Die sadistischen Spiele des Meisterschülers L.
Mobbing in Dänemark: In dem Film »The Five Obstructions« schikaniert Lars von Trier seinen verehrten Lehrmeister Jørgen Leth
Eigentlich geht es bei ihm immer um alles. Und so steht in Lars von Triers Essayfilm auch gleich die ganze Kunst des Filmemachens auf dem Prüfstein. Das macht das Unternehmen, bei dem der in Dänemark als Regisseur wie als Sportkommentator und Dichter bekannte Jørgen Leth fünf neue Varianten seines Kurzfilms (1967) nach Triers Anweisungen abliefern soll, so tollkühn und unverschämt zugleich. ist nicht nur das Making Of dieser fünf Variationen, sondern zugleich ihre Interpretation und Kritik. Ein kubistisches Experiment der Perspektiven, Konzepte und Widersprüche. Es verhandelt die Grundsätze zweier Filmemacher, ihr Scheitern, ihre Erfolge und die heiligen Momente, in denen etwas Wahrhaftiges ihr Kinobild durchwirkt. Es geht um die Posen der Distanz und die künstlerische Faulheit, die in der Perfektion gemästet wird. Leth soll sich mit seiner wunderbar scharfsinnigen Betrachtung von damals über Modernität, Konsum und verdrängte Natur nicht zufrieden geben. Er soll das Fertige der Unordnung eines wüsten Work-in-Progress gegenüberstellen.
Und weil Lars von Trier, der Mitbegründer von Dogma 95, nichts so sehr liebt wie striktes Regelwerk, gibt er seinem Probanden vertrackte Produktionsbedingungen mit auf den Weg. Mal soll er am elendsten Ort der Welt drehen – Leth wählt den Rotlichtdistrikt von Bombay. Mal muss es unbedingt ein Animationsfilm werden – eine Gattung, die beide verabscheuen. Dann wieder verordnet Trier spastische 12 Bilder (statt der üblichen 24) pro Sekunde.
The Five Obstructions ist eine doppelte Provokation. Nicht nur, weil es Triers verehrtem Lehrmeisters Leth praktische Übungen zur Bewusstmachung seiner künstlerischen Überzeugung abverlangt. Es ist eine Unverschämtheit, für die Trier mit seiner ganzen, hier absichtlich maliziös inszenierten Person steht. Mit schmuddeligem TShirt sitzt er hinter seinem Schreibtisch, doziert über Schauspieler und die Kunst der Ellipse. Dann kratzt er sich seinen Dreitagebart und erteilt neue Kommandos. Auch Robert Bresson (auf den sich Trier hin und wieder beruft), der nicht selten mit aufrichtiger Verachtung über das Kino der anderen sprach, hat man diese Impertinenz nachgesagt.
Von Triers selbstherrliche Anmaßungen, mit denen er seinem Kollegen eine Therapie angedeihen lässt, sind stellenweise schwer erträglich. Man wünscht sich, Jørgen Leth würde dem Quälgeist gehörig über den Mund fahren. Doch Trier, der seinen verwegenen Ruf als Gelegenheitssadist immer genossen hat, ist nur allzu gern der Schurke, und Leth ist mit seiner distanzierten Freundlichkeit, die ihre eigenen Tricks hat, alles andere als ein hilfloses Opfer. Und ganz sicher ist er kein real existierendes Pendant zu all den Märtyrerinnen, die Trier in seinen Filmen sonst auf den Passionsweg schickt.
Nicht zuletzt diese Rollenverteilung macht das Experiment zu einem ebenso zwiespältigen wie faszinierenden, gelegentlich komischen Schauspiel. Dass Trier auch die briefliche Klage über sein eigenes Benehmen amüsiert aufnimmt und damit spielerisch seinen Kontrollzwang zu erkennen gibt, verschiebt das Szenenlicht vom »Patienten« bald auf den »Therapeuten«. So bleibt The Five Obstructions bei allen Kniefällen, Zumutungen und Herausforderungen an Triers cineastischen Lehrer Leth immer auch das Selbstporträt des schwer genießbaren, aber immer wieder verblüffenden Künstlers Lars von Trier.
- Datum 08.07.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 08.07.2004 Nr.29
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