Porträt Das Mirakel der Sprache

Bericht von einer Heimkehr, die keine war. Ein Selbstporträt, verfasst von dem rumänischen Schriftsteller Norman Manea

Ein kurioses Buch, dieses (so der Untertitel) des rumänischen Schriftstellers aus dem Geniewinkel der Bukowina, seit 1988 Professor für „europäische Kulturstudien“ am renommierten Bard College in New York. Keine gemütliche Bettlektüre. Vielmehr eines der Bücher, von denen der preußische Feldmarschall und militärische Chefdenker Moltke (der selbst keine schlechte Feder führte) zu seiner Braut bemerkt hat, man müsse sie im Sitzen lesen: sozusagen mit Haltung.

Die braucht es ohne Zweifel, um das expressionistische Gewitter der ersten Seiten zu überstehen, in denen uns die Blitze und der Donnerhall der anstürmenden Bilder zu einem überstürzten Rückzug veranlassen könnten: wenn zum Beispiel „die gelben Taxischlangen“ in Manhattan „unter dem peinigenden Schlag der Morgenstunde hysterisch aufheulen“ oder wenn wir uns mit der „Neuheit des Lebens nach dem Tod“ konfrontiert sehen, das uns an jenem Morgen „im überraschungsprallen Bauch des Abenteuers“ erwartet.

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Gemach! Der Autor, immerhin ein Herr von 68 Jahren, wurde rasch gewahr, dass die Leser dem Anprall solch machtvoller Poesie nicht lange gewachsen wären, und er zügelte seine Sprache. Das gewaltige Espressivo wandelt sich in ein lebhaftes Parlando voller Hintersinn, Melancholie und Witz, wie es sich für einen Schriftsteller gehört, der auf der Nachtseite der balkanischen Geschichte zur Welt kam: als Kind von den Legionären des Marschalls Antonescu, Hitlers rumänischen Paladins, in ein ukrainisches Lager jenseits des Dnjestr-Flusses verschleppt – in ein mörderisches Elend, das der Bub und die Eltern nur mit Glück überlebten –, heimgekehrt als „ein Greis von neun Jahren“, aufgewachsen in der Zucht des kommunistischen Regimes, dem er (dank der ortsüblich korrupten Verschlampung) ein privates Leben ablisten konnte, das von fernen Ahnungen des Reichtums der versunkenen k.u.k. Welt wenigstens noch gestreift wurde. Zumal im Dunstkreis von Czernowitz, der Stadt Paul Celans, das Manea „das Wien jenes Weltendes“ nannte – eine zweite Existenz, halb öffentlich, halb im Untergrund, über die freilich in verstörten Augenblicken die Schatten des Ghettos fielen mit „seiner aufgeregten Enge“ und „mit seinen verdrehten und verknoteten Geheimnissen“, mit seiner Klaustrophobie, aus der es nur den einen Fluchtweg gab: das befreiende Talent, die Fantasie, die alle verriegelten Tore aufsprengte, der Geist, den keine Mauern aufhielten, die Literatur, die Macht des Wortes, mit dem sich ein begnadetes Menschenwesen aus der drangvollen Raumnot vielköpfiger Familien in den Himmel aufzuschwingen oder in die Hölle zu stürzen vermochte.

Anlass der Autobiografie – laut Cioran, dem Landsmann in Paris, immer „ein Aschenbad“ – gab die angstvoll hinausgezögerte Reise aus dem Exil in die Heimat, die keine mehr sein konnte, nach Rumänien, das Manea als „das Land Dada“ beschreibt: surreal, grausam bis zur Absurdität, pathetisch, ridikül und oft auf bewegende Weise menschlich, voller Ironie und Selbstironie. Nein, keine Heimat. So wenig wie das gastliche Exil, das ihm bei der Ankunft die Freude vermittelte, endlich „fremd zu sein unter Fremden“: auch dies eine Befreiung aus einer bedrückenden Vertrautheit, an der er zu ersticken drohte. Er hätte sich auch in Deutschland niederlassen können, das ihm ein „Stipendium der Schuld“ in Berlin gewährte, dem einstigen Lagerkind, das die Deportierung hartnäckig als seine „Initiation“ bezeichnet.

Vielleicht auch in Frankreich, das für jeden rumänischen Intellektuellen ohnedies eine zweite Heimat ist, die rasch zur eigentlichen werden kann, wie wir es von Ionesco oder von Cioran wissen. Auch Mircea Eliade, der illustre Religionshistoriker, Mythenforscher und Romancier, schien nach 1945 willens, eine feste und dauerhafte Unterkunft in Paris zu suchen, bis ihn der Ruhm elf Jahre später weiterwandern hieß ins wahrhaft Gelobte Land des vergangenen Jahrhunderts: nach Amerika, an die Universität von Chicago, wo er lange vor der Ankunft Maneas in New York die Augen schloss, was den Landsmann nicht milder stimmte, denn 1991 konfrontierte er die Gemeinde Eliades in der Zeitschrift The New Republic mit der unangenehmen Nachricht, dass ihr Idol in den dreißiger Jahren zu den Claqueuren der „Eisernen Garde“ und folglich zu den Profiteuren des Bukarester Faschismus gehört hatte: eine Offenbarung, die nicht in allen rumänischen Emigrantenkreisen willkommen war.

Die mysteriöse Hinrichtung des Wissenschaftlers Ioan Petru Culianu auf dem Professorenklo der Universität von Chicago konnte mit jener späten Enthüllung zu schaffen haben. Die Herren vom FBI sahen sich veranlasst, den Verfasser des Essays Die glückliche Schuld zur Vorsicht zu mahnen, was ihm den Entschluss zu einer Reise ins Vaterland nicht leichter machte.

Uns könnten jene balkanischen Exil-Intrigen ziemlich gleichgültig lassen, und es ist mitunter ein wenig mühsam, dem Selbstporträtisten auf allen steinigen, staubigen oder überwachsenen Pfaden in seine Vergangenheit, durchs heimische Städtchen, ins Dickicht der Familiengeflechte, in die Betten manch verehelichter Damen und romantisch bewegter Junggenossinnen, in all „die Irrungen und Wirrungen des Wespennestes, genannt Leben“ zu folgen: Kurz, wir könnten das Buch mit einem Achselzucken beiseite legen, bräche nicht immer wieder ein genialisches Talent für das Wort durch den Dschungel der Wörter, begegneten wir nicht fast auf jeder Seite Notizen von poetischer Intensität, ironisch funkelnden Provokationen, beispielhaften Verdichtungen der Wirklichkeit (wenn er zum Beispiel seinen Rückzug aus dem sozialistischen Alltag in die Wahrhaftigkeit der Liebe als das „Glück in der Strafkolonie der Lüge“ beschreibt).

Bei einem Mittagessen in einem eleganten Restaurant an der East Side von Manhattan gestand ihm der so erfolgreiche Kollege Louis Begley – der in Polen zur Welt kam und als Kind ein verwandtes Geschick überstand –, dass er selbst zwar „bequem in der Sprache (seiner) amerikanischen Umgebung“ wohne, einer Sprache, die er perfekt beherrsche: Manea aber, der alle seine Bücher nach wie vor auf Rumänisch verfasst, habe seine eigene Sprache bewahrt – dies sei ein bedeutender Unterschied. Vielleicht verhält es sich so. Doch About Schmidt ist, in welcher Sprache auch immer geschrieben, ein großer Roman. Mag sein, dass Manea den seinen noch schreiben wird. Womöglich schon geschrieben hat. Das grandiose und seltsam unproportionierte Selbstbildnis beweist in der Tat, dass die Sprache seiner Kindheit, das Rumänische, die einzige Heimat dieses Autors ist, der sich hartnäckig „Hooligan“ nennt, nicht nur im Titel: ein etwas mysteriöser Verweis auf den Schriftsteller Mihail Sebastian, der sich uns Außenseitern so leicht nicht erschließt.

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