Der große Aufbruch von 1789 – er hatte unter den Juden Frankreichs und Deutschlands noch nach Generationen einen magischen Klang. Heinrich Heine und Karl Marx, Léon Blum, Walter Benjamin und Gertrud Kolmar beschwören in ihren Schriften immer wieder diesen Augenblick, diese Zäsur. Denn die Revolution befreite erstmals in einem Land Europas die Juden mit einem Schlag von jahrhundertealter Unterdrückung und Angst und machte sie zu gleichwertigen Staatsbürgern einer Demokratie. Mehr noch: die siegreichen Revolutionsheere, später sogar Napoleon, trugen im Zeichen von "Liberté, Egalité, Fraternité" die Judenemanzipation auch in das feudalistische, von Kleinstaaterei gedrückte Deutschland. Die verhasste alte Ordnung, die Ghettos, die Leibzölle, die Sondersteuern, die Schikanen bei Reisen, Niederlassung und Familiengründung, die Behinderungen beim Beten, bei Berufswahl und Bildung, die ebenso umfassende wie alltägliche Diskriminierung durch Ämter und Behörden, das alles war mit einem Schlag beseitigt.

Der jüdische Komponist Friedrich Gernsheim zeigte seiner Tochter noch 1912 bei einem Besuch seiner Vaterstadt Worms den Ort, an dem in seiner Kindheit das Judengefängnis gestanden hatte. Es war ein einstöckiges Gebäude, in dem die Obrigkeit solche Juden einsperrte, die sich dem "Judenzoll" entziehen wollten, einem Leibzoll, der auf Juden wie auf Vieh erhoben wurde. Als die Revolutionsarmeen nach der Wende bei Valmy im September 1792 ins Rheinland vorgestoßen waren und auch das alte Worms besetzt hatten (wo schon im Mittelalter so berühmte jüdische Gelehrte wie der Talmud- und Bibelkommentator Raschi oder der Kabbalist Eleasar von Worms gewirkt hatten), schlugen die Soldaten die Erklärung der Menschenrechte an ebendiesem Judengefängnis an. Dann verlasen sie sie laut, les droits de l’homme, und erklärten die Gleichheit aller Menschen und Bürger in Worms. Gernsheims Großvater kletterte daraufhin auf eine Leiter und zertrümmerte das Schild "Judengefängnis" mit dem Beil: Ein Jude erkannte die Zeichen der neuen Zeit und zerschlug ein verhasstes Symbol der jahrhundertealten Knechtschaft. Die Revolution hatte ihn befreit.

Auch das benachbarte Mainz war von den Franzosen besetzt worden, der Kurfürst geflohen. Gleich danach, im Oktober 1792, bildete sich hier eine Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit, ein Klub nach Pariser Vorbild, dem im selben Monat noch der 24-jährige jüdische Geldmakler und Hofagent Nathan Maas beitrat. Am 3. November halfen Maas und der Weisenauer Jude Isaak Beer zusammen mit anderen Bürgern – christlichen Handwerkern, Geistlichen, Akademikern – bei der Aufrichtung des ersten Freiheitsbaumes auf dem Mainzer Höfchen, nahe dem Dom.

Die Freunde der Republik feierten sich selbst und machten sich Mut. Doch in dieFreiheitsfanfaren mischten sich Misstöne. Nathan Maas wurde von einem Rabbiner gebannt und, allerdings folgenlos, aus der Gemeinde ausgeschlossen. Der Pakt von Juden mit der Revolution war den frommen Traditionalisten nicht geheuer, bedeutete er doch den gefährlichen Abbruch eines Sonderverhältnisses zwischen Juden und einer christlichen Obrigkeit, die gegen Barzahlung und Gehorsam den Schutz der Gemeinden vor dem christlichen Pöbel garantierte. Hier war das Verhalten von Maas tatsächlich revolutionär, denn er verwirklichte politische Gleichheit als jüdischer Republikaner und erkannte die vermeintlich gottgegebenen Herrschaftsverhältnisse nicht mehr an. Die aus Frankreich importierte Demokratie entmachtete nicht nur den Mainzer Erzbischof als Landesfürsten, sie entmachtete zugleich auch den Rabbiner als die von der christlichen Obrigkeit eingesetzte und akzeptierte traditionelle religiöse und juristische Autorität, welche die innerjüdischen Angelegenheiten regelte.

Das Aufrichten des Freiheitsbaumes und die Debatten im Mainzer Klub waren vermutlich die erste öffentliche, gleichberechtigte Teilnahme von Juden am politischen Leben in Deutschland. Widerwillig zollten diesem Umstand auch die judenfeindlichen Flugschriften der Revolutionsgegner Anerkennung, indem sie die Beteiligung sogar von Juden an den Umtrieben in Mainz als besonders schändlich attackierten. Hier feiert eine Rhetorik der politischen Rechten Urständ, die "Jude" und "Revolutionär" in eins setzt. Sie wird, historisch falsch, aber wirksam, seit mehr als zwei Jahrhunderten in immer neuen Variationen wiederholt – bis hin zur Dämonisierung jüdischer Politkommissare in der Sowjetunion zu Agenten des jüdischen "Tätervolks" durch den Fuldaer Bundestagsabgeordneten Hohmann.

Tatsächlich waren die Juden Europas 1789 auf ihre volle, demokratische Emanzipation überhaupt nicht vorbereitet. Die Honoratioren und Schtadlanim wollten im Namen der Aufklärung die in den verschiedenen Monarchien Europas erreichten rechtlichen Ausnahmeregelungen erhalten und erweitern – der Sturz der Monarchie, dazu Demokratie, Wahlrecht und die politische Souveränität lagen ganz außerhalb ihres Erwartungshorizonts und wurden nirgendwo gefordert.

Um 1789 lebten circa 40.000 Juden im Reich Ludwigs XVI., obwohl königliche Edikte von 1394 und 1615 die Ansiedlung von Juden auf dem Territorium Frankreichs untersagt hatten und sie vertrieben worden waren. Eine Ausnahme bildeten Avignon und das Comtat Venaissin, die den Päpsten unterstanden. Sie hatten den Juden die Anwesenheit dort gestattet. Außer in Avignon gab es unter dem Ancien Régime lediglich in Bordeaux und dem Südwesten sowie in Elsaß-Lothringen nennenswerte Gemeinden, in Paris selbst lebten nur einige jüdische Familien.

Aus Moses Dobruška alias Edler von Schönfeld wird Junius Frey

Die Juden von Bordeaux stammten von spanischen und portugiesischen Flüchtlingen ab. Seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren sie – zumeist erfolgreiche, gebildete und wohlhabende Kaufleute – wieder selbstbewusst an die Öffentlichkeit getreten, ausgestattet mit königlichen Schutzbriefen und Privilegien. Die Juden im Osten Frankreichs hingegen waren "Beutefranzosen", erst Ende des Dreißigjährigen Krieges Untertanen des französischen Königs geworden, nachdem der Kaiser das Elsaß im Westfälischen Frieden an Frankreich weitestgehend abgetreten hatte. Es waren ebenso arme wie fromme Landjuden; die Ansiedlung in den Städten blieb ihnen verwehrt. Immer wieder und besonders bei Missernten wurden gegen sie Vorwürfe des Wuchers laut und entluden sich in Gewaltakten, da viele Bauern bei Juden verschuldet waren und die Zinsen nicht zahlen konnten. Ihre im Vergleich zu den religiös liberalen und wohlhabenden "Portugiesen" in Bordeaux miserable Lage brachte die Elsässer im späten 18. Jahrhundert dazu, in Eingaben und Denkschriften an den König auf die Verbesserung ihrer Situation zu dringen. Sie wollten Gewerbe- und Niederlassungsfreiheit, wollten endlich Schulen und forderten, die Sondersteuern abzuschaffen. Eine Revolution planten sie nicht.

Es war ein an Moses Mendelssohn in Berlin geschicktes Mémoire der elsässischen Juden, das den preußischen Reformbeamten Christian Wilhelm Dohm 1781 zu seiner Schrift Ueber die bürgerliche Verbesserung der Juden inspirierte. Dieses berühmteste Manifest der europäischen Aufklärung zugunsten der Gleichberechtigung der Juden wurde unter dem Titel De la réforme politique des juifs postwendend von Jean Bernoulli übersetzt und 1782 in Frankreich publiziert. Dohms Ziel ist es, die Juden durch religiöse, rechtliche, berufliche, schulische und wirtschaftliche Gleichstellung zu "nützlicheren Gliedern der bürgerlichen Gesellschaft" zu machen. Nicht demokratische Rechte, politische Souveränität, strebte Dohm an, sondern die "bürgerliche Verbesserung" der Juden als ökonomisch nützliche Untertanen einer spätabsolutistischen Monarchie.

Seine Forderung wurde auch von der Haskala, der jüdischen Aufklärungsbewegung, übernommen, die sich nach 1770 Berlin im Kreis um Mendelssohn gebildet hatte. Der Haskala, durch königlich privilegierte jüdische Kaufleute, Manufakturbesitzer und Bankiers finanziert und getragen, ging es vor allem um Eigentumsschutz, Niederlassungs- und Handelsrechte, Bildung und die intellektuelle Anerkennung der Juden unter christlichen Monarchen; von Demokratie war nicht die Rede.

So kamen der Fall der Bastille am 14.Juli 1789, die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte am 26. August 1789 und die damit verbundene Entmachtung Ludwigs XVI. auch für diese jüdischen Aufklärer überraschend. Allerdings: Noch waren die Juden außen vor; die Déclaration schloss ihre Emanzipation nicht mit ein. Doch jüdische Repräsentanten in der konstituierenden Nationalversammlung ergriffen jetzt die große Chance und erreichten nachträglich, am 28.Januar 1790, die Emanzipation der Juden von Bordeaux, am 27.September 1791 dann die aller Juden auf französischem Boden.

Gemäß dem berühmten Diktum des Abgeordneten Stanislas de Clermont-Tonnerre, den Juden müsse man "als Nation […] alles verweigern, den Juden als Individuen hingegen alles gewähren", war für diese revolutionäre Entwicklung jedoch ein Preis zu zahlen: Sie wurden nur als Individuen und nur unter der Bedingung, dass sie auf einen eigenen Status als Gemeinde und Nation verzichteten, zu gleichberechtigten Citoyens erklärt. Sie sollten, so bekräftigte es Napoleon 1806, keine Nation in der Nation bilden.

Trotz dieser Bedrohung ihrer kollektiven Identität optierten die meisten französischen Juden von 1791 an für die Revolution. Als im Sommer 1792 Reichstruppen in Frankreich einrückten, kämpften sie in den eilig aufgestellten Freiwilligenheeren für das freie Vaterland: Allons enfants de la patrie!

Paris wurde jetzt ein Wallfahrtsort für Revolutionsanhänger und Abenteurer aus aller Herren Länder, auch für Juden. Gershom Scholem berichtet uns von dem Frankisten Moses Dobruška aus Mähren, der zunächst als Freimaurer und Heereslieferant unter dem Namen Franz Thomas Edler von Schönfeld in Wien geadelt worden war, dann die Seiten wechselte und 1792 über Straßburg nach Paris kam. In Frankreich nahm er seinen dritten Namen an, Junius Frey (!), und wurde Jakobiner. In den Auseinandersetzungen zwischen den Revolutionsfraktionen geriet Dobruška alias Edler von Schönfeld alias Frey schließlich unter Korruptions- und Spionageverdacht, wurde verhaftet und im April 1794, auf dem Höhepunkt des Robespierreschen Tugendterrors, guillotiniert. Dobruškas Schicksal zeigt, nach Scholems Ansicht, eine exemplarische Vita zwischen osteuropäischer Kabbala und dem Eintritt der Juden ins politische Leben der Moderne, in der sie nach Jahrhunderten der Abwesenheit wieder selbst Geschichte machen.

Dabei verschlechterte sich in jenen Tagen der terreur auch ihre Lage. Nicht wenige der armen und frommen elsässischen Landjuden hatten die neuen Freiheiten genutzt, um nach Paris und in andere Städte zu ziehen. Aber unter dem religionsfeindlichen Regime der Jakobiner wurden nicht nur Kirchen, sondern auch Synagogen in Ställe und Lagerhallen verwandelt. Sonntag und Sabbat, jeglicher Religionsunterricht sollten verschwinden, die Feiertage wurden profaniert. Neben Priestern fielen Rabbiner dem Terror zum Opfer, jüdische Notabeln gerieten wegen ihrer Verbindungen ins Ausland, zum Ancien Régime, den Girondisten oder emigrierten Adligen in Bedrängnis, manche starben auf dem Schafott. Erst der Sturz Robespierres, des "Unbestechlichen", am 27. Juli 1794 machte diesem Albdruck ein Ende.

Saul Ascher kämpft vergeblich gegen die fanatischen Nationalisten

Die jüdischen Aufklärer in Berlin, Prag und Wien hatten von alledem Kunde und wurden in ihrer allgemein skeptischen Haltung bestätigt. Sie beobachteten die Ereignisse in Frankreich aus der Distanz, blieben loyal gegen ihre Landesherren, vertrauten nach wie vor auf den aufgeklärten Fürsten und drängten weiter auf "bürgerliche Verbesserung". Trotz der Niederlage der deutschen Koalitionstruppen gegen die Soldaten der Revolution war ein Umsturz in Preußen vollkommen unwahrscheinlich. Weder die jüdischen Honoratioren noch die jüdischen Aufklärer dachten daran.

Für die Haskala in Preußen, die nach Mendelssohns Tod von den Kaufleuten Daniel Itzig und David Friedländer angeführt wurde, war der Kampf gegen die orthodoxen Rabbiner und die Verbreitung der innerjüdischen Aufklärung nach Osteuropa, die Einrichtung von Schulen und die Etablierung eigener Zeitschriften und Druckereien ein viel naheliegenderes und vor allem realistischeres Ziel. Und sie war mit diesem Reformismus bei der Obrigkeit letztlich erfolgreich, obwohl der Reformeifer der preußischen Beamten durch die Ereignisse in Frankreich und die nachfolgenden Kriege stark gedämpft und die Verabschiedung des vergleichsweise fortschrittlichen preußischen Landrechts von 1791 um Jahre hinausgezögert wurde. Erst 1794 trat es in einer konservativ entschärften, wenn nicht gar deformierten Fassung in Kraft.

Doch es gab auch erklärte jüdische Republikaner. Der Berliner Buchhändler Saul Ascher war der prominenteste unter ihnen, als Buchautor, Pamphletist und Redakteur. In seinem Leviathan (1792) fordert er die Reform der jüdischen Religion gegen die Widerstände der Rabbiner; seine die Französische Revolution rechtfertigende und reflektierende Schrift Ideen zur natürlichen Geschichte der politischen Revolutionen publizierte er wegen eines Verbots durch die preußische Zensur 1802 anonym – schon das Wort Revolution im Titel hatte ausgereicht, die Obrigkeit zu alarmieren.

Seine Streitschrift mit dem trefflichen Titel Germanomanie (1815), welche den Franzosen- und Judenhass der Romantiker ebenso hellsichtig attackiert wie jene germanische Mythen spinnende Gedankenwelt der fanatischen Deutschtümler um Friedrich Ludwig Jahn und Ernst Moritz Arndt, wurde von Burschenschaftlern auf dem Wartburgfest 1817 verbrannt. Nur die jüdischen Zeitgenossen selbst haben ihn nicht beachtet. Der junge Heine (der als rheinländischer Jude allerdings wusste, was er den Franzosen verdankte) beschreibt 1826 den einsamen, aber aufrechten alten Ascher als Fossil der versunkenen Aufklärungsepoche: "Vernunft! Wenn ich jetzt dieses Wort höre, so sehe ich noch immer den Doctor Saul Ascher mit seinen abstrakten Beinen, mit seinem engen, transcendentalgrauen Leibrock […]. Dieser Mann, tief in den Funfzigern, war eine personifizierte gerade Linie …"

Der Aufstieg und die Siege Napoleons, allemal die französische Besatzung überall in Europa verschärften bei vielen deutschsprachigen Juden eine Ablehnung der Revolution. Obwohl das neue Gesetzbuch, der Code Napoléon, die Situation der Juden in den besetzten Gebieten erheblich verbesserte (und sie etwa im Königreich Westfalen, unter Napoleons Bruder Jérôme, schon 1808 den Nichtjuden gleichgestellt wurden), blieben sie zumeist loyale Untertanen ihrer Fürsten. Sie erlebten ihre "bürgerliche Verbesserung" schließlich, indem sie im "Befreiungskrieg" gegen Napoleon Soldat wurden beziehungsweise erstmals werden konnten – das preußische Emanzipationsedikt hatte sie 1812 zu "Einländern" erklärt. Doch es war nur eine kurze Gleichheit: Der Wiener Kongress stellte 1815 mit den allerchristlichen Monarchien auch die fortwährende Diskriminierung der Juden in Staat und Gesellschaft wieder her.

Seit der Französischen Revolution und mit der Französischen Revolution als Schibboleth verlief die Geschichte der Juden in Frankreich und die der Juden in Deutschland gegenläufig. Denn dort folgte auf die staatsbürgerliche Gleichberechtigung durch die Revolution die gesellschaftliche Integration und die bildungsbürgerliche Akkulturation des Juden zum Israélite français . Im Deutschen Reich hingegen wurden die Juden erst 1871 politisch emanzipiert, nachdem sie sich längst als deutsche Bildungsbürger mosaischen Glaubens und wackere Kämpfer für das Vaterland akkulturiert hatten. Frankreich erlebte eine Judenemanzipation von unten, revolutionär, demokratisch. In Deutschland wurde sie von der Obrigkeit gewährt. Es sollte, wir mussten es grausam erfahren, eine Emanzipation auf Widerruf werden.

Der Autor ist apl. Professor für Philosophie und Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Sein Buch "Die jüdische Aufklärung" wurde 2003 mit dem Gleim-Preis ausgezeichnet

Christoph Schulte: Die jüdische Aufklärung

Verlag C.H. Beck; 279 S., 24,90 Euro