Da sage noch einer, in Deutschland ändere sich nichts! In Wirklichkeit muss man nur genau genug hinschauen - vor allem: Lange genug!

Beispiel Nummer eins - aus der Historie: Obwohl man in meinem Alter langsam vergesslich wird, erinnere ich mich noch des Beginnes des heftigen Streites darüber, ob Einzelhandelsgeschäfte ihre Ladenöffnungszeiten vielleicht irgendwann einmal punktuell variabel gestalten dürften und dabei - horribile dictu ! - sogar auf die Bedürfnisse und Interessen ihrer Kunden eingehen dürften. Erinnern Sie sich noch? (Bezeichnenderweise für die deutsche Mentalität heißt unser einschlägiges Gesetz ja auch - die Freiheit beschränkend - "Ladenschlussgesetz"  und nicht etwa - Freiheitsspielräume eröffnend - "Ladenöffnungsgesetz". Das hat zwei Gründe.

Zum einen muss in Deutschland immer irgendwann Schluss sein mit irgendetwas - was es zu überwachen gilt. Und zum anderen kann der Staat ja den Laden stets nur zu-, niemals aber einen Laden aufmachen.) Also: Lange Jahre wurde diskutiert, dann wurde der lange Donnerstag eingeführt, optional bis 20:00 Uhr, aber keine Stunde länger und keinen Tag mehr. Und heute: Würde jemand es wagen, die Uhr zurückzudrehen auf den langen Donnerstagabend oder gar auf den Ladenschluss zur Mitte der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts - es gäbe wahrscheinlich einen Volksaufstand. Fragt man aber im Bekannten- und Kollegenkreis herum: Sag' mal, wo standest Du damals in dieser leidenschaftlichen Debatte?, dann will niemand jemals das alte Ladenschutzgesetz verteidigt haben. Und heute muss man ziemlich energisch darauf achten, dass Wirtschaftsminister Clement die Geschäfte nicht auch noch am Sonntag rund um die Uhr offen halten will. Wahrscheinlich war er früher selber kategorisch gegen jede Änderung der Ladenschluss- pardon: Öffnungszeiten gewesen.

Beispiel Nummer zwei - aus der Gegenwart: Wie lange ist es her, dass die IG Metall um jeden Preis die 35-Stunden-Woche einführen wollte - und zwar auch im neu für die Einheit gewonnenen Ostdeutschland? Und zwar, obwohl dort ungefähr ein Viertel der Leute froh wären, wenn sie auch nur eine Stunde bezahlt arbeiten dürften. Und jetzt muss die IG Metall zugeben (und zugestehen), dass Siemens an einigen Arbeitsplätzen 40 Stunden in der Woche arbeiten lässt. (Während die IG Metall die 35 Stunden mit vollem Lohnausgleich durchsetzen wollte, wird die 40 Stunden-Woche natürlich ohne jeden Ausgleich probiert.) Wollen wir wetten, dass es sich dabei verhält wie mit dem "langen Donnerstag"? Was wie ein unerhörter Tabu-Bruch daherkommt, wird in einigen Jahren (fast) die Regel sein - und keiner will sich an seinen Beitrag zu dem langen, zähen, fundamentalistischen Streit erinnern lassen.

Auch nicht die IG Metall. Sie erklärt nun: Wenn es bei diesen (angeblichen) Ausnahmen nur um Kostensenkungen gehe, komme das überhaupt nicht in Frage. Ja, worum soll es denn sonst gehen im Wettbewerb mit anderen Volkswirtschaften und mit Rahmenbedingungen in anderen Ländern? Aber wie viel Einsicht will man von den, von diesen Leuten noch verlangen? Erst hat man die Lohnkosten in Verhandlungen nach oben getrieben - mit der Wirkung, dass immer mehr Arbeitsplätze entfielen und die Produktivität durch Maschineneinsatz noch schneller gesteigert wurde; dann hat man diese gesteigerte Produktivität zum Maßstab neuer Lohnerhöhungen gemacht - und noch mehr Leute noch schneller aus den Arbeitsplätzen vertrieben und sie dann (Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam) als Massenheer bei der Bundesanstalt für Arbeit abgeliefert. Und nun sollen die unmittelbaren Antreiber dieses Prozesses auch noch zugeben, dass dies alles falsch gewesen war?

Wie auch immer: Das Land ändert sich - freilich kaum aus vernünftiger, rechtzeitiger Einsicht, sondern uneingestandenermaßen und unter längstmöglicher Wahrung der eigenen Lebenslügen. Bis sie keiner mehr wahrhaben will. Man muss eben nur lange genug warten. Und sich erinnern, wenn man nicht alles schon längst vergessen hat.