pakistan Die Revolution der starken Frauen

In Pakistan kämpfen Pionierinnen der Gleichberechtigung hart und erfolgreich gegen die archaische Macht der Männer

Wie spricht man zu einer Burka? Am Anfang fällt es schwer. Als spräche man zu einem Zelt, ohne zu wissen, ob es bewohnt ist. In der Altstadt von Peschawar sitzen fünf Zelte reglos im Staub der Straße; senfgelb, aus schwerem Stoff. Die Augengitter sind auf Stapel von Fladenbrot gerichtet, die Brote liegen in der Auslage einer Bäckerei, es sind Brote für Arme, gleich werden sie an die Wartenden als Almosen verteilt. Es wäre noch Zeit für ein Foto. Ein Foto? Unter den Zelten bricht Unruhe aus, hastig kommen Zeigefinger hervor, fuchteln energisch, panisch: Nein! Als sei der schwere Stoff nicht Schutz genug, die Gesichter zu verbergen. Diese Frauen haben seit Generationen gelernt, dass sie ihre Ehre verlieren, wenn sie sich zeigen, und ihre Ehre ist zugleich die Ehre ihrer Männer.

Peschawar ist die Hauptstadt der Northwest Frontier Province, Pakistans Nordwesten. Afghanistan ist kaum eine Stunde Fahrt entfernt. Diesseits und jenseits der Grenze leben Paschtunen, sie haben eine strikte Auffassung darüber, was Frauen tun sollten und was nicht. Wer durch die Provinz fährt, kann eine Stunde aus dem Wagenfenster blicken, ohne eine Frau zu sehen.

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Vieles ist nicht sichtbar hier, auch die Revolution, die diese Verhältnisse sanft, aber nachhaltig zu erschüttern beginnt, schleicht sich kaum wahrnehmbar heran. Über dem Gesicht der dicken Eid Bibi liegt ein Schleier in doppelter Lage aus schwarzer Gaze. Ihre Burka ist zweiteilig und aus leichter Kunstfaser, das ist die modernere Variante. So verhüllt, geht die 52-jährige Landfrau öffentlichen Geschäften nach. Sie ist Mitglied eines Gemeinderats. Wenn Eid Bibi den schwarzen Schleier zurückschlägt, überrascht ihr fester Blick. Selbstsicher und ein wenig spöttisch fixiert sie ihr Gegenüber, beide Nasenflügel bewehrt mit blinkenden Messingkugeln. Nach dem Essen klaubt sie eine Sicherheitsnadel vom gewaltigen Busen und säubert sich mit Muße die Zähne.

Eid Bibi ist eine Pionierin, es gibt in ganz Pakistan derzeit genau 35088 solcher Pionierinnen; sie wurden in den vergangenen drei Jahren mit Hilfe einer Frauenquote in die Gemeinde-, Stadt- und Bezirksräte gewählt. Ein Drittel der Sitze für Frauen zu reservieren – das war eine Forderung pakistanischer Frauenorganisationen. Für alle überraschend, hat sie Pakistans Präsident erfüllt. General Pervez Musharraf, der sich selbst die Macht im Handstreich genommen hatte, wollte beweisen, dass er die Macht im Land gerechter verteilen will.

35088 Basis-Politikerinnen – noch nie hat es in einer patriarchalischen Gesellschaft einen solch abrupten Zuwachs an weiblicher Teilhabe gegeben. Die meisten dieser Frauen hatten vorher nichts mit Politik zu tun, viele sind sogar Analphabetinnen. In Pakistan können zwei Drittel der Männer lesen und schreiben, aber nur ein Drittel der Frauen.

„Die Leute glauben, Bildung für Mädchen ist gefährlich und gegen unsere Kultur. Sie sagen, wenn ein Mädchen schreiben kann, dann wird sie Liebesbriefe schreiben und will nicht den Cousin heiraten.“ Eid Bibi lacht ein bisschen in sich hinein. „Die Männer haben doch selbst so wenig Bildung, sie haben Angst, dass Frauen die Oberhand gewinnen.“ Bildung ist ein Zauberwort; wo immer man eine Gemeinderätin trifft, wird das Gespräch davon handeln: Schulen für Mädchen!

Politik heißt im ländlich-feudalen Pakistan vor allem Patronage. Wer gewählt werden will, verspricht handfeste Vorteile, einer Familie, einem Clan – und muss später liefern. So werden Gemeindeetats verschachert. Noch immer ziehen Männer in diesem Spiel die Fäden, machen die weit verzweigten Familienverbände zum Werkzeug ihrer Macht. Plötzlich steht jetzt Gesetz gegen Sitte, denn die Pionierinnen verletzen mit jedem Schritt uralte Regeln, nehmen sich unerhörte Freiheiten, beispielsweise den Besuch eines Wahlkreises. Manchmal fährt die dicke Eid Bibi im Allradwagen mit Fahrer, manchmal hat sie sogar einen Polizisten als Schutz dabei, mit aufgepflanztem Gewehr, und dann sehen die Frauen in den Dörfern mit Erstaunen, eine Frau kann wichtig sein.

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