Roman Die alte Schuld

Nachrichten von der dunklen Seite der Neuen Welt. Nathaniel Hawthorne, der Begründer des modernen psychologischen Romans, wird 200

Man muss sich Nathaniel Hawthorne als wahrhaft absonderlichen Charakter vorstellen. Wer das skeptische Verhältnis dieses Amerikaners zum jungen Amerika verstehen, wer die Diskrepanz zwischen seiner puritanischen Prägung und seiner radikalen Kritik am Puritanismus ermessen will, der sehe sich zuerst seine einzelgängerischen Künstlergestalten an. Sie stehen abseits der Menge, am Rand des Geschehens, und während es vorübertost, verharren sie auf ihrem Beobachterposten. Hawthornes verhinderte Helden werden nur manchmal, wenn die Ereignisse unkontrolliert über die Ufer treten, ein Stück flussabwärts gerissen, aber der befreiende Sprung ins kalte, wilde Dasein bleibt ihnen ebenso versagt wie später den absurden Existenzen in Kafkas Teufelskreisgeschichten und Becketts Wartesaaldramen.

„Es gibt Naturen, die zu träge oder auch zu empfindsam sind, den Trubel der moralischen und physischen Elemente zu ertragen“, schreibt Hawthorne in seiner autobiografischen Skizze Der Tag des Brückenwärters . „Was für ein beglückendes Wunder wäre es doch für einen solchen Menschen, könnte man das Leben veranlassen, vor der Schwelle seiner Einsiedelei vorbeizufluten, und die große Erdkugel, sich sozusagen vor seinen Augen zu drehen.“ Dieses bequeme Brückenwärterglück ernstlich zu wünschen liegt den Außenseitern jedoch fern, denn sie empfinden ihre Isolation als Zwangslage: Entweder halten sie sich nicht für wert, Anteil an der Welt zu nehmen, oder sie bezweifeln, deren tragischem Lauf eine andere Richtung geben zu können. Beide Verweilgründe fußen auf einem desperaten Nihilismus und bilden einen scharfen Kontrast zum amerikanischen Gründungsmythos vom herkulischen Menschen, der kraft seiner Unverzagtheit die Verhältnisse aus den Angeln hebt. In der Schriftstellergeneration vor Hawthorne hat keiner, weder James Fenimore Cooper noch Washington Irving, dem Fortschrittsdogmatismus einen so drastischen Agnostizismus entgegengesetzt. Hawthornes power of blackness ist es, die sein Freund und Bewunderer Melville vor allem rühmt. Gemeinsam mit Poe stehen sie für eine neue transzendentale Obdachlosigkeit.

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Als Nathaniel Hawthorne am 4. Juli 1804, dem Unabhängigkeitstag, in Salem, Massachusetts, geboren wird, sind die Vereinigten Staaten erst 28 Jahre alt, die Hochkonjunktur des US-amerikanischen Individualismus hat eben erst begonnen. Hawthornes Einzelgängertum fußt jedoch nicht auf aggressivem Solipsismus, sondern auf einem maroden Selbstbewusstsein, das aus seiner modernen Grundhaltung resultiert. Zeitlebens wird er in keine Aufbruchseuphorie geraten, kurzzeitig zwar verirrt er sich in die Sozialistenkommune Brook Farm, aber schreckt schon bald vor deren fanatischem Idealismus zurück. Seine Enttäuschung hat er in dem Roman Der Marmorfaun verarbeitet, dessen paradoxe Hauptfigur der Philanthrop Hollingsworth ist: Seine Leidenschaft für die philanthropische Theorie lässt keinen Raum für persönliche Liebe.

Hawthorne verabscheut alles Eiferertum, auch ist er nicht der Mann, der von gruppendynamischen Impulsen getrieben wird. Zwar hatte er am College noch gesellige Allerweltsinteressen gezeigt. Aber dann beschloss er, Dichter zu werden. 1825 verkroch er sich in die Einsamkeit eines Arbeitszimmers in seinem Elternhaus, um erst 13 Jahre später wieder aufzutauchen. Sein Kontakt zur Außenwelt beschränkte sich auf Gespräche mit seinen beiden Schwestern und Spaziergänge nach Einbruch der Dämmerung. Einmal im Jahr soll er eine ausgedehntere Reise mit der Kutsche unternommen haben. Ansonsten rang er um den feinnervigen, dramatischen Stil, der seine Erzählungen derart strahlen lässt, dass Poe an ihnen die Theorie der Short Story entwickelte.

„Endlich habe ich mit schierer Gewalt meinem elenden Hirn eine Idee entfetzt und entrissen“, beschreibt er einmal seinen Kampf gegen sich selbst, „oder, besser gesagt, das Fragment einer Idee – wie einen ungeschickt gezogenen Zahn, und die Wurzeln sind noch da und quälen mich.“ Das Verborgene, das unter dem Schleier unserer begrenzten Wahrnehmung liegt, das, was uns traumatisiert hat, und das, was uns bevorsteht, interessiert Hawthorne. Auch da steht der Dichter des amerikanischen Ostens abseits und verweigert sich dem Gegenwartskult der New-England-Romantiker um Emerson und Thoreau. Während Emerson die freie Gewissensentscheidung predigt, stellt Hawthorne die ketzerische Frage, wie dieses Gewissen beschaffen sei, auf das man sich nun anstatt auf Gott oder Gesetz verlassen soll. Unvermeidlich gelangt er zu dem Schluss, dass nur eines sicher ist, nämlich unser aller abgründiger Hang zur Sünde.

Diese naturgemäße Prädestination mit ihren psychologischen Begleiterscheinungen (Furcht und Begierde, Depression, Übermut, Verblendung) wird ihm zum Leitmotiv; und indem er die Schuldhaftigkeit seiner Figuren bis ins Kleinste analysiert, avanciert er zum Begründer des psychologischen Romans. Bis heute sind seine vier großen Romane (The Scarlet Letter, 1850, The House of the Seven Gables, 1851, The Blithedale-Romance, 1852, The Marble Faun, 1860) aufgrund ihrer diffizilen Ethik eine verstörende Lektüre. Anders als im zeitgenössischen sentimentalen Roman Englands wird hier der Sündenfall nicht als ein aus der Bibel entlehntes Modethema behandelt. Wo deren Figuren zwischen Gut und Böse zu wählen haben, werden bei Hawthorne die Besten erst durch Berührung mit dem Bösen charakterlich erhöht.

Sein berühmtester Roman, Der scharlachrote Buchstabe, ist nicht deshalb skandalös, weil sein Autor eine Ehebrecherin gegen die Sittenstrenge des Puritanismus verteidigt, sondern weil hier die moralische Verfehlung zur notwendigen Bedingung der moralischen Vervollkommnung, ja der Menschwerdung wird. „Gott weiß, wie redlich untreu man sein kann“, schrieb Joachim Ringelnatz in einer späteren Epoche, und der Satz konnte nur deshalb originell klingen, weil Hawthorne nicht hinlänglich rezipiert worden war. So ist es bis heute geblieben.

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