zeitgeschichte Freiheit für die Juden

Der 14. Juli 1789, der Tag des Bastillesturms, ist der Gründungstag des freien Europa. Auch den Juden brachte die Französische Revolution erstmals gleiche Rechte

Der große Aufbruch von 1789 – er hatte unter den Juden Frankreichs und Deutschlands noch nach Generationen einen magischen Klang. Heinrich Heine und Karl Marx, Léon Blum, Walter Benjamin und Gertrud Kolmar beschwören in ihren Schriften immer wieder diesen Augenblick, diese Zäsur. Denn die Revolution befreite erstmals in einem Land Europas die Juden mit einem Schlag von jahrhundertealter Unterdrückung und Angst und machte sie zu gleichwertigen Staatsbürgern einer Demokratie. Mehr noch: die siegreichen Revolutionsheere, später sogar Napoleon, trugen im Zeichen von »Liberté, Egalité, Fraternité« die Judenemanzipation auch in das feudalistische, von Kleinstaaterei gedrückte Deutschland. Die verhasste alte Ordnung, die Ghettos, die Leibzölle, die Sondersteuern, die Schikanen bei Reisen, Niederlassung und Familiengründung, die Behinderungen beim Beten, bei Berufswahl und Bildung, die ebenso umfassende wie alltägliche Diskriminierung durch Ämter und Behörden, das alles war mit einem Schlag beseitigt.

Der jüdische Komponist Friedrich Gernsheim zeigte seiner Tochter noch 1912 bei einem Besuch seiner Vaterstadt Worms den Ort, an dem in seiner Kindheit das Judengefängnis gestanden hatte. Es war ein einstöckiges Gebäude, in dem die Obrigkeit solche Juden einsperrte, die sich dem »Judenzoll« entziehen wollten, einem Leibzoll, der auf Juden wie auf Vieh erhoben wurde. Als die Revolutionsarmeen nach der Wende bei Valmy im September 1792 ins Rheinland vorgestoßen waren und auch das alte Worms besetzt hatten (wo schon im Mittelalter so berühmte jüdische Gelehrte wie der Talmud- und Bibelkommentator Raschi oder der Kabbalist Eleasar von Worms gewirkt hatten), schlugen die Soldaten die Erklärung der Menschenrechte an ebendiesem Judengefängnis an. Dann verlasen sie sie laut, les droits de l’homme, und erklärten die Gleichheit aller Menschen und Bürger in Worms. Gernsheims Großvater kletterte daraufhin auf eine Leiter und zertrümmerte das Schild »Judengefängnis« mit dem Beil: Ein Jude erkannte die Zeichen der neuen Zeit und zerschlug ein verhasstes Symbol der jahrhundertealten Knechtschaft. Die Revolution hatte ihn befreit.

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Auch das benachbarte Mainz war von den Franzosen besetzt worden, der Kurfürst geflohen. Gleich danach, im Oktober 1792, bildete sich hier eine Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit, ein Klub nach Pariser Vorbild, dem im selben Monat noch der 24-jährige jüdische Geldmakler und Hofagent Nathan Maas beitrat. Am 3. November halfen Maas und der Weisenauer Jude Isaak Beer zusammen mit anderen Bürgern – christlichen Handwerkern, Geistlichen, Akademikern – bei der Aufrichtung des ersten Freiheitsbaumes auf dem Mainzer Höfchen, nahe dem Dom.

Die Freunde der Republik feierten sich selbst und machten sich Mut. Doch in dieFreiheitsfanfaren mischten sich Misstöne. Nathan Maas wurde von einem Rabbiner gebannt und, allerdings folgenlos, aus der Gemeinde ausgeschlossen. Der Pakt von Juden mit der Revolution war den frommen Traditionalisten nicht geheuer, bedeutete er doch den gefährlichen Abbruch eines Sonderverhältnisses zwischen Juden und einer christlichen Obrigkeit, die gegen Barzahlung und Gehorsam den Schutz der Gemeinden vor dem christlichen Pöbel garantierte. Hier war das Verhalten von Maas tatsächlich revolutionär, denn er verwirklichte politische Gleichheit als jüdischer Republikaner und erkannte die vermeintlich gottgegebenen Herrschaftsverhältnisse nicht mehr an. Die aus Frankreich importierte Demokratie entmachtete nicht nur den Mainzer Erzbischof als Landesfürsten, sie entmachtete zugleich auch den Rabbiner als die von der christlichen Obrigkeit eingesetzte und akzeptierte traditionelle religiöse und juristische Autorität, welche die innerjüdischen Angelegenheiten regelte.

Das Aufrichten des Freiheitsbaumes und die Debatten im Mainzer Klub waren vermutlich die erste öffentliche, gleichberechtigte Teilnahme von Juden am politischen Leben in Deutschland. Widerwillig zollten diesem Umstand auch die judenfeindlichen Flugschriften der Revolutionsgegner Anerkennung, indem sie die Beteiligung sogar von Juden an den Umtrieben in Mainz als besonders schändlich attackierten. Hier feiert eine Rhetorik der politischen Rechten Urständ, die »Jude« und »Revolutionär« in eins setzt. Sie wird, historisch falsch, aber wirksam, seit mehr als zwei Jahrhunderten in immer neuen Variationen wiederholt – bis hin zur Dämonisierung jüdischer Politkommissare in der Sowjetunion zu Agenten des jüdischen »Tätervolks« durch den Fuldaer Bundestagsabgeordneten Hohmann.

Tatsächlich waren die Juden Europas 1789 auf ihre volle, demokratische Emanzipation überhaupt nicht vorbereitet. Die Honoratioren und Schtadlanim wollten im Namen der Aufklärung die in den verschiedenen Monarchien Europas erreichten rechtlichen Ausnahmeregelungen erhalten und erweitern – der Sturz der Monarchie, dazu Demokratie, Wahlrecht und die politische Souveränität lagen ganz außerhalb ihres Erwartungshorizonts und wurden nirgendwo gefordert.

Um 1789 lebten circa 40.000 Juden im Reich Ludwigs XVI., obwohl königliche Edikte von 1394 und 1615 die Ansiedlung von Juden auf dem Territorium Frankreichs untersagt hatten und sie vertrieben worden waren. Eine Ausnahme bildeten Avignon und das Comtat Venaissin, die den Päpsten unterstanden. Sie hatten den Juden die Anwesenheit dort gestattet. Außer in Avignon gab es unter dem Ancien Régime lediglich in Bordeaux und dem Südwesten sowie in Elsaß-Lothringen nennenswerte Gemeinden, in Paris selbst lebten nur einige jüdische Familien.

Aus Moses Dobruška alias Edler von Schönfeld wird Junius Frey

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