Philosophie Das nackte LebenSeite 3/3
Die Freiheit, anders zu handeln und Rechtsbrüche zu revidieren, gehört für Agamben offenkundig ins Reich der liberalen Illusion, ganz so, als sei die Gegenwart das Opfer eines unentrinnbaren Seinsgeschicks: Weil das Abendland in seinen griechischen Anfängen das biologische Leben des Einzelnen vom politschen Körper des Staatsbürgers abtrennte, sind wir dazu verurteilt, unseren Ursprung einzuholen. Am Ende der Moderne steht wieder der Anfang – das nackte und schutzlose Leben.
Der Philosoph ist das Opfer seiner Vorentscheidungen
In solchen Passagen macht sich Agamben zum Opfer seiner Vorentscheidungen. Er kann gar nicht anders, als im Äußersten, etwa im Folterskandal von Abu Ghraib, immer schon das innerste Un-Wesen des Rechts zu sehen und in der Ausnahme seine Regel. Doch Abu Ghraib und Guantánamo sind Amerikas Schande, nicht seine Norm. Das Recht wurde gebrochen, und zwar von verantwortlichen Politikern und nicht von einem anonymen „Subjekt“, das in der Lücke zwischen „Gesetz und Anwendung“ haust und unter dem Namen „Ausnahmezustand“ durch die Geschichte geistert.
Wer nach den geheimen Wurzeln dieser fundamentalistischen Rechtskritik sucht, wird sie vielleicht in der politischen Romantik finden, also in der Vorstellung, alles Recht, mag es noch so gerecht sein, müsse dem Dasein etwas nehmen, bis sich am Ende ein abstraktes „Recht ohne Leben“ und ein abstraktes „Leben ohne Recht“ gegenüber stehen. In der Tat gehört es zu Agambens metaphysischer Überzeugung, es gebe in Rechtsverhältnissen keinen „wahren“ Frieden – der nämlich existiere nur, wie es in seiner Sammlung Idee der Prosa heißt, jenseits von „Rechtsansprüchen“ und Vereinbarungen.
Agambens Gespür für die Dialektik von Recht und Leben ist bewundernswert, doch möglicherweise täuscht sich das Publikum in ihm. Denn dem luziden Kritiker amerikanischer Machtpolitik geht es weniger um das Recht als um das Offene des Menschen, um sein uneinholbares Leben. Dieses „Leben“ markiert bei ihm jene pathetische Leerstelle, an der alle Bestimmungen schweigen und alle Begriffskohorten sich in Demut verneigen müssen.
Wie es um die Bestimmung des Unbestimmten bestellt ist, wird man erst in Erfahrung bringen, wenn Agamben mit dem Buch Kindheit und Geschichte sein Homo-sacer-Projekt zum Abschluss bringt. Bis dahin lesen wir ihn als einen Klagenden, der aus dem normativen Niemandsland herüberruft und der Gegenwart die Rechnung aufmacht: weil sie ihre schöpferische Kraft allein in atemlose Selbsterhaltung verschwendet, in Kampf und Abwehr und Ökonomie. Weil sie sich nicht mehr um das Leben sorgt, sondern allein um das Überleben – für ein Dasein ohne Glück und eine Rationalität ohne Sinn.
- Datum 01.07.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie sachbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 01.07.2004 Nr.28
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