Die Überliebenden
Ein Jude, der einst vor den Nazis floh, verliebt sich als alter Mann in eine Deutsche. Die erfährt zwei Jahre später, dass ihr Vater am Holocaust verdiente
Als vor sieben Jahren alles anfing, war Shraga Har-Gil noch verhältnismäßig gut beieinander. Er war von Tel Aviv nach Deutschland gereist, um dort als Gast bei einer Tagung über jüdische Geschichte teilzunehmen, ein rüstiger 70-Jähriger, der am Stock ging, aber immer noch als Journalist arbeitete und das Leben genoss. Sein Stock, den er an einen Stuhl gelehnt hatte, fiel immer wieder um. Ulla Gessner, die zufällig neben ihm saß, hob ihn für ihn auf. Die Lehrerin aus Krefeld, 17 Jahre jünger als Har-Gil, gefiel ihm. Er verabredete sich mit ihr zum Abendessen im Speisesaal. Die beiden verstanden sich gut und konnten bald nicht mehr ohne einander sein. Ein alter Mann, der vor den Nazis aus Deutschland geflohen war, und eine nicht mehr ganz junge Deutsche, deren Familie in Kriegsverbrechen verstrickt war – nur wusste sie das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Die Geschichte beginnt für Shraga Har-Gil mit einem verblassten Foto aus dem Jahr 1933. Er hieß damals noch Paul-Philipp Freudenberger, war sechs Jahre alt und lebte mit seinen Eltern in Würzburg. Als der Fotograf seinen Apparat aufgebaut hatte, entschied die Kindergärtnerin, dass er, weil er ein jüdisches Kind war, nicht von vorn fotografiert werden dürfe. Er musste sich mit dem Gesicht zur Wand drehen. Diesen kleinen Moment hat er nie vergessen. Später flohen die Freudenbergers nach Palästina. Dutzende Verwandte, Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins, Cousinen kamen im Holocaust um. Als Mitglied der jüdischen Brigade, die im Rahmen der britischen Armee kämpfte und der später der Mythos der Nazi-Jäger anhing, kehrte Freudenberger 1945 nach Deutschland zurück. Der 19Jährige brachte Überlebende des Holocausts mit ihren Familienangehörigen zusammen, stellte Kontakte zwischen den Lagern her, in denen KZ-Überlebende nach ihrer Befreiung untergebracht waren, und half, jüdische Einwanderer illegal nach Palästina zu schleusen. Die Deutschen, deren Sprache er sprach, waren ihm vertraut und verhasst zugleich. Damals hatte er sich geschworen, nie mit einer Deutschen etwas anzufangen. Shraga macht hier eine Pause, beugt sich mit Mühe nach dem frisch gepressten Glas Orangensaft auf dem Couchtisch.
Seine geräumige Wohnung im Norden Tel Avivs ist eine Oase der Ruhe. Vogelgezwitscher dringt durch das offene Fenster, draußen blühen Mispeln. An der Wand hängen afrikanische Masken, ein gezeichnetes Stadtporträt von Würzburg. Er sitzt steif im Sessel, ein charmanter Herr mit kükengelber Sportjacke, lichtem Haar und dicken Brillengläsern, ein Augenlid hängt leicht herunter. Sie, in T-Shirt und Dreiviertelhose, die grauen Haare kinnlang, huscht besorgt um ihn herum. Sie wirkt immer noch mädchenhaft und schlank, jünger als 60. Jede Bewegung fällt ihm sichtlich schwer, seit kurzem machen auch die Augen nicht mehr mit, aber der Kopf, die Erinnerungen, sind glasklar. Er zündet sich ein Zigarillo an und atmet tief ein, blickt Ulla an.
Beide sind geschieden, vor zwei Jahren ist sie zu ihm gezogen, hat sich frühpensionieren lassen und ihre Wohnung in Krefeld vermietet. Zuvor trafen sie sich mal in Israel, mal in Deutschland; sie reisten in Europa herum, wo sie in Hotelzimmern gemeinsam Kindergeschichten erfanden, auf Deutsch. Seit Ulla in sein Leben getreten ist, redet Shraga wieder viel in seiner Muttersprache, die schon ein wenig eingerostet war. Den unterfränkischen Akzent hat er bis heute beibehalten. Ulla sagt, ihr sei damals bei der Tagung als Erstes seine Stimme aufgefallen, die tiefe, kraftvolle Stimme: »Sie hat mich sofort berührt.« Dass er Journalist war und Israeli, habe sie interessant gefunden, auch, dass er sich bei der Tagung nicht immer ganz der Ordnung gefügt habe. »Er war, vielleicht auch wegen seines Alters, so ganz er selbst, hat gar nicht überlegt, was man darf.« Diese Souveränität fasziniert sie heute noch.
Er habe ihre kluge, einfühlsame Art gleich gemocht, sagt er.
»Ich habe mich durchgerungen, es so zu sehen: Die Mörder gehörten der vergangenen Generation an. Mit ihren Kindern kann man Beziehungen haben« (Shraga Har-Gil)
Die rührende Geschichte einer späten Liebe. Aber mit der Begegnung von Ulla Gessner und Shraga Har-Gil ist für beide auch die Vergangenheit zurückgekommen; noch erschreckender und schmerzhafter, als sie es sich anfangs hatten träumen lassen.
- Datum 01.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.07.2004 Nr.28
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