Am 24. Januar 1889 sieht die junge russische Schriftstellerin dem großen Cechov zum ersten Mal tief in die Augen. In ihrer Seele explodiert eine Rakete, steigt leuchtend, freudig, jubelnd und begeistert in die Höhe und bleibt als Stern an ihrem Lebenshimmel stehen, bis zu ihrem Tod. Eine geheime Liebe? Lydia Awilowa war verheiratet, weder glücklich noch unglücklich, gebar in rascher Folge drei Kinder. Man tauscht Briefe, man diskutiert über die Ehe (Schluss mit den Morgenmänteln, nicht diese russische Schlamperei, nicht diese empörende Art, sich gehen zu lassen!), die Unterdrückung der Frau und so weiter. Er erklärt ihr, warum der Ausdruck mit dem Stock die Strapazierfähigkeit der Schneeoberfläche tasten untauglich ist. Sie schickt ihm einen Anhänger, der ihre Liebe verraten soll. Er versteckt in der Möwe eine Anspielung auf ihre Erzählungen. So geht das hin. Kurz vor der geplanten Aussprache bricht er blutspeiend zusammen, bald darauf heiratet er Olga Knipper. Sie sehen sich ein letztes Mal auf einem Moskauer Bahnhof, er geht ohne Abschied davon, sie läuft ihm hinterher, sein letzter Blick ist streng, kalt, beinahe zornig. In seinem Todesjahr hat die Awilowa ihre Erinnerungen an Cechov geschrieben und später immer wieder überarbeitet. Ivan Bunin hat das kleine Buch in seinen Notizen zu Cechov ausführlich zitiert. Auf Deutsch erscheint das anrührende Werk nun zum ersten Mal. In seinem letzten, bisher unbekannten Brief an die Awilowa schreibt Cechov: Wenn ich für Ihr Glück etwas hätte tun können, ich hätte es mit Freude getan. Aber ich konnte nicht.

Lydia Awilowa: Tschechow, meine Liebe

Erinnerungen, a. d. Russischen v. Ruth Wyneken - edition ebersbach, Berlin 2004 - 157 S., 16,- e

Hat er sie geliebt? Hat er sie nicht geliebt? Glaubt man der Awilowa, so bringt eine späte Erzählung Cechovs die Wahrheit ans Licht: Von der Liebe, 1898 erstveröffentlicht und in dieser Neuübersetzung der späten Erzählungen enthalten. Hier gehen die zärtlichen Augen einer verheirateten jungen Frau und Mutter dem Erzähler nicht mehr aus dem Sinn. Aber wie lässt sich eine stille traurige Liebe gegen ein Familienleben aufrechnen? Über dieser Frage vergehen die Jahre. Beim Abschied auf dem Bahnhof begreift er, dass die Liebe von etwas Höherem, von etwas Wichtigerem ausgehen muss als Glück oder Unglück, Sünde oder Tugend. Darauf küsst er sie zum letzten Mal und verlässt sie für immer.

Anton Tschechow: Die Dame mit dem Hündchen

Erzählungen 1896-1903 - a. d. Russ. neu übersetzt von Vera Bischitzky u. a. -

Nachwort von G. Bauer - Artemis & Winkler, Düsseldorf 2004 - 518 S., 44,90 e