Die Liebe muss damals groß gewesen sein, sonst wäre der Hass jetzt nicht so tief. Als „Reagan-Demokraten“ - „Wirtschaftsdemokraten“ oder „Crypto-Republikaner“, beschimpft Ralph Nader, der unabhängige Kandidat im Rennen um das Weiße Haus, die Partei des Präsidenten-Herausforderers John Kerry. Fast in keiner öffentlichen Äußerung Naders fehlt eine solche Tirade. 1972 waren noch andere Töne zu hören, folgt man einer 2002 erschienenen Biographie: Nader, der legendäre Vorkämpfer der Verbraucher und des Umweltschutzes in den USA, hat damals den Vorschlag der New Party abgelehnt, für das Amt des Präsidenten zu kandidieren. Begründung: Er wolle nicht Stimmen vom demokratischen Kandidaten abziehen und die Abwahl Richard Nixons gefährden. Die Werbeversuche rissen nicht ab. Im selben Jahr rief auch der demokratische Präsidentschaftskandidat George McGovern bei dem populären Verbraucheranwalt an und fragte, ob er nicht als Vizepräsident kandidieren wolle. Nader lehnte ein weiteres Mal ab. Begründung: Er wolle seine Distanz zur etablierten Politik wahren.

30 Jahre später steht der intellektuelle Aktivist, Autor und Begründer unzähliger Verbraucherschutzorganisationen bereit für das höchste Amt im Staate. Es ist das dritte Mal, dass der mittlerweile Siebzigjährige kandidiert. Im Wahljahr 2004, das die Amerikaner schon jetzt außergewöhnlich polarisiert und aufwühlt, erscheint seine Kandidatur als eine eigentümliche Mixtur aus Missionsgeist, enttäuschter Eitelkeit und Starrheit. Einer Starrheit, die sich auch aus den Beschränkungen des amerikanischen Zwei-Parteien-Systems speist.

Für Nader ist die Kandidatur Pflicht: „Meine Themen – eine allgemeine Krankenversicherung, eine Steuerreform, ein Lohn, der das Existenzminimum garantiert, soziale Verantwortung der Wirtschaft – entwickeln sich nicht weiter, da die großen Parteien im Würgegriff der Wirtschaft sind. Insofern kann man nicht die Wahlen ignorieren, man muss da rein“, antwortet Nader auf die echoartig begleitende Frage, wieso er kandidiere, wo das Rennen zwischen Bush und Kerry doch so knapp sei. Als hätte er eine höhere Weihe von ihm erhalten, zitiert er immer wieder Thomas Jefferson und betont, wie weit das Amerika von heute entfernt sei von dem, was sich der Gründervater der amerikanischen Demokratie vorgestellt hat. „Ich bin fest entschlossen, die Situation in meinem Land zu verändern. Es ist meine Form von Patriotismus,“ äußerte sich der mit einer guten Witterung für Stimmungen ausgestattete Nader.

Naders Abrechnung

Nader hat 1996 1 % der Stimmen geholt, 2000 knapp 3 %. Seine Chancen, ins Amt gewählt zu werden, sind gleich null. In diesem Jahr kann man als dritter Kandidat eigentlich nur Minusprozente sammeln – so stark wirkt der Schock der 2000er Wahl bei den „Progressiven“ nach, deren Stimmen sich auf die zwei Kandidaten Nader und Gore verteilten und dadurch Bushs Sieg mit ermöglichten. Insofern riskiert Nader mit seiner Kandidatur einen politischen Amoklauf, der ihm – abgesehen von der Auswirkung auf die Wahl – weitere Kritik an seiner Person einbringt und dadurch auch Schatten auf seine Verdienste als Verbraucherschutzanwalt werfen könnte.

Nader zeigt sich unbeirrt. Ein Ausstieg ist für ihn ausgeschlossen. „Das wird nicht passieren. Dies hier reicht weit über den November hinaus. Dies ist eine Bewegung, die stärker wird, in alle Richtungen, Jahr für Jahr.“ In der Tat gibt es in den USA Probleme, die seit vielen Jahren bestehen, unabhängig davon, wer regiert. Allein die sozialen Verwerfungen des Landes sind enorm: 43 Millionen Amerikaner haben keinerlei Krankenversicherung, 34 Millionen leben in Armut, der Anteil der Schwarzen unter den Arbeitslosen, schlechter Ausgebildeten und Armen ist nach wie vor überdurchschnittlich hoch. Anlass für Kritik gibt es genügend. Nader sieht die Gegenwart so düster, da hebt sich die Vergangenheit geradezu hell dagegen ab. Richard Nixon, von ihm selbst einst abgelehnt, ist für ihn heute verglichen mit den Nachfolgern progressiv.

Nader verklärt aber auch die Zeit, weil er damals großen politischen Einfluss hatte. In den Sechzigern und Siebzigern, vor allem während seiner Auseinandersetzungen mit General Motors, ging Nader im Kongress ein und aus. Jimmy Carter holte in personellen Fragen seinen Rat ein, nach einer abfälligen Bemerkung Naders in einer Fernsehshow war ihre Beziehung jedoch beendet. Und auch die neue demokratische Regierung unter Bill Clinton hat dem als arrogant geltenden Star der Linken später die kalte Schulter gezeigt. Insbesondere Vizepräsident Al Gore ignorierte Naders Rat in Umwelt- und Verbraucherschutzfragen, was Nader sehr verärgert hat, so ein ehemaliger Weggefährte Naders.