Liste mit Lücken

Arabische Autoren boykottieren den Auftritt auf der Buchmesse

Ausgerechnet Muammar al-Ghaddafi. Jetzt hat auch noch der Literat unter den arabischen Diktatoren abgesagt. Kurz nachdem er beim arabischen Gipfel in Tunis Ende Mai seine Amtskollegen schockierte – er rauchte genüsslich eine amerikanische Zigarette und verließ nach nur zehn Minuten die Sitzung –, ließ er den Schriftstellern seines Landes mitteilen: Wir fahren nicht. Libyen werde nicht mitmachen, wenn sich im Oktober die arabische Welt auf der Buchmesse in Frankfurt präsentiert. Zumindest nicht offiziell und nicht unter dem Dach der Arabischen Liga. Begriffe wie „Quatschbude“ sollen gefallen sein, als der libysche Staatschef und Autor mehrerer Theorie- und Kurzgeschichtenbände erklärte, weshalb er die Liga der arabischen Staaten für unfähig halte.

Der Libyer gilt als notorischer Gipfelquerulant und Kritiker des arabischen Staatenbundes. In Sachen Buchmesse jedoch ist er mit seinem Boykott in ungewohnt guter Gesellschaft. Der Gastlandauftritt bei der Frankfurter Buchmesse, so weit sind sich nationale Politiker, panarabische Diplomaten und kritische Intellektuelle noch einig, ist eine gute Gelegenheit, das Image der arabischen Welt im Westen aufzubessern. Allerdings zweifeln viele, ob die krisengeplagte Liga als offizielle Organisatorin für diese Mammutaufgabe geeignet ist. Marokko, Algerien und Kuwait haben wie Libyen die Teilnahme abgesagt: Sie wollen sich lieber selbstständig präsentieren.

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In den Hauptstädten der anderen Länder und in der Kulturorganisation der Liga wird seit Monaten über eine Liste gestritten. Ungefähr 200 Repräsentanten der arabischen Literatur will die Liga nach Frankfurt schicken. Doch was ist die arabische Kultur, und wer kann/darf/will sie repräsentieren? Wer als Schriftsteller etwas auf sich hält, steht in mindestens einem der Länder auf der Zensurliste. Abdelrahman Munif hat mit seinen Salzstädten eine Beschreibung der Entstehung Saudi-Arabiens und zugleich ein Meisterwerk arabischer Literatur geschaffen. Sein Tod tauchte im Januar die Feuilletons in tiefe Trauer, und er ersparte den Kulturdiplomaten wohl einen besonders schwierigen Drahtseilakt. Hätte Saudi-Arabien zugestimmt, den Autor nach Frankfurt zu entsenden? Schließlich ist sein Werk im Königreich verboten. „Wir haben uns glücklicherweise einigen können, die Autoren unabhängig von politischen Bedenken auszuwählen“, beteuert Mohammed Ghoneim, Cheforganisator des Gastlandauftritts.

Doch in der jetzt veröffentlichten Namensliste klaffen einige strategische Lücken: So wird Haider Haider nicht genannt. Sein Festmahl für die Kreaturen des Meeres löste vor einigen Jahren in Kairo Islamistenproteste aus und verschwand dann aus den Buchläden. Und was ist mit Nasr Hamid Abu Zaid, der von einem ägyptischen Gericht zum Ketzer erklärt wurde? Dafür steht Mahmoud Darwish auf der Liste. Ob der palästinensische Poet wohl wirklich kommt? In den vergangenen Wochen hieß es aus seinem Umfeld, dass er auf keinen Fall unter der Fahne der Arabischen Liga auftreten wolle. Der maroden Organisation soll nicht künstliche Legitimation eingehaucht werden. In Kairo formiert sich inzwischen eine Gruppe von Boykotteuren um Sonallah Ibrahim. Der ägyptische Kulturminister versuchte kürzlich, mit dem Autor des Prüfungsausschusses Frieden zu schließen und verlieh ihm einen hoch dotierten Poesiepreis. Einen so undemokratischen Preis nehme er nicht an, ranzte Sonallah zurück – und die arabische Kulturdiktatur in Frankfurt präsentieren? Niemals!

Unter den jungen Autoren gibt es Gedrängel anderer Art. Frankfurt, das ist ihre Chance. Endlich einmal heraus aus dem arabischen Literatursumpf! Doch ohne Onkel im Kulturministerium gehe da gar nichts, sagt einer und senkt konspirativ die Stimme. Er hofft, selbst noch auf die Liste zu kommen. Vielleicht als Nachrücker, wenn die Großen bei ihrem Boykott bleiben.

Und Ghaddafi? Vielleicht findet auch er noch ein Schlupfloch, in dem er – an der Arabischen Liga vorbei – sein Reisezelt unter dem Messeturm in Frankfurt aufschlagen kann. Schließlich sind seine Bücher echte Bestseller. Zumindest in Libyen.

 

 
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