durchflutet habe, auf einen Zettel mit seinem Namen legen. "Denken Sie nur an sich, das verstärkt unheimlich die Energien. Spüren Sie was?"

Nein, das eigene Bewusstsein will sich partout nicht transformieren, augenscheinlich ist Energie nicht vorhanden, und zu den Klängen einer ausgelassenen Bongotrommel verlässt man den Löwenbräukeller mit dem Ratschlag, eine SMS ans höhere Selbst zu verfassen, wofür Kurse angeboten werden, zwei Tage für 150 Euro.

Lange Zeit galt der Begriff Esoterik als ein Synonym für außerwissenschaftlichen Schabernack. Heute ist das Esoterische Mainstream geworden, und mittlerweile gehört Meditation zum guten Ton, um die eigene Leistungskraft zu optimieren, oder Morgenyoga, um den Arbeitsalltag besser ertragen zu können. Innere Einkehr ist nicht unbedingt das Ziel, sondern der Weg zur Entlastung des Geistes von den Zumutungen des digitalisierten Globalismus. Mehr und mehr Manager, die klösterlich meditieren, bevor sie Mitarbeiter schassen; kaum ein Wellness-Angebot, das nicht esoterischayurvedisch orientiert ist; in fast jedem Bekanntenkreis Menschen, die Kraftschöpfungsseminare oder Schwangerschafts-Qi-Gong belegen, Bachsche Blütentherapien anwenden, Feng-Shui-Beratungen aufsuchen, Reinkarnationstherapien durchführen, schamanische Trommelkurse belegen, Tarotkarten legen und vom Dalai-Lama und seiner stilisierten Friedfertigkeit schwärmen. Ihnen allen geht es um Stärkung. Manchen um Ermächtigung. Allen um ihr Selbst.

DAS SELBST
Esoterischer Ausgangs- wie Zielpunkt ist die Energie und ihr im besten Falle ungehemmter, im Normalfall gehemmter Fluss, die Annahme eines kosmischen Gesamtbewusstseins. Seit ihrer Blütezeit Ende der achtziger Jahre lässt sich in der mittlerweile stark kommerzialisierten Jedermanns-Esoterik ein thematischer Wandel festhalten. Es dreht sich heute nicht mehr um Räucherstäbchen, Steinorakel, Hellseherei und Zukunftsdeutung; in der Ära allgemeiner Erschöpfung, depressiver Verstimmungen und psychosomatischer Friktionen hat sich das Esoterische um einen neuen Fixstern eingependelt. Es dreht sich um Heilung. Heilung meint stets die Selbstheilung. Das Selbst ist die alles entscheidende Größe. Alles, was geschieht, geschieht dem Selbst. Niemals ist der Einzelne Opfer äußerer Umstände, er schafft sich seine Umstände durch Resonanzen selbst. Zufall wird eliminiert, Schicksal geleugnet. Alles ist durch Notwendigkeit bestimmt, erhält subjektive Bedeutung. Alle Prediger der Bewusstseinsveränderung zielen aufs Selbst. Der Selbstbezug ist der atomare Kern allen esoterisch-spirituellen Denkens, auch wenn das leuchtende Erwachen mit herkömmlicher Esoterik nichts zu tun hat. Die Erwachten wollen das Selbst gerade überwinden, indem sie Zeit ausblenden und den Raum erweitern.

JETZT
Die Hände liegen brav auf den angewinkelten Oberschenkeln. Er spricht mit angenehmem Bariton. Manchmal schmatzt er ins Mikrofon, manchmal lacht er unerwartet, als könne er nicht fassen, warum die Welt so geworden ist, wie sie ist. Eckhart Tolle doziert nicht, er meditiert laut. Umschweifig, abschweifend, selten konkret; die Menschen des Entertainment- und Boulevard-Zeitalters mögen leicht verdaulich Erbauliches. "Die meisten von uns", sagt Eckhart, "sind ständig gefangen durch den Strom der Gedanken, jahrelang konditioniert von den Regeln aus ihrer Kindheit." Er spricht das Wort Programm aus, meint moralische, gesellschaftliche, familiäre Normierungen, Verbote, Gebote, die den Lebensfluss hemmen, dann hebt er die rechte Hand mit einer ausladenden Geste und sagt: "Verlasst eure Gedanken, befreit euch vom Ich-Gebäude!"

Nein! Eckhart Tolle lehrt, nein zu sagen. Er will den mentalen Lärm abstellen. Er will Form und Zeit eliminieren. Er will die Statik des Gedankengebäudes zum Einsturz bringen. Er will fließendes Bewusstsein. Er will das reine Jetzt, den Moment. Er will die Herrschaft des ES. Räsonnement will er nicht. Eine bessere Welt auch nicht. Zumindest sagt er es nicht. Er spricht von sich in der dritten Person, nennt sich "Eckhart" oder "der Sprecher". Ich sagt er nie. Wahres Erwachen bedeutet Auflösung der personalen Identität. Erwachen ist das Spüren der Stille im Raum. Ich hingegen ist der höchste Ausdruck eines permanent Erfüllung suchenden Elementarteilchens in einer hyperaktiven Leistungsgesellschaft. Für das Erwachen braucht man ein anderes Bewusstsein. Welches, das ist an dieser Stelle noch nicht ganz klar.

Eckhart Tolle ist die inszenierte Verkörperung des Antizeitgeists, der die Logik spätkapitalistischer Wunschbefriedigung mit vormoderner Mystik aushebelt. Nichts sein wollen. Nichts inszenieren müssen. Einfach sein. Er tritt auf als Wiederentdecker der Langsamkeit, als Apologet der Askese. Ist innerer Widerstand da: gut. Ist keiner da: auch gut. Es ändert am Bewusstsein nichts. Es ist, was es ist. Es ist, wie es ist. Und so ist es gut.

Was ein bisschen nach antimodernistischer Küchenphilosophie klingt, ist heftig en vogue; der Antizeitgeist blüht. Die spätmodern verfassten Subjekte setzen sich seit kurzer Zeit überaus intensiv mit persönlichem Wachstum und eigener Kreativität auseinander, und das hat nichts mit der Lebenshilfe nach Art von Frauenmagazinen zu tun, vielmehr mit dem tiefen Bedürfnis nach zeitlosen Weisheiten und der Schöpfung eigener Energiefelder.

Wo immer Eckhart Tolle in der Welt auftritt, sind Hallen und Säle ausverkauft. Er spricht vor Tausenden Amerikanern, Deutschen, Briten, Schweizern. Sein Buch Jetzt! Die Kraft der Gegenwart hat sich, in 32 Sprachen übersetzt, in den vergangenen fünf Jahren nach Angaben des Verlages weltweit dreimillionenmal verkauft. Tolle schreibt darin über das Unmanifeste, den inneren Körper, den Zustand von Gegenwärtigkeit, die Bedeutung von Hingabe und schildert sein Klick!, das eigene Erwachen, damals, 1977, im Alter von 29 Jahren. Er wurde in Dortmund geboren, verweigerte sich dem Leistungsdruck der Schule, verließ Deutschland mit 13, ging zu seinem Vater nach Spanien, siedelte nach England über, machte das Abitur nach, studierte in London und Cambridge Romanistik, lernte Stephen Hawking kennen, litt unter Depressionen, Angstgefühlen und Selbstmordabsichten. Dann löschte in einem fast magischen Moment eine tiefe spirituelle Transformation, Klick!, seine alte Identität praktisch aus. Er fühlte, wie er in eine Leere ohne Angst "hineingesaugt wurde", driftete ohne Wohnsitz umher, beriet Freunde und Freundesfreunde. Aus den Freunden wurden Anhänger, aus den Anhängern eine Gemeinde, und Eckhart begann, von der Gemeinde gedrängt, öffentlich zu reden, zog 1993 nach Kalifornien, dann nach Vancouver, wurde zum Lehrer von Hollywood-Größen und ist von Profession, so könnte man sagen, Handlungsreisender der spirituellen Erweckung.

Was im Gewand einer charmant gestotterten, manchmal süffisant, manchmal kabarettistisch hingescherzten Massenmystik daherkommt, ist nichts weniger denn radikale Zivilisationskritik, die Weltentzug predigt und die Suspension des Denkens zugunsten einer neuen Evolution fordert. Vor kurzem noch, Mitte bis Ende der neunziger Jahre, in der Blüte der New Economy, peitschten die Diktatoren des Optimismus zu unbedingtem Erfolg und Reichtum. Lebensbejahung war Erfolgsbejahung. Erfolgsbejahung Selbstwertsteigerung. Es zirkulierten die großen Parolen der Selbsterhebung, die in schierer Kraftprotzerei die unerhörte Kraft des positiven Denkens beschworen: "Du schaffst es!", "Gib niemals auf!" Wer an den Erfolg denke, werde ihn haben; wessen Wille stark genug sei, der werde vom Huhn zum Adler.

Der Proklamation des Willens zur Tat folgt jetzt die Einkehr über den Willen zur Tatenlosigkeit. Im Angesicht des globalisierten Nihilismus predigen die unspektakulären Antipoden der Motivationstrainer die Erfolglosigkeit. Erfolg sei dinglich, sagen die Meister der Stille, jedes Ding sei Gegenstand, und Gegenstände könnten, da die ökonomische Logik auf stete Steigerung und Vermehrung ausgerichtet sei, nicht glücklich machen. Erfolg sei Wahnsinn. Zivilisation sei Wahnsinn. Zivilisation sei Realitätsflucht, weil sie nur Antworten im Konsum suche. "Die Welt", legt Eckhart Tolle seinen 850 Abendschülern nahe, "ist zum größten Teil verrückt."

Er will sie verführen, tiefer in den inneren Körper zu gehen, hinter das Denken, hinter die Zwanghaftigkeiten, die Hetze, die Erwartungen an den nächsten und den übernächsten Moment, diese krank machende Zielgerichtetheit gekränkter Zielloser. "Was die Welt für Erfüllung hält, ist nur Illusion, ein Gedankengebäude." Eckhart Tolles Weltbild ist auf komplizierte Weise geradezu simpel: Er vertritt einen metaphysischen Eklektizismus aus Existenzialphilosophie und buddhistischer, taoistischer, hinduistischer und christlicher Esoterik, deren Essenz denselben Ursprung hat: die All-Energie, das ES. All das ohne Gottesbezug und Gottesbeweis, ohne Credo, ohne Offenbarung. Durch das Energiefeld seines Körpers ist das Subjekt mit der energetischen Quelle verbunden. Das ist die alte Weisheit mittelalterlicher Mystiker, aufgefahren als Kampfgeschütz gegen eine aus den Fugen geratene Weltgesellschaft mit Selbstzerstörungsdrang. Dieses spirituelle Patchwork ist Ausdruck eines Gegenwartsgeistes, mit dem sich die Erleuchteten gegen die Gegenwart selbst wenden. Wer will, mag darin zumindest eine Merkwürdigkeit entdecken. Unbestreitbar ist, dass Eckhart zur rechten Zeit am rechten Ort ist, um die Müden und Schlafenden zu wecken.

"Du bist", ruft Tolle jedem seiner Zuhörer zu, "nicht deine persönliche Geschichte ... du bist etwas viel Tieferes!" Du bist, will er sagen, Energie. "Ich bin", sagt er, "die Stille in der Welt, der formlose Raum des Bewusstseins. Ich bin das Jetzt." Sein, nicht denken, will das meinen. ES sein, Gott sein. 850 Männer und Frauen erheben sich und bringen ihrem Lehrer Ovationen. "Endlich", spricht eine Frau für alle, "haben wir dich einmal sehen können, nach all den Videos und CDs!" - "Danke", flüstert Eckhart, "danke." Er verbeugt sich mit an den Mund gehaltenen Händen und schleicht, leicht geduckt, von der Bühne.

DER ÜBERMENSCH
Es ist Samstag, der dritte von fünf Tagen Workshop, der das Leben der Teilnehmer für immer verändern könnte. Fünf Tage für 500 Euro. Vollpension im Seminarhaus Finkenwerderhof, mecklenburgische Idylle, zu erreichen über einen ungeteerten Pfad, irgendwo im naturschönen Nichts südlich von Schwerin. Gut 60 Menschen haben den Weg auf sich genommen, aus Schwaben und Westfalen, aus Kanada und London, Österreich, den USA, meist junge Frauen und Männer, die sich, leger gekleidet, auf Meditationskissen oder in gepolsterten Stühlen fläzen, voller Erwartung auf IHN.

Paul Lowe, einer der größten spirituellen Lehrer unserer Zeit, wie seine Verehrer und Schüler sagen, betritt den Raum mit der Aura grundgütiger Liebe. Lächelnd nimmt er Platz. Er schweigt. Man schweigt. Aller Augen sind geschlossen. Zehn Minuten geht das. Der Atem wird ruhig. "Die Welt ist perfekt", sagt Paul mit seiner leisen, soften, angenehm betörenden Stimme, "alles ist perfekt, so, wie es ist." Gesprochen wird englisch, Paul Lowe ist gebürtiger Brite, war 15 Jahre die rechte Hand des umstrittenen Meisters "Osho" Bhagwan Shree Rajneesh im indischen Poona, ist seit Jahren weltweit begehrter Lebenslehrer und hat, nebenbei, vor einiger Zeit den gerade erwachten Eckhart Tolle entdeckt.

"Don't run away. Don't react. Be here!" , sprechmeditiert er ins Mikrofon seines Headsets. "Alles ist so, wie DU es siehst. Lebe den Moment."

Der groß gewachsene Mann von 71 Jahren hat das schulterlange weiße Haar des Weisen aus dem Fantasiereich, einen weißen Bart und große, schützende Hände. Keine Ringe, keine Kette, ein Erwachter braucht keinen Schmuck, Paul Lowe geht es um die spirituelle Auffahrt, um den inneren Frieden, das, wie Lowe sagt, "maximale Potential".

Lowe gibt Brian (Name geändert) das Gefühl, etwas wert zu sein. Er gibt Sylvia (geändert) das Gefühl, jemand zu sein. "Du bist jemand", sagt er. "Du bist schön, jeder ist schön, der offen ist. Nichts wird dich aufhalten." Er fragt in die Runde: "Wer findet Sylvia schön?" Alle heben den Arm. Sylvia weint.

"Nichts, was DU machst, ist falsch", spricht Lowe in die Runde, sagt DU und meint alle. Und wie sie jetzt lächeln! Wie die anderen lächeln, weil sie lächeln! Wie Lowe ihnen zulächelt, weil sie jetzt strahlen! "Siehst Du: Du bist du. Du bist einzigartig!" Wie sie ihr Energiefeld weiten und die anderen es spüren lassen! Wie sie gemeinsam den energetischen Moment leben! "Alles ist möglich. Noch viel mehr ist möglich!" Die Unerwachten, die Lichtlosen und Unklaren, sagt Paul Lowe übertragen, lebten in der Taubheit eines entseelten Alltags. "Das Leben ist unendlich viel größer und reicher, als wir es uns vorstellen können. Wir sind hier, um das zu entdecken."

Wieder bittet er um Fragen und darum, Erfahrungen vor der Gruppe mitzuteilen. Sie wissen, dass Lowe Energie erspüren kann, Energiefelder lesen kann, zumindest glauben sie daran, weil sie daran glauben wollen. Arme schnellen hoch, und einer spricht davon, in seinem Alltag nicht anerkannt zu sein, obwohl er doch alles dafür tue. Eine Teilnehmerin gesteht ihr Scheitern im Umgang mit Kindern - sie sei Lehrerin, fügt sie hinzu. Eine Britin klagt über Eifersucht des ebenso anwesenden Freundes, und schnell wird klar, dass Paul Lowe auch in diesen Fällen auf die Steigerung des Selbst aus ist, auf die Kraft der Selbstliebe, die, wie er sagt, zur absoluten Freiheit führe. "Wofür brauchst du Anerkennung? Du brauchst sie nicht. Du brauchst niemanden. Die Vitalität ist in dir. Nutze die Energie!"

Zum Gespräch empfängt Lowe den Besucher im Lotussitz auf der Couch seines Zimmers. Der Händedruck ist weich, der Blick tief. Paul Lowe hält den Menschen von heute für krank. Wer hat Schuld, fragt man, was hat Schuld? Nun, sagt er, "nichts und niemand". Wie dann ist das Unheil des Menschen, der Niedergang des Planeten zu erklären?

"Wir sind automatisiert", sagt er, "vollkommen unfrei, belastet mit moralischen Konditionierungen, diesen aufgepfropften Programmen des Dasdarfst-du, Jenes-darfst-du-nicht."

"Sind wir denn nicht selbst verantwortlich, wie, ob und von wem wir uns prägen lassen?"

"Wir entkommen doch der Erziehung nicht. Das Erziehungssystem ist furchtbar, überall im westlichen Kulturkreis. Kinder sind Menschen und keine Nummern. Sie werden herangezogen zur Unbewusstheit."

"Deshalb die Notwendigkeit des Erwachens?"

"Jeder entfaltet und entwickelt sich in jedem Moment. Eltern, Lehrer, Politiker, die Kirche erlauben unseren Energien aber nicht zu fließen. Sie haben uns erzogen, abhängig zu sein von Formen und Dingen. Selbstheilung heißt, mit und für sich zu sein."

"Stehen wir vor dem Zeitalter der Erleuchtung?"

"Oh, es geschieht gerade etwas Großartiges, wir kreieren weltweit eine neue Energie. Im letzten Jahr hat sich ein Shift vollzogen, die Menschen werden klarer. Sie wollen erwachen. Nur wenn alle erwachen, können wir den Planeten retten."

"Glauben Sie an Gott?"

"Ich glaube an gar nichts. Wir sind ewig. Wir sterben nicht und werden nicht geboren. Es geht darum, ganz klar zu werden. Meine Hauptaufgabe ist, einflussreiche Leute zu beeinflussen. Der Sänger Sting ist mein Freund, er nimmt Stunden bei mir und trägt mit seiner Musik zur Bewusstseins-Evolution bei."

"Kann man überhaupt glücklich werden?"

"Oh ja."

"Wie?"

"Löse dich als Erstes von deiner Vergangenheit, du kannst sie ohnehin nicht mehr verändern. Hör auf, dich zu beklagen! Sei dankbar für das, was ist. Freu dich über das, was ist. Sei großzügig, feiere. Tu alles, was dich reizt und lockt. Genieße!"

Die verhetzten Subjekte einer vermeintlich kranken Welt sehnen sich nach der Geborgenheit einer Gemeinde, nach einem Kokon der Wärme. Sie, die im permanenten Kampf um soziale Anerkennung wieder und wieder Niederlagen eingesteckt haben, sehnen sich nach einem, der sagt, das Glück sei immer schon da und für jeden greifbar. Der sagt, Friede sei möglich. Der sagt, macht Liebe hier und jetzt. Der sagt, dass der Erwachende sein wahres Sein nur durch innere Stille erkennt. Der den ewigen Raum verkörpert. Jemand wie Paul Lowe steht für all das.

Die Lehren der Erleuchteten sind eine Passform säkularer Religiosität, gekleidet in religiöse Sprache ohne religiösen Inhalt. Schuldzuschreibungen lehnen sie ab, soziale Kompetenz erwächst für sie aus dem Glück der Erleuchtung. Sühne gibt es nicht. Nicht gut, nicht böse, nicht schlecht, nicht falsch. Moral scheint obsolet, denn Moral ist Konditionierung, ein Energieblockierungsprogramm, oktroyiert von Kirchen oder Gesetzgebern. Wer aber wie Paul Lowe und Eckhart Tolle behauptet, alles sei gut, wie es ist, der lehnt damit die Notwendigkeit ab, die Gesellschaft, das Leben, die Welt verbessern zu wollen. Ist das Erwachen also ein bequemes Fliehen ins ethische Nirwana?

Vorwerfen kann man den Erleuchteten außer Platitüdennähe kaum etwas. Sie geben keine Heilsversprechen. Sie dogmatisieren nicht. Sie indoktrinieren nicht. Sie verkaufen sich nicht. Sie sind gleichgültig gegenüber materiellem Wohlstand. Sie missionieren nicht. Sie grenzen sich ab von New-Age-Fantasien und Subversion. Sie sind vermutlich keine Scharlatane, wie es zum Teil die kinesiologisch gefärbten Motivationstrainer sind. Jene, die sich die Erwachten nennen, sind auch keine Propheten einer expressionistischen Esoterik, die Kulte um ihre Gurus betreiben, streng hierarchische Organisationen aufbauen, scheinlegitimiert durch undefinierbare höhere Wesenheiten und ein intuitiv gewonnenes Wissen, das kognitiv nicht fassbar ist. Sie gründen keine Kirchen und lehnen institutionalisierte Religionen ab. Sie berufen sich auf Jesus, Buddha und Laotse und sehen in ihnen die ersten Erwachten der Weltgeschichte. Sie versprechen nichts und bieten quasiphilosophische Lehrstunden in eingängiger Bewussteins- und Existenzialphilosophie an, und wenn man sie unbedingt in die esoterische Welt einordnen möchte, so als neue Betreiber einer Selbsterforschungsesoterik, die bisweilen wörtlich die Lehren des indischen Erleuchteten und Heiligen Bhagavan Sri Ramana Maharshi (1879 bis 1950) vom Berg Arunachala vertritt: die nondualistische Philosophie des Advaita Vedanta.

In dieser Strömung der hinduistischen Mystik geht es, verkürzt gesagt, um das Verlassen des menschlichen Dualismus aus Leib und Seele, der Zweiheit. Alles ist Eins: Verstand, Seele, Leib und Kosmos. Unterschiede gibt es nicht. Es gibt allein, so lehrten es die Upanischaden um 800 nach Christus in Indien, EIN kosmisches Urprinzip, das als Gesamtheit Brahman, als einzelnes Selbst Atman heißt. Das höchste, das wahre Wissen ist das der Einheit von Brahman und Atman. Die Einheit aller Gegensätze also, wie es schon im Tao-Te-King von Laotse nachzulesen ist: Heimkehren zum Wurzelgrund heißt: Stille finden. Und dieses nennt man: sich zum Schicksal kehren. Sich zum Schicksal kehren heißt: ewig sein. Das Ewige kennen heißt: erleuchtet sein.

Maharshis Jenseits-Denken ist im westlichen Kulturkreis so attraktiv geworden wie seit längerem schon die fernöstliche Heilmedizin und vor allem der Buddhismus, ein Buddhismus light: für jedermann anwendbar, scheinbar friedfertig, ohne dass sich der Anhänger auf den steinigen Weg von Liturgie und Ritual begeben muss. Das Advaita Vedanta ist eine Quasireligion, die dem religiös und moralisch zerfaserten Pluralismus die Geborgenheit einer Einheit entgegensetzt. Sie ist Ausdruck einer neuen Suche nach Sinn in einem Zeitalter der Leichtgläubigkeit, einer Suche nach magischen Ritualen und dem Urwissen der Menschheit wider den Schein und die Show der nach außen orientierten Selbstinszenierung.

Paradox und doch folgerichtig ist die Tatsache, dass ihre Lehre von der Aufgabe des individuellen Ichs just auf dem Höhepunkt des Individualismus verfängt, der rationalistische Effizienz zum Imperativ eines scheinbar einzig gültigen Lebensentwurfs erhoben hat. Die neue Flucht ins Erwachen scheint den Verlorenen und Gescheiterten ein Rückweg aus einer erbarmungslosen Leistungsgesellschaft unter ein neues metaphysisches Obdach zu sein.

SATSANG
Satsang ist praktizierte Gestalttherapie, ohne es zu sein. Man verschmilzt mit dem Hier und Jetzt. Es zählt allein der Moment. Fast jede Woche findet in jeder größeren Stadt ein Satsang statt. Nie, sagen die spirituellen Lehrer, sei es so leicht, nie so notwendig gewesen zu erwachen, wie heute. Es ist ein Satsang-Tourismus in Gang gekommen, der den Nachwuchs-Erwachten Thomas Hübl auf seiner Europa-Tournee an einem verregneten Freitagabend ins Münchner Tai-Chi-Chuan-Institut für Integrales Qi Gong führt, wo ein "offener Abend" angekündigt ist. Sharing the presence, Eintritt zehn Euro. 50 gut gekleidete Frauen und Männer sind da, pari pari, keineswegs nur antroposophisch Angehauchte oder gar spirituelle Spinner.

Das Arrangement ist bekannt: der weiß bezogene Lehrersessel, der schlichte Beistelltisch, Orchideen in langhalsigen Vasen, brennende Kerzen, Meditationsmusik. Lange Umarmungen, tiefe Blicke. Erweckungsromantik.

Die Salzburgerin Rose ist verantwortlich für Tonband- und Videoaufzeichnungen des Lehrers; die CD des Abends gibt es, frisch gebrannt, am Ende für acht Euro. Die 30-jährige Rose hat sich Thomas verschrieben. Sie sei nicht abhängig von ihm, aber sie spüre, gesteht sie, wie sich die Energie verschlechtere, wenn sie eine Woche ohne ihn sei. Es gäbe, so meint Rose mit erheblichem Charme, jeden Tag mehr und mehr Thomas-Anhänger, sie brauchten gar keine Werbung zu machen, 170 Leute in Berlin, 100 in Freiburg, hunderte auf dem Celebrate Life Festival in der Nähe von Berlin, wo gemeinsam ein "Feld" kreiert werden soll, in dem Heilung geschehen kann; sodann in Kürze: Satsangs in Italien, Tschechien, Österreich.

Thomas Hübl tritt herein. Khakifarbene Hose, orangefarbenes Langarmshirt, schulterlanges, volles schwarzes Haar. Ein wie Paul Lowe groß gewachsener, wie Eckhart Tolle zurückhaltender Mann, der, so sagt man, die Matrix der Menschen lesen könne. Hübl hat Medizin studiert und war Körperpsychotherapeut, danach, mit 26, wurde er Einsiedler in Tschechien, meditierte und schwieg. Er ist geschieden, hat keinen festen Wohnsitz und besitzt nichts außer ein paar Kleidern, die in seinen Koffer passen. Seit zwei Jahren tourt er durch die verweltlichte und verwestlichte Welt und beschwört den Gleichklang der Schwingungen des Seins im Licht und der Leere der transzendierten Schöpfung.

Nachdem sich jeder Anwesende vergewissert hat, dass er auch anwesend ist, animiert Thomas Hübl in gut verträglichem Wienerisch, ES einfach laufen zu lassen. Ob es fließt, ist nicht zu sagen, vielleicht ist das Gemüt zu sehr belastet mit zersetzendem Kummer. Wie Paul Lowe und Eckhart Tolle geht es Hübl um die Suspension von Glaubenssätzen, um das Leid zu beenden. Satsang, aus dem Sanskrit stammend, heißt: "Zusammensein mit einem Erleuchteten in Wahrheit" und ist die am häufigsten praktizierte Form der neuen Volksbewegung des Erwachens.

Der Abend beginnt wie üblich mit einer Meditation und der Beschwörung, sich ins Dahinter expandieren zu lassen. Man kann, das wird dem denkenden Beobachter aufs neue klar, das Dahinter nur fühlen und erleben. Man muss sich dem Dahinter hingeben. Man muss den gemeinsamen Raum erfahren, "den lächelnden Hintergrund des Universums", wie Thomas Hübl sagt, egal, welche Geschichte des Scheiterns jeder Glücksuchende mitbringt. Wesen, nicht Verstand. Herz, nicht Gedanke. Und dann folgt das, worauf die, die berührt werden, die spüren und sich hingeben wollen, warten: Thomas bittet um Beiträge.

"Ich wünsche mir den Tod meiner dementen Schwiegermutter", sagt eine Frau, "ich kann den Druck nicht mehr aushalten, ich verachte mich dafür und möchte selbst nicht mehr leben."

Stille.

"Wie fühlst du dich gerade?", fragt Hübl.

Die Frau erleidet einen Heulkrampf. Die anderen schweigen. Die Stuhlnachbarin nimmt die Frau in den Arm.

"Sollen und Müssen macht dich unfrei", sagt Hübl nach einer Weile, "dann fließt die Energie nicht mehr."

Die weinende Frau nickt heftig.

"Macht das Sinn? Resoniert das in dir?"

Die anderen nicken. "Du" heißt "ihr", "ihr" heißt "wir". Wenn er zu einem spricht, spricht er zu allen. Thomas Hübl rät nichts, er sagt nicht, was jemand tun soll. Er ist kein Therapeut und kein Lebensberater. Dafür ist er zu jung. Er ist 32, und nach Lage der Dinge ist es so, dass nicht er es ist, der spricht. ES spricht durch ihn. Es ist dieses ES, das diffus ist und unbestimmt. Man kann es weder erfassen noch definieren. Jede Begrifflichkeit scheitert daran. Man muss das ES erfahren. Das ist leichter gesagt als getan.

Bevor ES durch ihn etwas sagt, schließt Hübl die Augen und fühlt sich, so scheint es, ins Energiefeld der Gruppe ein. Es ist nicht zu erkennen, was in ihm passiert, ob überhaupt etwas passiert, allenfalls wäre es zu spüren, aber das setzt ja Erwachtsein voraus.

"Niemand kann für jemand anderen Verantwortung übernehmen", sagt er zu der Frau, die sich schnäuzt.

"Ich weiß ja", sagt die Frau.

"Mein Gefühl für dich ist, dass da ganz viel Herzensenergie ist", sagt Hübl.

Die Frau lächelt. Eine Pause. Dann der nächste Frager. Er möchte etwas kreativ Großes schaffen, was ihm, die Verzweiflung ist groß, partout nicht gelingen will; der Übernächste hat Angst vor sozialer Ablehnung; eine Enddreißigerin belügt und betrügt ihren Mann seit Jahren, kann sich aber nicht scheiden lassen. Hübl verweigert den Ratlosen Rat, den Beichtenden Absolution. Was er sagt, ist allgemein menschlich vage. Aber er sagt ihnen etwas. Er spricht mit ihnen. Er spricht eine fremde Sprache. Diese Sprache spricht sie an. Das ist Kommunikation. Communio. Gemeinschaft. Es lindert das Verlorenheitsgefühl. Da versteht einer, da hört ihnen einer zu, da ihnen sonst niemand zuhört. Und er blickt sie an, da sie in der Anonymität des Alltags nicht beachtet werden.

Um kurz nach elf endet das Abenteuer dieses Satsangs. Ob es bei irgendjemandem Klick! gemacht hat, ist reine Mutmaßung. Die Besucher sehen gelöst aus, gelassen, manche haben gelacht und geweint, im Vorraum ziehen sie sich die Schuhe an, verlassen das Tai-Chi-Chuan-Institut, für drei Stunden ausgeführt ins ES, wo alles EINS war, wo es keine Unterschiede gab zwischen ihnen und den anderen und dem Erwachten, drei Stunden, in denen sie nicht mehr nur mit Überleben beschäftigt waren und ihr elendes, marterndes Ich aushalten mussten. Und im Gefühl einer inneren Reinheit gehen sie hinaus in die lärmende, schlafende Welt der bewusstlosen Großstadt, um den nächsten Tag in Angriff zu nehmen.