Medizin Maden unter der Haut

Ein norddeutsches Unternehmen produziert Maden, Wurmeier und Blutegel für medizinische Zwecke. Das Getier soll Wunden säubern, Därme sanieren und das Immunsystem in Ordnung bringen

Weiße, halb transparente Maden mit schwarzen Mündern kriechen auf blutfarbenem Untergrund durch die Petrischalen; die Temperatur im Brutkasten: 38 Grad. Zwei Stockwerke tiefer, im Keller, umschwirren grünlich schimmernde Schmeißfliegen ein Stück Leber. Im Raum daneben kleben Blutegel wie Nacktschnecken an den Rändern großer Plastikbottiche; wo einige Egel gespuckt haben, ist das Wasser rot verfärbt. Auf einem Monitor des Labors im Erdgeschoss erscheinen Eier, die Embryonen von Darmwürmern in sich tragen.

All diese Geschöpfe möchte man nicht gerade im Haus haben, geschweige denn am oder gar im Körper. Doch genau darum geht es bei den Schwesterfirmen Biomonde und Biocure östlich von Hamburg. Der zweistöckige gelbe Ziegelbau im Vorort Barsbüttel beherbergt die weltgrößte Brutstätte medizinischer Maden. Gerade wächst das Angebot um Schweine-Peitschenwürmer – auch diese Parasiten taugen zur Arznei. Später im Jahr sollen die Blutegel fit sein, um – in alle Welt verschickt – beim Heilen zu helfen.

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Im Keller surrt das Kapital des jungen Unternehmens. In 50 Kästen summen 50000 Lucilia sericata, vulgo Schmeißfliegen, etwa so wie eine Klimaanlage auf mittlerer Stärke. Es ist warm, die hohe Luftfeuchtigkeit wird ständig kontrolliert, und es riecht wie manchmal auf Dachböden, nach Fliegendreck. „Der typische Eigengeruch“, sagt Gerd Mayer, Tierarzt und bei Biomonde zuständig fürs Marketing. „Das ist der größte Fliegenstall, den es in Deutschland gibt.“

Hier werden Fliegenmaden gezüchtet, die in Wunden zielgenau Kruste und krankhaftes Gewebe wegfressen, gesundes Fleisch aber verschonen. 100000 Euro setzt Biomonde monatlich mit ihnen um. Biochirurgie heißt die vornehme Umschreibung des Madeneinsatzes. „Biochirurgie gewinnt an Boden, auch wissenschaftlich“, sagt Theo Rufli, Dermatologe am Basler Kantonsspital. Die Maden helfen, wo Wunden mit multiresistenten Keimen infiziert sind oder einfach nicht zuheilen – etwa bei offenen Beinen von Diabetikern oder wund gelegenen Patienten.

Ein Biomonde-Mitarbeiter wirft ein kleines Stück in Gaze eingewickelte Leber in einen der gläsernen Käfige. Fliegenweibchen, die weiße Punkte ablegen, drängen sich um die Innerei. In freier Wildbahn platziert Lucilia sericata ihre Eier in Kadavern und wird daher auch „Leichenfliege“ genannt. Mit schmuddeliger Verwesung aber hat dies nichts zu tun. Für die Pharmazeuten in Barsbüttel ist Hygiene die größte Herausforderung der Madenproduktion. In Reinlaboren im Obergeschoss werden erbsengroße Klumpen aus Fliegeneiern vom Gewebe der Gaze gezupft – Biomonde verrät nicht, mit welcher Chemikalie die Klebekraft der Klumpen gelöst wird. Danach sehen die Eier aus wie Minireiskörner. Ein ebenfalls geheimer Reinigungsmix entfernt alle Keime, bevor vermummte Laboranten sie unter Lufthauben („Airflows“) in Petrischalen setzen, die einen Nährboden aus Pferdeblut enthalten. 20 Stunden lang geht es in den Brutschrank. Wenn bei rund 40 Grad Celsius die blinden, halb transparenten Maden dann schlüpfen, sind sie nur wenige Tage haltbar. Zu den Kunden reisen sie per Kurier.

Die Zahl der Hersteller im Maden-Geschäft ist klein. „Wir sind weltweit die Größten. Zusammen machen die anderen weniger als wir allein“, sagt Mayer. Nach eigenen Angaben verkauft Biomonde jährlich rund zweieinhalb Millionen Medizinmaden. Aber das ist nur das etablierte Kerngeschäft eines seit 70 Jahren bekannten Verfahrens, das gerade eine Renaissance erlebt. Weil biologische Therapeutika so gut laufen, soll jetzt noch ein weiteres lebendes Produkt auf den Markt kommen: Wurmeier gegen entzündliche Darmerkrankungen.

Allein 1,4 Millionen Wurmeier hält Maike Günther, Pharmazeutin bei Biomonde, in einer Hand: So viele enthält der schmale Glaskolben mit 50 Millilitern farbloser Lösung, gerade geliefert von einer Firma aus Kopenhagen. Diese ist darauf spezialisiert, aus Schweinen Peitschenwürmer (Trichuris suis) zu gewinnen, und aus denen wiederum Eier. Viele von ihnen enthalten entwicklungsfähige Embryonen. Im Nebenraum von Günthers Labor stehen bereits braune Glasfläschchen mit rotem Drehverschluss bereit, etwas kleiner als Tintenfässer. In diese werden die Embryonen abgefüllt, die Günther unter dem Mikroskop sortiert und mit einem Schluck Salzlösung versetzt, zum Trinken.

Im menschlichen Verdauungstrakt sollen die Parasiten schlüpfen und als Medikament namens TSO (für Trichuris suis ova) Patienten mit Morbus Crohn und mit Colitis Ulcerosa Linderung verschaffen. Die Selbsthilfeorganisation Deutsche Morbus Crohn/Colitis ulcerosa Vereinigung (DCCV) schätzt, dass 300000 Menschen in Deutschland unter diesen chronischen Darmentzündungen leiden. Für Betroffene bedeutet das Krämpfe, Durchfall, Blutungen. Viele sind auf Kortison oder Immunsupressiva angewiesen, mit oft erheblichen Nebenwirkungen. Die Patienten sind dankbar für jede sanftere Alternative.

Aber vor der milden Therapie steht der Ekel. „Die meisten Leute waren zuerst recht scheu. Da half es definitiv, dass die Eier kaum zu sehen sind“, berichtet Joel Weinstock von der Universität Iowa. Er entwickelt die TSO-Therapie, studiert ihren Einsatz und hat den Europavertrieb an Biocure lizenziert. Im Mai präsentierte er bei der Konferenz „Digestive Diseases Week“ neue Ergebnisse: Vier Patienten mit Morbus Crohn schluckten Wurmeier, dreien von ihnen verschafften die Parasiten eine deutliche Linderung. Auch drei Colitis Ulcerosa-Patienten verhalf er mit der Kur zu erhöhtem Wohlbefinden. „Deutliche Besserung, keine Nebeneffekte“, sagt Weinstock stolz – auch wenn die kargen Daten von sieben Patienten keinerlei statistischen Beweis liefern können, ob die Eiertherapie wirklich wirkt.

Die Idee für die Parasitenkur kam Weinstock, als ihm das globale Verteilungsmuster von Autoimmunkrankheiten wie Morbus Crohn auffiel. Diese kommen vor allem in hoch entwickelten Ländern vor, und zwar schwerpunktmäßig in Städten, dort, wo die Hygiene am größten und der Kontakt zu Parasiten am geringsten ist. „Zum ersten Mal in unserer Evolutionsgeschichte haben wir keine Würmer mehr. Das musste doch Konsequenzen haben!“ Seine Theorie: Die Wurmkur hilft, indem sie eine Immunabwehr provoziert. Es ist bekannt, dass die menschliche Körperfeuerwehr anders auf Bakterien oder Viren reagiert als etwa auf größere Störenfriede wie Würmer. Man weiß auch, dass sich diese beiden Reaktionen gegenseitig abmildern können. TSO als heilsame Stimulanz? Weinstock muss betonen, noch sei das alles hypothetisch. „Den exakten Wirkmechanismus kennen wir nicht.“

Die plausible Theorie steht auf wackligem Fundament. Weinstock ist der Einzige, der bisher über dieses Verfahren in einer Fachzeitschrift publiziert hat. Nur eine verschwindend geringe Anzahl von Patienten trank bisher den Sud: Zunächst nur 7, dann 29, schließlich 200 Patienten. Außerdem ist bekannt, dass sich die Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen mitunter selbst ohne Behandlung vorübergehend besser fühlen. Aus diesen Gründen lassen sich keine eindeutigen Aussagen treffen, ob die Kur wirklich hilft. Im Sinne einer statistisch gut abgesicherten Medizin hat Weinstocks Eiertherapie noch nicht mal die unterste Stufe der Beweiskraft erreicht. Das Ganze kann sich noch immer als lukrativ für die Firmen, aber nutzlos für den Patienten erweisen.

Dass der Ansatz trotzdem von der Forschergemeinde angenommen wird, könnte an dem geringen Nebenwirkungsrisiko liegen – und daran, dass die Parasitentheorie so schön plausibel klingt. „TSO könnte eine durchaus sinnvolle Ergänzung unseres Arsenals sein“, sagt Jan Buer, Professor für medizinische Mikrobiologie in Braunschweig. Den Darm sehen Forscher als Region, in der die Immunantwort des Körpers festgelegt wird. Werde die Wirkungsweise der Würmer entschlüsselt, könne man vielleicht auch anderen Autoimmunkrankheiten damit zuleibe rücken, hofft Buer. „Bis auf die Tatsache, dass ich diese Therapie unappetitlich finde, hätte ich aus medizinischen Gründen keine Einwände, einem Patienten TSO zu verabreichen“, sagt Frank Seibold, leitender Gastroenterologe am Inselklinikum in Bern. Er erwägt die Behandlung mit dem Wurm-Cocktail gerade für eine seiner Morbus-Crohn-Patientinnen. Aber auch Seibold hadert: „Es sind weitere, gute Studien notwendig, um Effektivität und Nebenwirkungen definitiv einschätzen zu können.“

„Wir haben unheimlich viele Anfragen und stellen uns auf einen großen Einstieg ein“, sagt indes die Pharmazeutin Günther von Biomonde. Sie macht sich auf viel Handarbeit gefasst: Die Eier werden chemisch gegen Keime behandelt, dann gewaschen, gezählt und abgefüllt, zwischen 500 und 2500 pro Glas – sobald das amtliche Okay eintrifft. Noch 2004 rechnet Gerd Mayer mit grünem Licht vom zuständigen Gesundheitsamt in Schleswig-Holstein. Dabei handele es sich allerdings bloß um eine Herstellungsgenehmigung für „Rezeptur-Arzneimittel“, Medikamente also, die individuell vom Arzt geordert werden. Es wäre dies keine Zulassung, wie sie Fertig-Arzneimittel benötigen, und auch noch kein Wirknachweis.

Währenddessen tüftelt in Freiburg die Firma Falk, Partnerin der Barsbüttler, an einer TSO-Tablette. Sie könnte, in Gelatine gehüllt, die Wurmkur als Fertig-Arzneimittel aus der Apotheke massenmarktfähig machen. Robust genug sind die Eier. Im Erdboden überleben sie über fünf Jahre lang. „Die Trinklösung als Rezeptur-Arzneimittel ist da sozusagen erst mal der Schnellschuss“, sagt Mayer. Denn die millionenteuren klinischen Studien zur Pille können Jahre dauern. Sie wäre eine Premiere. Noch nie habe ihrer Genehmigungsbehörde ein vergleichbares Produkt vorgelegen, sagt die in London ansässige European Medicines Agency (EMEA).

Und der Wurm? Trichuris suis wird in dem ihm fremden Zweibeiner nicht geschlechtsreif, vermehrt sich also nicht. Nach einigen Wochen Wohngemeinschaft zum Wohl des Wirts verlassen die Würmer ihn, abgestorben und, wie der Beipackzettel umschreiben wird, „auf natürliche Weise“. Unbemerkt. Nur der Gedanke daran verursacht ein Kribbeln.

 
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