esoterik Schrei nach StilleSeite 10/10
Bevor ES durch ihn etwas sagt, schließt Hübl die Augen und fühlt sich, so scheint es, ins Energiefeld der Gruppe ein. Es ist nicht zu erkennen, was in ihm passiert, ob überhaupt etwas passiert, allenfalls wäre es zu spüren, aber das setzt ja Erwachtsein voraus.
"Niemand kann für jemand anderen Verantwortung übernehmen", sagt er zu der Frau, die sich schnäuzt.
"Ich weiß ja", sagt die Frau.
"Mein Gefühl für dich ist, dass da ganz viel Herzensenergie ist", sagt Hübl.
Die Frau lächelt. Eine Pause. Dann der nächste Frager. Er möchte etwas kreativ Großes schaffen, was ihm, die Verzweiflung ist groß, partout nicht gelingen will; der Übernächste hat Angst vor sozialer Ablehnung; eine Enddreißigerin belügt und betrügt ihren Mann seit Jahren, kann sich aber nicht scheiden lassen. Hübl verweigert den Ratlosen Rat, den Beichtenden Absolution. Was er sagt, ist allgemein menschlich vage. Aber er sagt ihnen etwas. Er spricht mit ihnen. Er spricht eine fremde Sprache. Diese Sprache spricht sie an. Das ist Kommunikation. Communio. Gemeinschaft. Es lindert das Verlorenheitsgefühl. Da versteht einer, da hört ihnen einer zu, da ihnen sonst niemand zuhört. Und er blickt sie an, da sie in der Anonymität des Alltags nicht beachtet werden.
Um kurz nach elf endet das Abenteuer dieses Satsangs. Ob es bei irgendjemandem Klick! gemacht hat, ist reine Mutmaßung. Die Besucher sehen gelöst aus, gelassen, manche haben gelacht und geweint, im Vorraum ziehen sie sich die Schuhe an, verlassen das Tai-Chi-Chuan-Institut, für drei Stunden ausgeführt ins ES, wo alles EINS war, wo es keine Unterschiede gab zwischen ihnen und den anderen und dem Erwachten, drei Stunden, in denen sie nicht mehr nur mit Überleben beschäftigt waren und ihr elendes, marterndes Ich aushalten mussten. Und im Gefühl einer inneren Reinheit gehen sie hinaus in die lärmende, schlafende Welt der bewusstlosen Großstadt, um den nächsten Tag in Angriff zu nehmen.
- Datum 24.06.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.06.2004 Nr.27
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