DIE ZEIT : Herr Bundespräsident, in der kommenden Woche werden Sie sich aus dem höchsten Staatsamt verabschieden. Welche Veränderungen der Republik in Ihrer Amtszeit erscheinen Ihnen wesentlich?

JOHANNES RAU : Ich bin natürlich vor allem gespannt auf die Antrittsrede des Amtsnachfolgers, und ich weiß, dass meine Rolle eine dahinter zurückstehende und -liegende sein und bleiben muss. Ich werde einige Abschiedsworte sagen, vielleicht auch ein paar inhaltliche Fragen ansprechen.

Wenn ich die fünf Jahre sehe, dann glaube ich, dass es zwei wesentliche Veränderungen gibt, die gegenwärtig wahrzunehmen sind. Das eine ist eine stärkere Kurzatmigkeit der Politik, vor allem in der Innenpolitik. Das andere ist ein Rückgang an Zuversicht in der Gesellschaft der Bundesrepublik.

ZEIT : Sie haben in letzter Zeit mehrfach auch an die Adresse von Journalisten vor Schwarzmalerei gewarnt. Da kann niemand guten Gewissens widersprechen. Aber gilt nicht auch, dass die tatsächliche Lage in Deutschland sich verschlechtert hat, wenn man an die öffentlichen Finanzen denkt, an die zunehmende Verschuldung, an die demographischen Probleme, die Mitursache sind für eine Überforderung von Sozialsystemen, wenn man an die Sorgen vieler junger Menschen vor der Zukunft denkt? Ist also nicht nur die Darstellung schwarz, sondern hat sich auch die Lage selbst verschlechtert?

RAU : Manches hat sich verschlechtert, anderes ist gleich geblieben, und anderes hat sich verbessert. Wir sind auch bei einer schlechten Konjunktur weltweit immer noch die Exportnation Nummer eins, wir haben eine besser gewordenen Patentbilanz, wir haben in der Wissenschaft mehr Rückkehrer in die heimische Wissenschaftslandschaft, an Institute und Universitäten. Das alles ist besser geworden.

Manches ist geblieben, zum Beispiel der so genannte Generationenkonflikt. Die demographische Verwerfung war vor fünf Jahren so, wie sie heute ist. Sie ist nur bewusster geworden. Ich selber habe über das Thema vor dreißig Jahren schon gesprochen, weil es schon damals absehbar war - und ich bin, das fand ich ganz interessant, von einem Theologen zum ersten Mal auf das Thema angesprochen worden; ich werde das nicht vergessen.

Anderes ist schlechter geworden. Auch das gibt es. Dass wir ein drittes Jahr ohne wirtschaftlichen Aufschwung haben, wie andere Länder auch, aber an einigen Stellen noch schlechter als in vergleichbaren Ländern, das ist bedrückend.

Nicht bedrückend ist die Marktöffnung, die durch die Erweiterung der Europäischen Union geschehen ist. Die Frage ist, wie Menschen die Wirklichkeit beschreiben und was sie daraus machen. Und da meine ich, wir können aus der Zukunft mehr machen, wenn wir sie nicht als ein Verhängnis auf uns zukommen sehen, sondern wenn wir sie als eine Gestaltungschance begreifen.

ZEIT : Kurzatmigkeit - man kann das auf der Oberfläche so betrachten: Die Politiker reden im Grunde über irrelevante Sachen mit äußerster polemischer Schärfe. Man kann aber auch sagen: Wenn die Politiker nicht kurzatmig reden und denken, sondern wirklich die Probleme an den Wurzeln angehen würden, dann wäre noch viel mehr Heulen und Zähneklappern zu hören und dann würde sich noch viel mehr ändern müssen. Es könnte also sein, dass die Kurzatmigkeit eine Ablenkung von den tiefer liegenden Problemen ist und die Angst nicht nur bei der Bevölkerung, sondern auch bei den Politikern liegt.

Nehmen wir das Beispiel Demographie: In der Tat wussten wir vor achtzehn Jahren, wie viel Achtzehnjährige wir dieses Jahr maximal haben würden. Es ist aber nichts geschehen, nichts Ernsthaftes wenigstens, außer einigem Knapsen am Rentensystem. Das eigentlich Beunruhigende ist, dass die Politik den Aufgaben dauernd ausweicht.

RAU : Ich halte das nicht für ein gerechtes Urteil. Sie mögen Recht haben, es ist nicht genug geschehen. Aber es ist etliches geschehen und etliches mit Erfolg. Ich kenne Länder, in denen gibt es einen Ausbildungspakt seit Jahren. Und ich kenne Länder unterschiedlicher politischer Einfärbung in Deutschland, die bei der Zahl der Ausbildungsplätze von Jahr zu Jahr kräftige Zuwächse haben. Das ist also was geschehen.

Was ich mit Kurzatmigkeit meine, sage ich an einem Beispiel: Da taucht irgendein Sozialhilfeempfänger in Florida auf. Wir machen daraus in bestimmten Medien eine wochenlange Kampagne. Und dann wird ein Gesetz im Eiltempo geändert, es wird so getan, als sei das eines unserer Hauptprobleme. Und nach einem Jahr stellen wir fest: Dieses Gesetz betrifft unter 82 Millionen Menschen etwa siebenhundert. Das ist ein Beispiel. Ich könnte Ihnen andere Beispiele für diese Kurzatmigkeit nennen.

Es fehlt uns an Konzentration, und es fehlt uns auch an großen gesellschaftlichen Debatten. Ich habe die immer durch "Berliner Reden" anzuregen versucht. Meine Sorge ist, dass wir zu sehr in eine Talkshow-Gesellschaft kommen, in der alles zum "Event" gemacht wird, in der nicht mehr das Ereignis und das Nicht-Ereignis voneinander unterschieden werden. Und meine Sorge ist, dass wir uns zu Tode plaudern. Ich hoffe, dass das keine Alterserscheinung bei mir ist. Aber ich kann mich an die Zeit erinnern, als es eine Sendung gab "Journalisten fragen, Politiker antworten". Da ging man - Gustav Heinemann hätte gesagt: füglich - nicht aus dem Haus, man hörte sich das an. Heute bekommen Sie in einer Woche 43 Stunden Talkshow von Politikern. Das ist eine Geldentwertung an Worten. Die ist bedrückend.