Jahrelang war der italienische Philosoph Giorgio Agamben in Deutschland nur ein Diskursgerücht. Während sein Buch Homo sacer Mitte der neunziger Jahre eine weit verzweigte Debatte entfachte, existierte hierzulande nicht einmal eine Übersetzung. Das Buch eines Philosophen, dem der Ruf vorauseilte, er wisse über die Nachtseite des abendländischen Rechts mehr zu sagen als alle Juristen zusammen, ließ auf sich warten, nicht Monate, sondern Jahre. Gerüchte schossen ins Kraut, und bald wurde das Ausbleiben von Homo sacer wichtiger als die Studie selbst.

Wo ein Gerücht ist, da schwelt auch ein Verdacht. Bald hieß es, der Suhrkamp Verlag lasse Agambens skandalumwittertes Buch in einer Mischung aus Vorsatz und Gleichgültigkeit auf dem Tisch des Übersetzers vergilben. Die Frankfurter Rundschau bemühte noch einmal ihren alten Widerspruchsgeist und setzte dunkle Andeutungen des Literaturwissenschaftlers Manfred Schneider in die Welt. Schon steckte das Milieu die Köpfe zusammen. Sabotiert Suhrkamp seinen Autor, weil er nicht zur Linie des Hauses passt, zum blitzblanken "Projekt der Moderne"? Weil Agamben behauptet, auch in Demokratien könne Recht in Unrecht umschlagen? Weil er Theoriestränge verknotet, die ersichtlich aus konservativen Seilschaften stammen?

Vor knapp zwei Jahren endlich erschien Homo sacer, und an deutschen Universitäten ist der 1942 geborene Agamben nun das, was man eine Zitierautorität nennt. Über Nacht hat der gelernte Jurist, der in Verona Philosophie lehrt und die italienische Benjamin-Ausgabe herausgibt, zahllose Forscherfantasien freigesetzt, wenngleich nicht immer zu seinem Vorteil. Denn noch ehe die akademische Öffentlichkeit seine extrem schwierigen Großessays überhaupt diskutieren konnte, baumelten sie schon im Spinnennetz intellektueller Träume. Agamben war eine Projektionsfigur, und auf einen wie ihn hatte man lange gewartet. Nachdem die Kulturwissenschaften im Klein-Klein der dichten Beschreibung stecken geblieben waren, musste er die Lust am düster Erhabenen befriedigen. Agamben sollte noch einmal jenen Generalschlüssel liefern, mit dem sich das verriegelte "Irrenhaus" der Moderne aufschließen lässt.

Etwas anderes kommt hinzu. Agambens Büchern, zuletzt seiner amerikakritischen Studie Ausnahmezustand, ist etwas höchst Seltenes widerfahren: Kurz nach ihrer Niederschrift sind sie auf gespenstische, ja unausdenkbare Weise von der Wirklichkeit bestätigt worden. Intensiv hatte man darüber gestritten, ob die von Agamben zitierte altrömische Figur des Homo sacer, des aller Rechte beraubten Menschen, heute noch irgendeine Bedeutung besitzt; die Bilder aus dem Lager Guantánamo Bay und die Folterungen im Gefängnis Abu Ghraib haben solche Fragen verstummen lassen. Eine Demokratie erlaubt Folter und fliegt Verdächtige in Diktaturen aus, wo sie gefügig gemacht werden. Eine Demokratie schafft ein rechtliches Niemandsland, in dem Menschen an der Hundeleine geführt werden – als das nackte, all seiner Bestimmungen entkleidete Leben, auf das weder die Genfer Konvention noch das Strafrecht Anwendung finden soll.

Genau das hatte Agamben in seinen Büchern immer behauptet. Auch in altehrwürdigen Demokratien entstehen Dunkelzonen des Rechts, also Ausnahmezustände, in denen die "nackte" Macht sich des nackten "Lebens" bemächtigt. Auch liberale Demokratien schaffen Räume, in denen das Recht aufhört, ein Recht für alle zu sein. Zum Beispiel die amerikanische Regierung, als sie im Februar 1942 nach dem Angriff auf Pearl Harbor die Grundrechte von 70000 amerikanischen Staatsbürgern japanischer Herkunft einschränkte. Oder eben Guantánamo Bay, wo Menschen wie "Biomasse" behandelt werden, als bloße "Wesen", die "juristisch weder eingeordnet noch benannt werden können". In dieser "höchsten Unbestimmtheit" sind sie vogelfrei, gleichsam lebende Tote in einer endlosen Gefangenschaft. Und erst jetzt, nach fast zwei Jahren, hat der Oberste Gerichtshof der USA festgestellt, dass die im Ausland festgenommenen Häftlinge doch der amerikanischen Rechtssprechung unterliegen – was ihnen etwa erlaubt, gegen die Inhaftierung zu klagen.

Nun könnte man feststellen, Guantánamo sei eine absolute Ausnahme und Folter ein Skandal, der auf das Fehlverhalten Einzelner zurückgehe. Mit dem Wesen der Demokratie und dem Wesen ihrer juristischen Ordnung habe dies nicht das Geringste zu tun. Dies aber bestreitet Agamben, und darin liegt die abgründigste seiner Provokationen. Die Aufhebung des Rechts, mithin der Ausnahmezustand, ist in seinen Augen keine Ausnahme, sondern haust vielmehr "regulär" im Herzen der legalen Demokratie, genauer: im Verhältnis von Recht und Wirklichkeit, Gesetz und "Leben". Denn wann immer ein bestimmtes Recht zur Anwendung komme, trifft es auf das vorgängige "Leben" – auf jene Fülle des Daseins, dem es nie ganz gerecht zu werden vermag.

Beides, der lauernde Ausnahmezustand des Rechts wie auch seine latente Ungerechtigkeit gegenüber dem "Leben", bezeichnet für Agamben das düstere Familiengeheimnis der Demokratie. Diesen Schatten kann sie nur verdrängen, oder um ein berühmtes Beispiel aus der Kinogeschichte zu wählen: Die Demokratie muss so handeln, wie es John Ford in seinem Film Der Mann, der Liberty Valance erschoss vorgeführt hat. Niemand darf erfahren, wie viel Gewalt, wie viel Faustrecht in die Gründung des Rechts eingeschossen sind. Niemand darf wissen, dass es einen "Bruch" schon bei der ersten Anwendung des Rechts gab, einen Ausnahmezustand bereits im Augenblick der demokratischen Gründung. Dieses "anomische Element", wie Agamben sagt, verleugnet die Demokratie, und sie muss es auch, damit ihr Selbstvertrauen keinen Schaden leidet. Oder wie es bei John Ford heißt: "Wenn die Legende zur Wahrheit geworden ist, dann druckt die Legende."

In Krisenzeiten wird der Ausnahmezustand zur Regel