Lyrik Das sind Gedichte!
Der Dichter Hardekopf wollte keine windelweiche Menschheitsrettung betreiben. Jetzt ist er wieder zu lesen
Eines der hartnäckigen Missverständnisse der jüngeren deutschen Poesiegeschichte ist die seit Jahrzehnten von Germanisten froh wiederholte Behauptung, die des Kurt Pinthus, das Kanonwerk des so genannten expressionistischen Gedichtes, habe an Vollständigkeit nicht ihresgleichen. Gerade wieder kann man das lesen, in der bei Reclam erschienenen Das kann so nicht stimmen: Bei den berühmten 1880er Jahrgängen fehlen schon einmal Hugo Ball und Emmy Hennings, und bei den älteren Dichtern macht sich, kennt man sich etwas mit der Berliner Szene der Zeit des Ersten Weltkriegs aus, schmerzlich bemerkbar, dass Ferdinand Hardekopf (1876 bis 1954) verschwiegen wird. Das hat seine Gründe. Und ich glaube, ich kann mir denken, warum dieser komplexe und brillante Dichter, Counterpart eines Grafomanen, der darüber hinaus ein eminent wichtiger Anreger von jüngeren Autoren vor 1914 gewesen ist (eben: von 1880er Jahrgängen), ich kann mir denken, weswegen Hardekopf in der nicht auftaucht und also gleich gar keine Chance zu einem literarischen Nachleben gehabt hat.
In Hans Richters Dada-Profilen, den vergnüglichen und aufschlussreichen Kurzporträts der Avantgarde-Szene aus der Feder des Experimental-Filmemachers, 1961 bei dem um die deutschsprachige Moderne so verdienten Peter Schifferli herausgekommen, stößt man allenthalben auf Ferdinand Hardekopf. Und zwar in derart prominenten Zusammenhängen, in denen man den Dichter und subtilen Selbstdarsteller kaum vermuten würde – man ist platt! So lesen wir: „Sowohl M. D. [das ist kein Geringerer als: Marcel Duchamp] als auch F.H. haben Bewunderung und Hingabe, ja eine Art Heldenverehrung ausgelöst.“ Duchamp wird als eine „Parallel-Erscheinung“ zu Hardekopf begriffen. Vielleicht ist ein Vergleich mit der Anregerrolle Ezra Pounds in London vor dem Ersten Weltkrieg oder der H. C. Artmanns in Wien nach 1945 nicht ganz falsch. Noch einmal Richter über Hardekopfs Wirkung – seine credibility, wie man sehr viel später auf der Szene gesagt haben würde: „Eine phänomenale Anziehung ging von ihm aus, eine Flut von Nachahmern, seiner Haltung, Sprechweise, seines nervösen Stirnrunzelns, seiner überaus gepflegten Hände. In seiner Persönlichkeit bestand sein uns alle berührender Einfluss…“
Nein, viel hat er nicht in Buchform hinterlassen, was dem Nachruhm immer eher im Wege steht. Gerade drei nicht sehr umfangreiche Hardekopf-Bücher hochwertigster Lyrik, und Prosa, zwischen 1913 und dem Anfang der zwanziger Jahre. Das aber sind Gedichte! Gedichte, die oft genug das Bar- und Kaffeehaus-Ambiente zum Ausgangs-, zum Aufschwungpunkt für sprachlich wie psychologisch durchgefeilteste (das merkt man nicht!) Szenerien nimmt. Wo knarrend Gottfried Benns preußischer Hautarzthumor triumphiert, ein hochnervös-verklemmter Jurastudent wie Georg Heym den „Gott der Stadt“ anheult, geht es dem bekennenden Morphinisten Hardekopf (der als Reichstagsstenograf sein Grundauskommen zu verdienen suchte) um Feineres, Subkutaneres – Sublimierung beginnt so:
Ich sah dich Grenadine schlürfen, dein Wildgeruch ergriff mich schon – und hab nur stockend murmeln dürfen: „Wer ist die scharfe … Attraktion?“
Jetzt stelle man sich die hochgeschlossene wilhelminische Gesellschaft vor – und dann so ein wahrhaftig göttlich getimter obszöner Ausbruch wie diesen! Dass die Stammbesetzung des berühmtesten Szenelokals in Deutschland, des Berliner Cafés des Westens, wo Hardekopf der Boheme-Anwesenheitspflicht allnächtlich Genüge tat, in die Knie gegangen ist, kann man sich lebhaft vorstellen. Hardekopf ist ein Dichter gewesen, der so gar nicht bereit gewesen ist, mit Blaulicht eine windelweiche Menschheitsrettung zu betreiben, wie es bei Expressionistens ja gang und gäbe war.
Eine große Ausnahme ist Ferdinand Hardekopf, dem der Tabubruch in Serie gelang und der dabei formal vorbildhaft wirken konnte. Ein großer Kenner der Sprache, ein Könner, der kein Blatt vor den Mund zu nehmen braucht, dies, ohne je ins Rüde abzurutschen. Eines der Themen ist der Drogenkonsum des Post-Bismarck-Nachtlebens. In der seiner Freundin Emmy Hennings gewidmeten, selbst in seinen auf Gesellschaftskritik zielenden Passagen wundervoll ruhig bleibenden Ode vom seligen Morgen heißt es, mit der in diesen Jahren obligatorischen Sperrung: „O ihr g u t e n D r o g u e n: ich bete euch sehr an.“ Anbetung reicht nicht – das ironische „sehr“ macht die hübsche Gemeinheit aus. Er konnte mit französisch geschulter Eleganz schreiben, ist nach 1920, als er in Deutschland keinen Fuß mehr fassen konnte und sich nach Frankreich abgesetzt hatte, nur mehr als hoch gelobter Übersetzer hervorgetreten, so von André Gide.
In Erwin Blumenfelds, des Fotografen, drastischen Lebenserinnerungen treffen wir, natürlich unverhofft, auf den alten Dichter. Anlässlich dessen Einweisung in ein französisches Internierungslager mit ausgesprochenen KZ-Qualitäten. Es ist sehr traurig, was wir dort lesen müssen: „Zu guter Letzt kam ein Zittergreis mit wehender Mähne in den Hof gehumpelt. Sein mit tiefer Verbeugung dem Kommandanten überreichtes Empfehlungsschreiben [eben von Gide] wurde ungelesen zertrampelt.“ Ist es überraschend, dass der Dichter zusammen mit der Schauspielerin Sita Staub, seiner Lebensgefährtin, auf der Flucht seinen Koffer mit Manuskripten einbüßt? Hardekopf stirbt in der Schweiz, in der Psychiatrie. Überraschend ist die Diskretion, mit der die Todesumstände vom Herausgeber der nun vorliegenden kleinen Hardekopf-Ausgabe übergangen werden. Gut aber, dass es sie gibt.
- Datum 01.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.07.2004 Nr.28
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