Filmpreis Sucht unabhängige Juroren!
Zum Streit um den Deutschen Filmpreis
„Hysterie“ unterstellte der Produzent Günter Rohrbach in einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 24. Juni denjenigen, die die Perspektiven der frisch gegründeten Deutschen Filmakademie infrage zu stellen sich erlauben. Das kommt gut an und war gegen einen ZEIT- Artikel (ZEIT Nr. 26/04) gerichtet, der die bevorstehende Verschmelzung von Filmakademie und deutschem Filmpreis kritisierte. Im Übrigen, so erfahren wir gewissermaßen in Form eines Bulletins, habe sich Frau Ministerin Christina Weiss „die Listen derer, die zugestimmt und derer, die protestiert haben, sehr genau angesehen“. Schön zu wissen. In der Sache selbst aber wusste auch Rohrbach, der Ehrenpräsident der Filmakademie, nichts Neues, ja eigentlich gar nichts aus ministeriellem Mund zu berichten. Von Christina Weiss gibt es keine Stellungnahme zur aktuellen Kontroverse um die Akademie, die in Zukunft den mit fast drei Millionen Euro dotierten Filmpreis selbst vergeben will. Nichts zur unseligen Verquickung von Branche und Subvention, ja es hat fast den Anschein, als habe man die Diskussion satt, ehe sie überhaupt begonnen hat.
Selbst wenn die bis heute immer wieder genannte Phantomzahl von 2500 Mitgliedern – aktuell ist ein knappes Fünftel davon registriert – eines fernen Tages zustande kommen sollte, so kann ich mir schwer vorstellen, wie es gelingen soll, deren „elitäre Struktur“, laut Rohrbach „die Voraussetzung für die Qualität ihrer Urteile“, zu gewährleisten. Eliten bilden sich nicht einfach durch Zugangsbeschränkungen. Es braucht diese Art massenhafter Elite gar nicht, zumindest nicht für die Ausjurierung des mittlerweile etwas in Verruf geratenen Deutschen Filmpreises. Dieser sollte unbedingt auf anderem Wege vergeben werden.
Als ein eher am Rande stehender Beobachter – und bekennender Nicht-Akademiker – erlaube ich mir, einen Vorschlag zu machen, der sich mit dem problematischen, gleichwohl verbesserungsfähigen Status des Deutschen Filmpreises befasst. Vorausschicken möchte ich, dass ich die kürzlich in der taz geäußerte Anregung, die Jury für den Deutschen Filmpreis „anders zu besetzen“ – genannt werden Thomas Aslan, Ulrich Köhler und Angela Schanelec – für einen zwar verständlichen, gleichwohl irrigen Vorschlag halte. Diese Filmschaffenden bilden so etwas wie einen entschiedenen Anti-Mainstream, eine unverzichtbare Gegenströmung, doch genau in der Zugehörigkeit zur Branche liegt ja die Crux, unter der dieser Filmpreis zunehmend zu leiden hat.
Warum sollen ausgerechnet und immer mehr Branchen-Insider über den einzigen bedeutenden nationalen Filmpreis, den höchstdotierten deutschen Kulturpreis überhaupt, entscheiden? Weshalb kann man sich nicht dazu aufraffen, im gesamten Kulturbereich nach einer unabhängigen Jury zu suchen? Die einzige Voraussetzung wäre ja wohl, dass die Juroren dem Kino leidenschaftlich zugetan sind. Es werden sich wohl unter den jüngeren und älteren Künstlern, Schriftstellern, Kritikern, Intellektuellen tout court und – warum nicht! – selbst Akademikern genügend Aficionados ausmachen lassen, welche mit belebender Streitlust und entsprechender „Rücksichtslosigkeit“ (gegenüber der Branche) die Filme ausfindig machen, die für die deutsche Produktion eines Jahres von exemplarischer Bedeutung sind. Es wäre ein wahres Vergnügen, sich Klaus Theweleit, Ulrich Pelzer, Brigitte Kronauer, Wolf Lepenies, Gabriele Goettle, Martin Mosebach, Gertrud Koch, Kathrin Röggla, Horst Bredekamp oder Ilse Aichinger in einem solchen Findungsprozess vorzustellen.
Bei allen denkbaren Einwänden gegen eine kulturell anspruchsvolle, Maßstäbe setzende, ja durchaus anmaßende Jury entfiele der entscheidende Einwand, nämlich der Branche irgendwie verpflichtet zu sein. Nur ganz nebenbei sei daran erinnert, dass die Besetzung der Jury in früheren Zeiten wesentlich mehr branchenferne Kulturleute aufwies als in den vergangenen Jahren.
Und die Akademie, die Deutsche Filmakademie? Möge sie,
la grande élite,
ihren eigenen Oscar oder César finden. Einen schönen undotierten Preis, mit allen akademischen Glaubwürdigkeiten versehen, die der Branche zur Verfügung stehen.
Hanns Zischler
- Datum 01.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.07.2004 Nr.28
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