Unter denen, die am 20. Juli 1954 in West-Berlin an der Gedenkfeier zum zehnten Jahrestag des missglückten Attentats auf Hitler teilgenommen hatten, befand sich auch der damals nur wenigen seiner Mitbürger namentlich bekannte Dr. Otto John, seit 1950 Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln am Rhein. John war zweifellos in besonderer Weise legitimiert, an diesem Tage dabei zu sein und der Widerständler zu gedenken. Etlichen von ihnen war John persönlich verbunden gewesen. Sein jüngerer Bruder Hans fiel noch Ende April 1945 einem vom Reichssicherheitshauptamt ausgesandten Erschießungskommando der SS auf einem Trümmergelände unweit des Gefängnisses Lehrter Straße zum Opfer. Verbunden mit Johns Namen aber bleibt weniger die Erinnerung an seine Beteiligung am 20.Juli als eine Affäre, die vor 50 Jahren die Bundesrepublik in ihre erste tiefe Krise stürzte.

Wer war Otto John? Geboren am 19. März 1909 als Sohn eines Vermessungsbeamten in Marburg, studierte er in Frankfurt am Main und Berlin Jura, promovierte 1934 und trat zwei Jahre später in den Dienst der Deutschen Lufthansa. Mitglied der NSDAP zu werden kam ihm nicht in den Sinn. Seit November 1937 arbeitete er in der Rechtsabteilung der Lufthansa unter dem Chefsyndikus Klaus Bonhoeffer, dem Bruder des Theologen Dietrich Bonhoeffer. Klaus Bonhoeffer war es, der Otto John noch vor Kriegsbeginn von der Notwendigkeit überzeugte, Hitler zu stürzen. Seitdem zählte der damals knapp 30-jährige John zum inneren Kreis der Verschwörer. Als er im März 1942, ausgestattet mit einem Sonderauftrag des Allgemeinen Heeresamtes, die Leitung des Lufthansa-Büros in Madrid übernahm, fungierte er als Verbindungsmann des Widerstands zu amerikanischen und britischen Diplomaten in der spanischen Hauptstadt. Dienstreisen führten ihn immer wieder nach Berlin.

Schon wird der Selbstmord des Abwehrchefs gemeldet

In der Reichshauptstadt war er auch am 20.Juli1944, und zwar unmittelbar am Ort, im Zentrum des dramatischen Geschehens. Am Nachmittag dieses sommerlichen Tages hatte ihn in der Hauptverwaltung der Lufthansa am Tempelhofer Feld der mit Ungeduld erwartete Anruf Werner von Haeftens erreicht, der mit Stauffenberg aus der Wolfsschanze zurückgekehrt war: "Kommen Sie her, wir machen vollziehende Gewalt." Im Oberkommando des Heeres in der Bendlerstraße 35, dem ehemaligen Kriegsministerium, traf John im Glauben, dass Hitler den Anschlag nicht überlebt habe, auf die zu dieser Stunde schon todgeweihten Verschwörer. Er wurde Zeuge einer hektischen Aktivität, ohne selbst eingreifen zu können, und bekam bald zu spüren, dass die Dinge nicht zum Besten standen. "Was ich sah und hörte", schreibt er in seinen 1984 erschienenen Erinnerungen Falsch und zu spät, "war ein Schwall von Telefongesprächen, ein hastiges Kommen und Gehen von Offizieren." Als niemand mehr zweifeln konnte, dass Hitler noch lebte und der Putsch gescheitert war, gelang es John, das Gebäude zu verlassen, ehe es von einer SS-Abteilung abgeriegelt wurde. Vier Tage später flog er mit einer Maschine der Lufthansa unbehelligt zurück nach Madrid.

Nur wenige der Widerständler, die sich am Tage X im Bendlerblock aufhielten, sind wie John mit dem Leben davongekommen: Verschont blieben außer ihm nur der Theologe und spätere CDU-Politiker Eugen Gerstenmaier, den der Volksgerichtshof im Januar 1945 zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilte, der Regierungsrat Hans Bernd Gisevius, dem es glückte, sich in die Schweiz abzusetzen, der Oberleutnant Ludwig Freiherr von Hammerstein, Sohn des 1943 verstorbenen früheren Chefs der Heeresleitung, und der Major Friedrich Georgi, der Schwiegersohn des Generals Olbricht. Hammerstein und Georgi ist es gelungen, sich bis zum Ende der Diktatur vor den Häschern versteckt zu halten.

Dass John zum Kreis der Verschwörer gehörte, blieb der Gestapo nach dem Anlaufen einer gigantischen Verhaftungswelle nicht lange verborgen. Seiner drohenden Auslieferung durch das Franco-Regime zuvorzukommend, flüchtete er ins neutrale Portugal. Von hier aus erreichte er, versehen mit einem Emergency Passport, das rettende England, wo ihn Verhöre und die Internierung erwarteten.

Im Dezember 1944 erklärte sich John zur Mitarbeit an dem von Sefton Delmer, einem in Berlin geborenen Engländer, geleiteten Soldatensender Calais bereit, der wahrscheinlich wirkungsvollsten Waffe der britischen Kriegspropaganda. Auch ein Emigrant namens Philip Rosenthal, Spross der berühmten Unternehmerfamilie, lieh dem Sender seine fränkisch getönte Stimme. Aber anders als Rosenthal, der 1969 für die SPD in den Bundestag einzog, wurde John noch Jahre später von der Vorstellung verfolgt, diesen "Verrat" habe man ihm nach seiner Rückkehr in das besetzte Deutschland insgeheim beständig zur Last gelegt. Immerhin machte der Heimgekehrte, der zunächst der britischen Anklagevertretung bei den Nürnberger Prozessen behilflich war und sich dann als Anwalt niederließ, schon bald in einem besonders sensiblen Bereich der Staatstätigkeit Karriere. Im Dezember 1950 wurde er zum kommissarischen Leiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz und ein knappes Jahr später formell zu seinem Präsidenten berufen. Dass die Verwaltungsarbeit John nicht sonderlich behagte, dass ihn auch die restaurativen Tendenzen der Aufbaujahre bedenklich stimmten, hat freilich mancher, der ihn näher kannte, frühzeitig bemerkt.

Am Nachmittag des 20. Juli 1954, die Gedenkfeiern waren beendet, suchte Otto John seinen Freund Wolfgang Wohlgemuth, einen Berliner Arzt, in dessen Praxis in der Uhlandstraße 175 auf. Am frühen Abend fuhr er in einem von Wohlgemuth gesteuerten Wagen durch das Brandenburger Tor in den Ostsektor der Stadt. Beamte der Westberliner Polizei, die den Wagen kurz anhielten, um auf das Risiko einer Weiterfahrt hinzuweisen, sagten später aus, die ihnen unbekannten Insassen hätten einen normalen und wachen Eindruck gemacht.

Am 22. Juli gab das Ministerium des Innern der DDR über den staatlichen Rundfunk lapidar bekannt, John habe "mit verantwortlichen Persönlichkeiten der Deutschen Demokratischen Republik eine Aussprache im demokratischen Sektor von Berlin geführt". In einer anschließend gesendeten Erklärung war der vermisste Geheimnisträger selbst zu vernehmen: Zu seinem "entschlossenen Schritt" habe ihn die Politik der Bundesregierung veranlasst, die Deutschland in Gefahr bringe, "durch die Auseinandersetzung zwischen West und Ost auf ewig zerrissen zu werden". Dem wolle er mit seinem Übertritt in die DDR entgegenwirken.

Die Bonner Regierung beantwortete die sensationelle Nachricht mit der Sprachregelung, der Präsident des Verfassungsschutzamts sei ohne sein Zutun und gegen seinen Willen nach Ost-Berlin verbracht worden. Das gebot nicht nur die beamtenrechtliche Fürsorgepflicht, sondern dafür sprach auch der Umstand, dass es kaltblütige Entführungen aus dem Westen der geteilten Stadt schon mehrfach gegeben hatte und dass Wohlgemuth sich inzwischen an die Charité in den Ostsektor abgesetzt hatte, da er fürchtete, wegen des aufsehenerregenden Vorfalls in einen falschen Verdacht zu geraten.