Die Kunst der Selbstinszenierung beherrscht Ed Fagan perfekt. Als der New Yorker Anwalt vor zwei Jahren gegen die Schweizer Banken klagte, stellte er sich auf den Zürcher Paradeplatz und ließ sich von Passanten beschimpfen. Als er für die Opfer des Seilbahnunglücks von Kaprun vor Gericht zog, donnerte er: "Wir werden den Ruf von Österreichs Bergbahnen in der Welt zermalmen!" Und als er sich vor zwei Wochen die österreichische Creditanstalt vorknöpfte, begab er sich in den Keller der Wiener Zentrale und suchte nach geheimen Raubkunstdepots. Erfolglos zwar, doch auch wenn sich seine großen Auftritte gelegentlich als Luftnummern entpuppen: Ed Fagan ist der gefürchtetste Sammelkläger der Welt.

Es regnete in Strömen, aber trotzdem stand Ed Fagan am Freitag vergangener Woche vor dem Berliner Bundesfinanzministerium, um von seinem neuesten Coup zu berichten: Zusammen mit seinem Münsteraner Partner Manfred Kahl will er den deutschen Staat vor einem New Yorker Gericht auf 18 Milliarden Euro verklagen – im Auftrag eines bisher unbekannten Verbands von Kunstraubopfern, der sich Ahvram nennt, Association Of Holocaust Victims For Restitution Of Artwork and Masterpieces.

Mehr als 2000 von den Nazis gestohlene Kunstwerke befänden sich heute noch im Besitz des deutschen Staates, heißt es in der Klageschrift, die bisher allerdings nur in Auszügen veröffentlicht wurde. Fagan und seine Partner beschuldigen die Bundesrepublik darin nicht nur, während Jahrzehnten untätig geblieben zu sein – sie bezichtigen sie ausdrücklich einer "Verschwörung": Der deutsche Staat habe Experten veranlasst, Dokumente zu fälschen und damit die Provenienz, also den Herkunftsnachweis gestohlener Werke, zu verschleiern.

Diese abenteuerliche Behauptung zu beweisen dürfte schwer fallen, in Fachkreisen hält man sie für absurd. Zwar verwaltet die Berliner Oberfinanzdirektion tatsächlich noch über 2000 Werke aus der so genannten Linzer Sammlung, die Hitler für sein geplantes Supermuseum zusammentragen ließ und die heute meist als Leihgaben in Museen hängen. Längst nicht alle sind Raubkunst, etliche wurden legal von nichtjüdischen Händlern erworben. Das Bundesfinanzministerium schätzt den Versicherungswert anders als Fagan auf 60 Millionen Euro. Es stellt sich außerdem auf den Standpunkt, seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges seien mehr als eine Million von den Nazis geraubte Kunstwerke zurückgegeben worden.

Richtig ist allerdings, dass diese Verfahren 1962 abgeschlossen wurden und dass die Bundesrepublik anschließend mehr als 30 Jahre lang nichts unternahm, um den Bestand weiter zu untersuchen und mögliche Erben zu ermitteln. Erst 1998 kam in die Angelegenheit wieder Bewegung – da unterzeichnete die Bundesregierung in Washington eine Erklärung, in der sich alle Länder verpflichten, ihre Archive nach Werken mit unklarer Provenienz zu durchforschen, die rechtmäßigen Eigentümer zu ermitteln und sie zu entschädigen, auch wenn die Verjährungsfristen bereits abgelaufen sind.

Damit wurde anstelle eines formaljuristischen ein moralisches Prinzip eingeführt, das seither in der Tat zu einigen spektakulären Rückgabefällen führte. Allen voran hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin berühmte Kunstgegenstände zurückerstattet, unter anderem Werke van Goghs und Caspar David Friedrichs. Das Bundesamt zur Regelung offener Vermögensfragen (Barov) in Berlin beschäftigt vier wissenschaftliche Mitarbeiter, die die unklaren Provenienzen der Linzer Sammlung erforschen. Und die von Bund und Ländern gemeinsam getragene Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste betreibt von Magdeburg aus die Internet-Datenbank www. lostart.de, in der gesuchte und gefundene Kunstgegenstände eingetragen werden können.

Ganz so reibungslos, wie diese Institutionen und Absichtserklärungen glauben machen, verläuft der Umgang mit geraubter Kunst in der Realität allerdings nicht – da trifft die Klage von Ed Fagan einen wunden Punkt. Die "Washingtoner Prinzipien" sind nicht einklagbar, und daran sind schon einige Rückgaben gescheitert. Ein prominenter Fall ist das Lehmbruck-Museum in Duisburg, das sich weigerte, Emil Noldes Buchsbaumgarten aus der Sammlung des jüdischen Anwalts Littmann an seine Erben zurückzugeben – und es ablehnte, den Fall von der unabhängigen Ethik-Kommission prüfen zu lassen, die zu diesem Zweck eingerichtet worden war.