Fußball Sie haben uns links liegen lassen

Jahrelang hat Hans Schäfer kein Wort verloren über das Wunder von Bern. Jetzt bricht der Linksaußen der Weltmeistermannschaft von 1954 sein Schweigen. Und erzählt, warum das Wunder eigentlich gar keins ist

Herr Schäfer, Sie haben seit vielen Jahren öffentlich kein Wort mehr verloren über das Wunder von Bern. Warum nicht?

Weil der Erfolg von 1954 mit einem Wunder gar nichts zu tun hat. Das ist für mich kein Wunder. Es war einfach eine großartige Leistung einer großartigen Mannschaft, die dabei auch viel Glück gehabt hat. Ich distanziere mich übrigens auch von dem Begriff Helden. Ich weiß nicht, was unser Sieg mit Heldentum zu tun hat. Helden sind für mich Jungs, die an die Front gehen, kämpfen und sich eventuell auch noch erschießen lassen müssen, um das Vaterland zu retten. Aber es ist doch kein Heldentum, wenn ich ein Spiel gewinne, und sei es eine Weltmeisterschaft.

Sie hatten also nie das Gefühl, in der Nationalmannschaft eine besondere Aufgabe für Ihr Vaterland zu erledigen?

Doch, das hatte ich. Ich war Vertreter für Deutschland – selbstverständlich. Wir waren, wenn Sie so wollen, als Sportgesandte in der Welt. Dementsprechend mussten wir uns ja auch benehmen, auftreten. Vor allem nach einem verlorenen Krieg, nach dem die ganze Welt erst mal gegen die Deutschen war. Wir konnten nicht erwarten, dass sie uns mit offenen Armen aufnehmen.

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Ihre Mannschaftskameraden von damals erzählen gerne über das Wunder und verdienen damit Geld.

Ich habe gesagt, ich verkaufe mich nicht. Ich habe es nicht nötig. Und wenn die anderen das machen, ist das für mich traurig. Soll ich in meinem Alter noch für drei Mark fuffzich durch die Welt tingeln? Das mache ich nicht. Das ist mir zu billig.

Haben Sie damals daran gedacht, dass sich der Titel für Sie auszahlen könnte?

Wir haben in den 50 Jahren nach Bern nie etwas durch den Fußball verdient. Warum fangt ihr plötzlich nach 50 Jahren an und macht so ein Theater? Wer kannte denn den DFB, wer kannte die Firma adidas, wer kannte die Firma Puma? Die sind alle expandiert, haben hinterher Umsätze gemacht. Der Anfang war unser Sieg 1954. Alles hat sich plötzlich interessiert für den deutschen Fußball. Ich frage die Verantwortlichen beim DFB: Was habt ihr mit uns gemacht? Uns habt ihr alle paar Jahre zum Essen eingeladen, eine Erbsensuppe ohne Brötchen – und Ende. Aber die wirtschaftlichen Verhältnisse damals waren ja auch anders, und da hatte der DFB wohl keine Möglichkeit, uns etwas anderes zu bieten.

Und heute?

Heute sage ich: Wenn das so ein Wunder war und wenn das so wichtig für Deutschland und für den DFB war, dann habt ihr doch jetzt ’ne Chance, ein bisschen was gutzumachen und für die Jungs was zu tun. Ich weiß, was die brauchen: Die brauchen alle Geld. Man könnte einen Fonds bilden bei der Sepp-Herberger-Stiftung, in den der DFB einzahlt, die Firmen adidas und Puma und alle, die von unserem Sieg profitiert haben. Das habe ich jetzt auch dem Präsidenten Mayer-Vorfelder geschrieben.

Sie sind verbittert.

Ja. Von meiner Seite aus ist die Verbitterung da.

Nur wegen des Geldes? Oder sind Sie auch menschlich enttäuscht?

Ja, sehr. Vor vier Jahren bin ich mit meiner Frau zum 80. Geburtstag von Fritz Walter gefahren. Bei den Feierlichkeiten hat sich dann kein Mensch um uns gekümmert, da hat man meine Frau, mich und noch ein paar andere, zum Beispiel Alfred Pfaff oder die Frau von Jupp Posipal, einfach links liegen lassen.

Die Mannschaftskameraden von früher…

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