Die ÜberliebendenSeite 4/4

Har-Gil meint: »Ich hätte den Film nicht gebraucht.« Ihn beschäftige der Schmerz der Holocaust-Überlebenden, sagt er; alle litten heute noch unter Albträumen. Aber den Mördern vergeben, das könnten nur die Ermordeten: »Ich habe mich dazu durchgerungen, es so zu sehen: Die Mörder gehörten der vergangenen Generation an, und man kann trotzdem mit ihren Kindern und Kindeskindern Beziehungen haben.« Bis er so habe denken können, sagt er noch, habe es viele Jahre gedauert.

Je älter er wird, desto größer ist der Platz, den seine einstige Heimat in seinem Leben wieder einnimmt. Jahre nach seiner ersten Reise nach dem Krieg war er aus beruflichen Gründen, er arbeitete als Journalist für die israelische Tageszeitung Ma’ariv, mehrmals nach Deutschland gereist, hatte dort Vorträge über Israel gehalten und die Bekanntschaft mit der jüngeren Generation gemacht, die sich von den Nazis distanzierte. Als er dann später gefragt wurde, ob er als Auslandskorrespondent für deutsche Regionalzeitungen arbeiten wolle, zögerte er zunächst. »Aber dann habe ich mir gedacht, wenn ich es nicht tue, dann schreibt ein anderer über den Nahen Osten, und der vermasselt noch mehr.«

Auch mit seiner Geburtsstadt habe er sich wieder versöhnt. Vielleicht ist es auch das im Alter besonders aktive Langzeitgedächtnis, das die Kindheitsheimat näher rücken und Nostalgie aufkommen lässt. Das Essen, Gerüche, der Sommerregen, die Waschboote auf dem Main. Diese »deutschen« Gemeinsamkeiten pflegen Har-Gil und Gessner wie ein kostbares Pflänzchen, wenn sie Geschichten schreiben oder seine Erinnerungen nochmals überarbeiten. Aber weg aus Israel, wo seine Kinder und Enkelkinder leben, wird ihn nichts mehr bringen. Daran ändert auch sein deutscher Pass nichts, den er sich hat wiedergeben lassen.

Ein Foto im Flur zeigt die beiden strahlend nebeneinander auf eine antike Säule gestützt, das war im Frühjahr bei einem Wochenendausflug in Galiläa – mit Freunden aus Deutschland. Er schwingt seinen Stock, sie spielt mit ihrem Seidenschal. Die Harmonie wirkt perfekt.

Es gibt eine Frage, die sich Gessner unwillkürlich stellt, obwohl ihr diese gar nicht gefällt. »Bin ich auserkoren, um als Deutsche letztlich doch wieder etwas gutzumachen?« Sie kümmert sich um ihren kranken Freund; in den letzten Monaten hat sich sein Zustand noch weiter verschlechtert. Weil er nicht mehr selbst fahren kann, sitzt nun Ulla Gessner am Lenkrad und bringt ihn zu seinen Terminen. Wenn er einen guten Tag hat, geht sie ganz langsam an seiner Seite mit ihm spazieren. Sie macht sich jetzt auch erstmals Gedanken, was aus ihr werden wird, sollte er einmal nicht mehr sein. Wird sie hier in Tel Aviv bleiben? Wieder zurückgehen? Wo gehört sie eigentlich hin?

Solche Gedanken lassen sich am besten mit gemeinsamen Zukunftsplänen verdrängen. Wenn Shraga Har-Gil in drei Jahren 80 wird, wollen die beiden heiraten. Und zwar in Freudenberg auf der Freudenburg hoch über dem Main. »Das ist doch auch wieder etwas ganz Verrücktes«, sagt Ulla Gessner, »oder?«

* Amir Har-Gil drehte einen Film über seinen Vater und dessen Lebensgefährtin. Der Film »Die Kunst des Überlebens« wird am 9. Juli um 23 Uhr im WDR zu sehen sein

 
Service