Medizin Maden unter der HautSeite 2/2
Aber vor der milden Therapie steht der Ekel. „Die meisten Leute waren zuerst recht scheu. Da half es definitiv, dass die Eier kaum zu sehen sind“, berichtet Joel Weinstock von der Universität Iowa. Er entwickelt die TSO-Therapie, studiert ihren Einsatz und hat den Europavertrieb an Biocure lizenziert. Im Mai präsentierte er bei der Konferenz „Digestive Diseases Week“ neue Ergebnisse: Vier Patienten mit Morbus Crohn schluckten Wurmeier, dreien von ihnen verschafften die Parasiten eine deutliche Linderung. Auch drei Colitis Ulcerosa-Patienten verhalf er mit der Kur zu erhöhtem Wohlbefinden. „Deutliche Besserung, keine Nebeneffekte“, sagt Weinstock stolz – auch wenn die kargen Daten von sieben Patienten keinerlei statistischen Beweis liefern können, ob die Eiertherapie wirklich wirkt.
Die Idee für die Parasitenkur kam Weinstock, als ihm das globale Verteilungsmuster von Autoimmunkrankheiten wie Morbus Crohn auffiel. Diese kommen vor allem in hoch entwickelten Ländern vor, und zwar schwerpunktmäßig in Städten, dort, wo die Hygiene am größten und der Kontakt zu Parasiten am geringsten ist. „Zum ersten Mal in unserer Evolutionsgeschichte haben wir keine Würmer mehr. Das musste doch Konsequenzen haben!“ Seine Theorie: Die Wurmkur hilft, indem sie eine Immunabwehr provoziert. Es ist bekannt, dass die menschliche Körperfeuerwehr anders auf Bakterien oder Viren reagiert als etwa auf größere Störenfriede wie Würmer. Man weiß auch, dass sich diese beiden Reaktionen gegenseitig abmildern können. TSO als heilsame Stimulanz? Weinstock muss betonen, noch sei das alles hypothetisch. „Den exakten Wirkmechanismus kennen wir nicht.“
Die plausible Theorie steht auf wackligem Fundament. Weinstock ist der Einzige, der bisher über dieses Verfahren in einer Fachzeitschrift publiziert hat. Nur eine verschwindend geringe Anzahl von Patienten trank bisher den Sud: Zunächst nur 7, dann 29, schließlich 200 Patienten. Außerdem ist bekannt, dass sich die Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen mitunter selbst ohne Behandlung vorübergehend besser fühlen. Aus diesen Gründen lassen sich keine eindeutigen Aussagen treffen, ob die Kur wirklich hilft. Im Sinne einer statistisch gut abgesicherten Medizin hat Weinstocks Eiertherapie noch nicht mal die unterste Stufe der Beweiskraft erreicht. Das Ganze kann sich noch immer als lukrativ für die Firmen, aber nutzlos für den Patienten erweisen.
Dass der Ansatz trotzdem von der Forschergemeinde angenommen wird, könnte an dem geringen Nebenwirkungsrisiko liegen – und daran, dass die Parasitentheorie so schön plausibel klingt. „TSO könnte eine durchaus sinnvolle Ergänzung unseres Arsenals sein“, sagt Jan Buer, Professor für medizinische Mikrobiologie in Braunschweig. Den Darm sehen Forscher als Region, in der die Immunantwort des Körpers festgelegt wird. Werde die Wirkungsweise der Würmer entschlüsselt, könne man vielleicht auch anderen Autoimmunkrankheiten damit zuleibe rücken, hofft Buer. „Bis auf die Tatsache, dass ich diese Therapie unappetitlich finde, hätte ich aus medizinischen Gründen keine Einwände, einem Patienten TSO zu verabreichen“, sagt Frank Seibold, leitender Gastroenterologe am Inselklinikum in Bern. Er erwägt die Behandlung mit dem Wurm-Cocktail gerade für eine seiner Morbus-Crohn-Patientinnen. Aber auch Seibold hadert: „Es sind weitere, gute Studien notwendig, um Effektivität und Nebenwirkungen definitiv einschätzen zu können.“
„Wir haben unheimlich viele Anfragen und stellen uns auf einen großen Einstieg ein“, sagt indes die Pharmazeutin Günther von Biomonde. Sie macht sich auf viel Handarbeit gefasst: Die Eier werden chemisch gegen Keime behandelt, dann gewaschen, gezählt und abgefüllt, zwischen 500 und 2500 pro Glas – sobald das amtliche Okay eintrifft. Noch 2004 rechnet Gerd Mayer mit grünem Licht vom zuständigen Gesundheitsamt in Schleswig-Holstein. Dabei handele es sich allerdings bloß um eine Herstellungsgenehmigung für „Rezeptur-Arzneimittel“, Medikamente also, die individuell vom Arzt geordert werden. Es wäre dies keine Zulassung, wie sie Fertig-Arzneimittel benötigen, und auch noch kein Wirknachweis.
Währenddessen tüftelt in Freiburg die Firma Falk, Partnerin der Barsbüttler, an einer TSO-Tablette. Sie könnte, in Gelatine gehüllt, die Wurmkur als Fertig-Arzneimittel aus der Apotheke massenmarktfähig machen. Robust genug sind die Eier. Im Erdboden überleben sie über fünf Jahre lang. „Die Trinklösung als Rezeptur-Arzneimittel ist da sozusagen erst mal der Schnellschuss“, sagt Mayer. Denn die millionenteuren klinischen Studien zur Pille können Jahre dauern. Sie wäre eine Premiere. Noch nie habe ihrer Genehmigungsbehörde ein vergleichbares Produkt vorgelegen, sagt die in London ansässige European Medicines Agency (EMEA).
Und der Wurm? Trichuris suis wird in dem ihm fremden Zweibeiner nicht geschlechtsreif, vermehrt sich also nicht. Nach einigen Wochen Wohngemeinschaft zum Wohl des Wirts verlassen die Würmer ihn, abgestorben und, wie der Beipackzettel umschreiben wird, „auf natürliche Weise“. Unbemerkt. Nur der Gedanke daran verursacht ein Kribbeln.
- Datum 01.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 01.07.2004 Nr.28
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