München

Es fällt nicht schwer, Gesprächspartner zu finden, die etwas Unfreundliches über Markus Söder sagen. Der junge CSUler gilt als eitel und selbstgefällig, selbst Parteifreunde zweifeln mitunter an seinem intellektuellen Format. Als die Süddeutsche Zeitung vor ein paar Jahren über ihn berichten wollte, meldete sich ungefragt ein CSU-Abgeordneter in der Redaktion. Ob die Journalisten wüssten, wie man in der Landtagsfraktion über Söder spreche? Seit damals verfolgt ihn dieser Reim: "Blöd, blöder, Söder."

Nein, Markus Söder hat keinen guten Ruf, dafür aber einen ziemlich guten Job. Seit dem vergangenen Herbst ist der 37-Jährige Generalsekretär der CSU, auf dem Papier der wichtigste Mann in der Partei – hinter Edmund Stoiber. Söder ist Sprachrohr und Statthalter in einer Person; er organisiert Wahlkämpfe, koordiniert die tägliche Zusammenarbeit mit der CDU und erklärt bei Sabine Christiansen, warum Stoiber nicht Präsident der EU-Kommission werden will. Ganz nebenbei verkörpert er an prominenter Stelle den CSU-Politiker der nächsten Generation.

Eine "großartige Herausforderung, eine unglaublich schöne Aufgabe" sei dieses Amt, sprudelt Söder los, kaum hat er seine zwei Meter Körperlänge in die rustikale Sitzgarnitur gezwängt, die ihm sein Vorgänger im Büro hinterlassen hat. Überhaupt wirken Söder – im Anzug, aber ohne Krawatte – und seine jungen Mitstreiter in dem schmucklosen Bürobau ein wenig wie die Mitarbeiter einer PR-Agentur, die sich auf dem Weg zur After-Work-Party auf einem Tanztee verirrt haben. Natürlich, sagt Söder, habe seine Berufung auch etwas "mit einem innerparteilichen Generationenvertrag" zu tun; das Wort "Generationen wechsel" vermeidet er mit Absicht.

Denn noch ist Edmund Stoiber, 62, ja da. Allgegenwärtig, unangefochten und in der CSU, als Parteichef, kaum zu ersetzen. Dennoch haben die Positionskämpfe an Schärfe gewonnen, seit Stoiber immer öfter in Berlin ist und auch in München lieber über Bundes-politik spricht als über bayerische Belange. Ein Ende der Ära ist zwar noch nicht wirklich in Sicht, aber das Bewusstsein dafür, dass der Stoiberismus im Freistaat einmal zu Ende gehen wird, ist in den vergangenen Monaten deutlich gewachsen.

Markus Söder nun könnte dem Alter nach der Herold jener neuen Zeit sein, die am CSU-Horizont dämmert. Aber enger als jeder andere in seiner Generation hat er seine Karriere an Stoiber geknüpft, seit er 1994, mit 27 Jahren, zum ersten Mal in den Bayerischen Landtag gewählt wurde. Unter seiner Führung verherrlichte die Junge Union in Bayern den Ministerpräsidenten als "Captain Future"; Söder selbst bekannte: "Ich gebe zu, dass ich ihn (Stoiber) ziemlich klasse finde." Nun, da Stoiber ihn sozusagen auf Augenhöhe befördert hat, verbietet sich derart schlichte Bewunderung. "Sehr gut" sei das Verhältnis zum Parteivorsitzenden, "es macht mir Freude, mit ihm zu arbeiten. Ich lerne viel von ihm."

Die bedingungslose Gefolgschaft zu Stoiber ist der eine Quell, aus dem sich das Miss-trauen gegenüber Söder speist. Der andere ist die Art, wie er als JU-Chef und Vorsitzender der CSU-Medienkommission Politik – oder besser gesagt: Schlagzeilen – gemacht hat. Söder selbst weist zwar gern darauf hin, dass er im Landtag drei Jahre lang eine Enquete-Kommission zur Energiepolitik geleitet hat; aber kennzeichnend für seinen Politikstil war derart gründliche Arbeit am Thema bislang nicht. Eher vertraute der gelernte Fernsehredakteur auf die Fähigkeit, mit einem populären – oder bloß populistischen – Thema Aufmerksamkeit zu erregen. Söder engagierte sich öffentlich für den Erhalt des Sandmännchens ; eine Tatort- Folge attackierte der gebürtige Nürnberger mit dem durchaus ernst gemeinten Vorwurf antifränkischer Umtriebe; und die Debatte um eine bessere Integration von Ausländern bereicherte er mit dem Vorschlag, in den Schulen regelmäßig die Nationalhymne zu intonieren.

Ganz ablassen wird Söder von dieser Art der Öffentlichkeitsarbeit nicht; die plumpe Pointe gehört noch immer zur Stellenbeschreibung eines ambitionierten Generalsekretärs. Aber dass seine politische Arbeit einen Schuss Seriosität vertragen könnte, hat Söder begriffen. Vorbei sind die Zeiten, da er im Bundestagswahlkampf 2002 mit einem tonnenschweren "Stoiber-Truck" die deutschen Touristen an der Adria-Küste heimsuchte. Das Schicksal des einstigen Spaßpolitikers Westerwelle hat er deutlich vor Augen. "Die mediale Verpackung war vor ein paar Jahren noch wichtiger", sagt er und beschreibt seinen Reifungsprozess. "Heute wollen die Menschen von uns eigentlich nur eines wissen: Wie löst ihr die Probleme des Landes?"

Keine einfache Frage, schon gar nicht, wenn man sich gestern noch mit dem Sandmännchen befasst hat. Probehalber hat sich Söder zwei Themen herausgepickt, über die er nun bei seinen Reisen durch Bayern referiert – die Reform des Arbeitsmarktes und die "geistige Krise" des Landes. Leistungsbereitschaft, Fleiß und Disziplin: Mit einem ziemlich grob gewirkten Plädoyer für "unsere deutschen Tugenden" bemüht er sich, sein Image als smarter Flachdenker zu konterkarieren.

Reformen und Werte – mitunter verwirren sich die Themen auch, oder Söder verwirrt sie. "Ich fasse für den Einstieg mal zusammen: Ich bin ein leidenschaftlicher Patriot", beendet er dann einen kurzen Vortrag vor mittelständischen Unternehmern in Herzogenaurach. Wie tief das Misstrauen gegenüber der Politik mittlerweile sitzt, erfährt der CSU-Generalsekretär in der anschließenden Diskussion. Keiner der Mittelständler vergisst das Lob für seinen Vortrag; aber alle formulieren ihre Zweifel, ob eine CDU/ CSU-geführte Bundesregierung tatsächlich etwas besser machen würde. Ein Steuerberater meldet sich zu Wort: Er sei zwar CSU-Mitglied, "allein mir fehlt der Glaube".

Söder merkt wohl in solchen Situationen, wie groß die Herausforderung ist, die das Politiker-Dasein derzeit mit sich bringt. Doch er ist nicht der Typ, der sich davon auf Dauer niederdrücken lassen würde. "Es reicht nicht, nur zündende Ideen zu haben, man muss auch die handwerkliche Komponente beherrschen", sagt er. Konsens organisieren, die Geschlossenheit der Partei nach außen demonstrieren – es sind sehr traditionelle Antworten, mit denen Söder der grassierenden Politikverdrossenheit begegnet. Aber ob das reicht? Leichter als solche Überzeugungsarbeit fällt ihm allemal das Duell vor laufenden Fernsehkameras, bei dem er gegen den blassen SPD-Generalsekretär Klaus-Uwe Benneter zuverlässig punktet.

Noch nicht ganz trittsicher präsentiert sich Söder dagegen im Umgang mit der Schwesterpartei. Als unlängst bekannt wurde, dass Edmund Stoiber ein Angebot abgelehnt hatte, als EU-Kommissionspräsident zu kandidieren, kommentierte Söder ironisch: "Frau Merkel hat sich sicher auch gefreut, dass Edmund Stoiber der deutschen und bayerischen Politik erhalten bleibt." Prompt schallte es aus der CDU zurück, der CSU-Generalsekretär sei wohl "noch nicht trocken hinter den Ohren". Doch das sind Kleinigkeiten, Rempeleien unter Freunden.

Wichtiger für Söder ist, dass er jenseits der Vorbehalte, die ihn begleiten werden, sein Profil schärft und seine Position ausbaut – für den Tag X, an dem die Macht in der CSU neu verteilt wird. Jung genug, um sich in andere Ämter zu träumen, ist er allemal. Und als Netzwerker wird ihn niemand unterschätzen. Schon heute trifft der Generalsekretär in den Orts- und Kreisverbänden häufig auf Mandatsträger, die er bereits aus seiner Zeit als JU-Chef kennt. Die CSU im Jahr 2020? "Das Wurzelgeflecht für die Zukunft ist gelegt", stellt Söder fest. Ein Karrierist? Ein Stoiber-Groupie? Vor allem ist Söder ein Kind der CSU; er hat die Spielregeln der Partei aufmerksam studiert. "Söder weiß genau, welchen Platz er im System Stoiber besetzt", sagt einer, der ihn seit langem kennt. "Er muss nur den Zeitpunkt erwischen, an dem er Söder ist – und nicht mehr Stoibers Söder."