Landwirtschaft Bauernhof unter Wasser

Die Ernte in Aquafarmen ersetzt den Fischfang. In Norwegen träumt man schon von der "blauen Revolution". Dorsch und Butt werden domestiziert, Räuber wie der Lachs zu Vegetariern erzogen. Ein Blick unter die Wasseroberfläche

Das Flugzeug folgt der zerklüfteten Südwestküste Norwegens. Die versunkene Sonne hat rötlich-blaues Dämmerlicht zurückgelassen, in dem sich Wasser und Berge ein schroffes Wechselspiel liefern. Die Klippen hier in „Fjordnorwegen“, der Region zwischen Stavanger und der Exhauptstadt Bergen, sind teilweise so steil, dass die Bergbauern früher ihr Vieh mit Tauen sichern mussten, damit es nicht die Hänge hinunterstürzte.

Doch das ist Nostalgie. Mittlerweile hat sich die Tierzucht von der Wiese ins Wasser verlagert. Statt auf kargen Hängen Ziegen, Schafe und Rinder zu weiden, züchten die Norweger lieber Lachs und neuerdings auch Butt und Dorsch in ihren unzähligen Buchten. Vereinzelte Lichter, die aus dem dunklen Wasser nach oben leuchten, künden beim Nachtflug von diesen „Aquafarmen“ unter Wasser. Sie sind eine neue große Hoffnung der Fischfangnation.

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Weltweit sind die Ozeane fast ausgeplündert. Seit 20 Jahren stagniert der Fischfang, obwohl die Jagd bereits bis in die Tiefsee reicht. Je weniger in der Wildnis zu holen ist, desto attraktiver wird die Zucht. Schon heute stammt fast ein Drittel der globalen Fischernte aus Aquakulturen, denen Experten ein stetes Wachstum für die nächsten 20 Jahre prophezeien. Der grünen Revolution auf den Äckern soll weltweit die blaue Revolution der Meereswirtschaft folgen. Dabei will Norwegen, weltgrößter Exporteur von Fisch und Meeresfrüchten (Seafood), auch im Aquafarming eine Vorreiterrolle spielen. Eine „blau-grüne Allianz“ soll hier eine nachhaltige Bewirtschaftung garantieren: Wildfische werden dabei geschont, Aquafarmen ausgebaut. Und Raubfische wie der Lachs werden mit pflanzlichem Futter aus Raps- und Sonnenblumenöl sogar zum Vegetarier erzogen.

Der moderne Fischfarmer sitzt am Bildschirm und schaut Lachs-TV

Aquavision lautete der Titel einer Konferenz über die „nachhaltige blaue Revolution“, zu der sich in der vergangenen Woche Aquafarmer aus aller Welt in Stavanger trafen. Und an Visionen mangelt es der Zunft in der Tat nicht. Das US-Magazin Wired feierte im Mai High-Tech-Pläne aus dem Massachusetts Institute of Technology: Riesige automatisierte Käfige sollen künftig vor der Küste Floridas starten, bestückt mit fingergroßen Jungfischen. Getragen von einer mächtigen zentralen Boje, die von Satelliten überwacht wird und automatisch Futter spendet, treiben die High-Tech-Fischfarmen im warmen Golfstrom in Richtung Europa. Nach neun Monaten landen sie mit erntereifer Fracht vor Portugals Küste. Das Technikwunder soll den globalen Eiweißhunger stillen.

In einer stillen und menschenleeren Bucht, 30 Kilometer nördlich von Stavanger, ist die Realität moderner Aquafarmen zu besichtigen. Von einem rotbraunen Holzhaus am Ufer führt ein langer Schwimmsteg ins Wasser. An großen, ringförmigen Halterungen hängen sechs Fischgehege – hier wachsen mehr als 100000 kleine und große Lachse heran. Das einzige Geräusch dringt aus den armdicken Kunststoffrohren, die sich vom Ufer aus zur Mitte jedes Netzgeheges schlängeln. „Pschfrrt. Pschfrrrrt. Pschfrrrrrrrt“, rasseln die Rohre. Dabei spucken sie jeweils einen Schub runder Futterpellets aus, die nach kurzem Flug im Wasser landen.

Was sich unter der gekräuselten Oberfläche tut, sieht man am besten im Holzhaus, das den Leitstand und Futtervorräte beherbergt. Dort sitzt der moderne Fischfarmer vor dem Lachs-TV. Gemächlich kreisen Fische über den Bildschirm, und ihr Züchter prüft, ob seine druckluftgetriebene Futterrohrpost, pschfrrt, tatsächlich die Fischmäuler erreicht. Sein Job ist es, Lachse effizient zu mästen und nicht den steilen, bis 200 Meter tiefen Fjordboden mit Pellets zu düngen.

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